Bei den Senatsvorwahlen im US-Bundesstaat Michigan zeichnet sich ein Sieg des progressiven Kandidaten Abdul El-Sayed gegen die moderate Haley Stevens ab. Das berichtet die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf Umfragen. El-Sayed lag bis zum Wahltag im Schnitt rund zehn Prozentpunkte vor seiner parteiinternen Konkurrentin. Ein Erfolg des 41-Jährigen wäre eine potenziell epochale Entscheidung nicht nur für Michigan, sondern für die gesamte Demokratische Partei.
Richtungskampf zwischen Establishment und linkem Flügel
Die Vorwahl am Dienstag gilt als Höhepunkt des parteiinternen Richtungskampfs zwischen dem Establishment und dem linken Flügel der Demokraten. Es geht um die Nachfolge des langjährigen Senators Gary Peters, der nach 18 Jahren im Amt nicht mehr antritt. Die Partei muss den Sitz bei den Kongresswahlen im November verteidigen, um eine Chance auf die Senatsmehrheit zu haben. Gleichzeitig müssen die Demokraten vier weitere Sitze von den Republikanern erobern, was als schwierig gilt, da Michigan bei der Präsidentschaftswahl 2024 mehrheitlich für Donald Trump stimmte.
Moderate Demokraten befürchten, dass El-Sayeds klare progressive Positionen zu viele Wähler abschrecken könnten. Der langjährige Parteifunktionär Joe DiSano aus Michigan warnte im US-Medium „The Hill“: „Wir werden Wahlen verlieren, die wir sonst nicht verlieren würden.“ Er bezog sich dabei auf zwei Wahlkreise für das Repräsentantenhaus, die eigentlich sicher für die Demokraten schienen. „Wegen El-Sayed an der Spitze der Wahlliste sind sie möglicherweise in Gefahr.“
El-Sayed: „Ich habe viel Abscheu für das System“
El-Sayed, Sohn ägyptischer Einwanderer, gibt sich kämpferisch. „Ich habe viel Abscheu für das System“, sagte er in einem Interview: „Ich bin nicht hier, um nett zu sein.“ Er bezeichnete Stevens als „die unfähigste Kandidatin Amerikas“ und spricht von „legalisierter Bestechung“, wenn es um den Einfluss von Geld in der Politik geht. Sein Wahlprogramm sieht ein öffentliches Wahlkampffinanzierungssystem, ein Spendenverbot für Konzerne und eine Reform des Supreme Court vor. Zudem fordert er eine öffentliche Krankenversicherung, eine strengere Regulierung von Künstlicher Intelligenz und höhere Steuern für Superreiche.
Seine Positionen decken sich weitgehend mit denen der „Democratic Socialists of America“ (DSA), der linken Graswurzelorganisation, die in den vergangenen Jahren an Einfluss gewonnen hat. Unterstützung erhält El-Sayed unter anderem von Senator Bernie Sanders und der Gewerkschaft United Auto Workers (UAW). Rund ein Drittel der Demokraten bezeichnen sich inzwischen selbst als „demokratische Sozialisten“. Sie sind tendenziell jünger, haben weniger formale Bildung und niedrigere Einkommen, sind aber motivierter, wählen zu gehen.
Israelfrage spaltet die Kandidaten
Ein zentraler Streitpunkt zwischen den Flügeln ist die Haltung zu Israel. Während moderate Demokraten die Militärhilfe für Israel unterstützen, lehnt El-Sayed dies ab. Er argumentiert, Steuergelder sollten lieber in den USA eingesetzt werden. Israel erhält jährlich mindestens 3,8 Milliarden US-Dollar Militärhilfe, laut einem Bericht der Brown University kamen bis September 2025 insgesamt 21,7 Milliarden Dollar zusammen. Bei der Präsidentschaftswahl 2024 hatte dieses Thema in Michigan eine entscheidende Rolle gespielt. Mehr als 100.000 Wähler, davon 50.000 in Michigan, hatten sich bei den Vorwahlen als „uncommitted“ erklärt, um gegen die Israel-Politik von Joe Biden zu protestieren. Auch El-Sayed hatte damals zu dieser Protestform aufgerufen.
Der Politologe Michael Traugott von der Universität Michigan sieht in Harris’ Unfähigkeit, arabischstämmige Wähler zu überzeugen, einen Grund für ihre Niederlage: „Harris' Unfähigkeit, die arabischstämmigen Amerikaner für sich zu gewinnen, spielte eine kleine, aber bedeutende Rolle.“ Bei „Voice of America“ hieß es: „Muslimische und arabische Wähler wenden sich von Demokraten ab. Der Exodus half Trump Schlüsselstaaten zu gewinnen, besonders Michigan.“
November-Wahl gegen Mike Rogers
Unabhängig vom Ausgang der Vorwahl wird der Republikaner Mike Rogers der Gegner der Demokraten im November sein. Rogers hatte vor zwei Jahren bereits für den anderen Senatssitz kandidiert, verlor aber knapp mit 0,3 Prozentpunkten gegen die moderate Demokratin Elissa Slotkin. Slotkin gilt als Beleg dafür, dass auch mit moderateren Positionen Wahlen zu gewinnen sind. Sie hatte mit einer Strategie des „besser verlieren“ gewonnen, die bedeutet, keinen Wahlkreis aufzugeben und auch in konservativen Gebieten um Stimmen zu werben.
Sollte El-Sayed die Vorwahl gewinnen und im November in den Senat einziehen, hätte das enorme Auswirkungen auf die Ausrichtung der Demokraten für die zweite Hälfte von Trumps Amtszeit und die Präsidentschaftswahlen 2028. Der linke Flügel würde gestärkt, und die Debatte über die Zukunft der Partei würde weiter an Fahrt gewinnen.



