Kolesnikowa: Unwille zum Zuhören gefährdet Demokratien
Kolesnikowa: Zuhören als Schlüssel für Demokratie

Die belarussische Bürgerrechtlerin Maria Kolesnikowa hat bei ihrer Festrede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele eindringlich für das gegenseitige Zuhören geworben. „Sprechen ist ein Recht, Zuhören ist Verantwortung“, sagte die 44-Jährige vor den Gästen im Großen Festspielhaus. Demokratien gerieten nicht erst dann unter Druck, wenn die Menschen nicht mehr sprechen dürften, sondern sie seien schon durch den Unwillen zum Zuhören gefährdet, betonte die ehemalige politische Gefangene.

Fünf Jahre Haft und die Bedeutung des Dialogs

Kolesnikowa, die in Belarus fünf Jahre im Gefängnis saß, unterstrich die Bedeutung von Diplomatie und Dialog. Ihre eigene Freilassung verdanke sie dem Umstand, dass Menschen selbst unter schwierigsten Umständen nicht aufgehört hätten, miteinander zu sprechen. Umso mehr sei sie überrascht, wie sehr „Gereiztheit, Misstrauen und wachsende gegenseitige Entfremdung“ inzwischen das politische und gesellschaftliche Leben in vielen Ländern prägten.

Die Flötistin war 2020 eine der Anführerinnen der Massenproteste in Belarus nach der von Manipulationsvorwürfen überschatteten Präsidentenwahl. Sie wurde festgenommen und zu einer langen Haftstrafe verurteilt. Erst im Juni 2024 kam sie im Rahmen eines größeren Gefangenenaustauschs frei – zusammen mit rund 120 weiteren politischen Gefangenen.

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226 Tage Freiheit und Dankbarkeit

Die vergangenen 226 Tage seit ihrer Freilassung seien die kostbarsten ihres Lebens gewesen, sagte Kolesnikowa. Sie sei dankbar für die vielen lang entbehrten Kontakte und Erlebnisse. Zugleich gebe es keinen einzigen Tag, an dem sie nicht an die Menschen denken würde, die noch im Gefängnis säßen. Diese Erfahrung habe ihren Blick auf die Demokratien in Europa und der Welt geschärft.

Ihre Festrede fiel in eine Zeit zunehmender Polarisierung auch in westlichen Gesellschaften. Kolesnikowa rief dazu auf, die Kunst des Zuhörens wiederzuentdecken. „Darin liegt für mich eine der größten Herausforderungen unserer Zeit“, erklärte sie. Nur durch echten Austausch könnten Gräben überwunden und das Vertrauen in demokratische Institutionen gestärkt werden.

Optimismus trotz aller Widrigkeiten

Trotz der erlebten Unfreiheit und der anhaltenden Repressionen in ihrem Heimatland bleibt die 44-Jährige Optimistin. Diese Einstellung habe auch damit zu tun, dass es immer Menschen geben werde, „die nach Lösungen suchen, nicht nach neuen Feinden“, sagte sie. Ihre Zuversicht speise sich aus der Erfahrung, dass Dialog auch unter extremen Bedingungen möglich sei.

Erst vor wenigen Monaten konnte Kolesnikowa den Internationalen Karlspreis entgegennehmen, der ihr bereits 2022 zuerkannt worden war. Die Auszeichnung würdigt ihren unermüdlichen Einsatz für Demokratie und Menschenrechte in Belarus.

Salzburger Festspiele als Bühne für die Demokratie

Die Salzburger Festspiele, die bis Ende August dauern, stehen in diesem Jahr unter dem Eindruck globaler Krisen. 208 Aufführungen stehen auf dem Programm, mehr als 200.000 Gäste werden erwartet. Die Einladung Kolesnikowas zur Festrede signalisiert, dass die Festspiele auch als Forum für gesellschaftspolitische Debatten verstanden werden.

Ihre Mahnung, den Unwillen zum Zuhören als Gefahr für die Demokratie zu begreifen, fand im Publikum großen Beifall. Die Bürgerrechtlerin appellierte an jeden Einzelnen, Verantwortung zu übernehmen: „Zuhören ist nicht passiv, es ist ein aktiver Beitrag zur Demokratie.“

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