Experte warnt vor Verharmlosung islamistischer Homofeindlichkeit
Nach dem Anschlag auf den Christopher Street Day (CSD) in Berlin hat der Politikwissenschaftler Hendrik Hansen vor einer systematischen Unterschätzung islamistischer Homofeindlichkeit in Deutschland gewarnt. In einem Interview mit dem Tagesspiegel kritisierte der Professor der Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung, dass solche Taten häufig als Reaktion auf Diskriminierungserfahrungen verharmlost würden.
„Es gibt eine fatale Neigung, Islamismus als Reaktion auf Diskriminierungserfahrungen kleinzureden“, so Hansen wörtlich. „Da ist analytisch zwar ein Stück weit etwas dran, aber oft wird das Problem auf diesen einen Aspekt reduziert.“ Diese Sichtweise laufe darauf hinaus, den Islamismus zu entschuldigen und die Verantwortung vom Täter auf die Gesellschaft zu verlagern.
Mehrere Angriffe auf queere Menschen in Europa
Hansen verwies auf eine Reihe von Angriffen islamistischer Täter auf queere Menschen in den vergangenen Jahren in ganz Europa. „Es hat in den vergangenen Jahren europaweit diverse Angriffe von Islamisten auf queere Menschen gegeben“, sagte der Wissenschaftler. Allein in Deutschland gab es 2022 mehrere Fälle, darunter ein Messerangriff in Berlin und ein versuchter Brandanschlag auf ein queeres Zentrum in München.
Die Taten seien Teil eines wachsenden Trends, der von Sicherheitsbehörden und Politik oft nicht ausreichend ernst genommen werde. Dabei zeige die Radikalisierung vor allem junger Männer mit Migrationshintergrund, dass islamistische Homofeindlichkeit ein ernstzunehmendes gesellschaftliches Problem sei.
Kritik an gesellschaftlicher Verantwortungsverschiebung
Besonders problematisch sei die Tendenz, die Ursachen für islamistische Gewalt allein in gesellschaftlicher Diskriminierung zu suchen. „Das bedeutet, Islamismus ein Stück weit zu entschuldigen, als würden die Ursachen nicht beim Täter liegen, sondern bei der Gesellschaft“, erklärte Hansen. „Das halte ich für fatal, zumal es auch die Integrationsleistung von so vielen Muslimen kleinredet. Vor allem aber nimmt es dem Täter die Verantwortung für seine Tat.“
Die Debatte über Homophobie in muslimischen Communities werde dadurch erschwert, dass Kritik schnell als pauschale Verurteilung des Islams abgetan werde. Hansen plädierte für eine differenzierte Auseinandersetzung, die sowohl die individuelle Täterverantwortung als auch gesellschaftliche Faktoren berücksichtigt.
Anschlag auf CSD: Hintergründe und Folgen
Der Anschlag auf den diesjährigen Christopher Street Day in Berlin hatte bundesweit Entsetzen ausgelöst. Ein 27-jähriger Mann mit islamistischem Hintergrund hatte mehrere Teilnehmer der Parade mit einem Messer angegriffen und verletzt. Die Polizei ermittelt wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung.
Nach dem Anschlag wurden Rufe nach mehr Schutzmaßnahmen für queere Veranstaltungen laut. Der Berliner Senat kündigte an, die Sicherheitsvorkehrungen für CSD und andere Pride-Events zu verstärken. Gleichzeitig betonten Politiker aller Parteien die Notwendigkeit, präventiv gegen islamistische Radikalisierung vorzugehen.
Forschung und Politik in der Pflicht
Der Politikwissenschaftler Hansen forderte, dass die Forschung zu islamistischer Homofeindlichkeit stärker gefördert werden müsse. Bislang gebe es kaum belastbare Studien zu dem Phänomen. Auch die politische Bildung müsse das Thema stärker aufgreifen, um Vorurteile abzubauen und Toleranz zu fördern.
Die Debatte zeige, dass der Kampf gegen Homofeindlichkeit nicht auf die extreme Rechte verengt werden dürfe. Vielmehr müssten alle Formen von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit gleichermaßen bekämpft werden. „Nur so können wir eine inklusive Gesellschaft schaffen, in der alle Menschen sicher leben können“, schloss Hansen.



