EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj haben einen milliardenschweren Vertrag zur gemeinsamen Drohnenproduktion unterzeichnet. Das Abkommen sieht die Herstellung ukrainischer Drohnen und Raketen in EU-Mitgliedstaaten vor und soll Europa unabhängiger von den USA machen. Von der Leyen bezeichnete die Ukraine bei dem Treffen in Kiew als „Nettoanbieter von Sicherheit für Europa“ und betonte, die Europäer könnten „vieles von Ihnen lernen“, vor allem vom „Erfindungsreichtum Ihrer Verteidigungsindustrie“.
Ukrainische Drohnenindustrie als Vorbild
Die Ukraine hat im Überlebenskampf gegen Russland eine einzigartige Drohnenindustrie aufgebaut, die weltweit als kostengünstig und innovativ gilt. Anders als die USA oder europäische Staaten kann Kiew auf jahrelange Gefechtserfahrung zurückgreifen. Riho Terras, estnischer Ex-General und EVP-Abgeordneter im EU-Parlament, erklärte gegenüber ntv.de: „Die Ukraine hingegen hat auf Basis jahrelanger realer Gefechtserfahrung deutlich kostengünstigere Lösungen entwickelt.“ Während die USA im Konflikt mit dem Iran extrem teure Abfangraketen einsetzten, um günstige Shahed-Drohnen abzuschießen, habe die Ukraine preiswertere Alternativen gefunden.
Milliardenschwere Projekte ab 2026
Der Vertragsentwurf, der dem polnischen Fernsehsender TVP vorliegt, sieht den Start milliardenschwerer Projekte noch in diesem Jahr vor. Erstmals könnte die Ukraine einen Teil ihrer Drohnenbestände auf europäischem Boden lagern – in Sicherheit vor russischen Raketen. Die EU-Kommission schnürt für alle gemeinsamen Rüstungsprojekte ein Finanzpaket von insgesamt 18 Milliarden Euro. Zudem werden in Brüssel Sonderregeln geprüft, um für Kiew im Rüstungssektor teilweise gleiche Wettbewerbsbedingungen zu schaffen. Im Gegenzug baut die Ukraine bis 2027 Barrieren für europäische Firmen bei Verträgen und Ausschreibungen ab.
Freyja-Raketensystem als Patriots-Ergänzung
Kiew und Brüssel planen zudem die gemeinsame Raketenherstellung, deren Beginn ab 2028 anvisiert wird. Das Raketenabwehrsystem Freyja soll vor allem ballistische Raketen abfangen und ukrainische Abfangraketen mit europäischen Radaren, Sensoren sowie Führungs- und Kontrollsystemen kombinieren. Ziel ist es, das amerikanische Patriotsystem zu ergänzen. Marie-Agnes Strack-Zimmermann, Vorsitzende des EU-Verteidigungsausschusses, sagte ntv.de: „Bei ballistischer Raketenabwehr bleibt die Abhängigkeit von Patriot und THAAD vorerst bestehen, das ist die unbequeme Wahrheit. Genau deshalb müssen Freyja und die europäische Lizenzproduktion von Abfangraketen jetzt Priorität haben.“
Stärkung der Verhandlungsposition gegenüber Trump
Von der Leyen ist sich bewusst, dass der Deal Europa im Kräftemessen mit US-Präsident Donald Trump stärkt. Je früher die Drohnentechnologie in der EU vorankommt, desto besser kann Brüssel bei Verhandlungen über Zölle oder andere Themen auftreten. Strack-Zimmermann betonte: „Niemand will die transatlantische Partnerschaft beerdigen. Aber ein Europa, das sich selbst verteidigen kann, muss in Washington nicht mehr als Bittsteller auftreten, sondern verhandelt auf Augenhöhe. Das ist der eigentliche Wert dieses Deals.“
Herausforderungen und Anpassungen
Damit die Produktion reibungslos funktioniert, mahnte Strack-Zimmermann, die EU müsse sich an die Flexibilität und Schnelllebigkeit der ukrainischen Drohnenindustrie anpassen. „Drohnen sind Verbrauchsgüter mit Innovationszyklen von wenigen Wochen. Wer da im Behördentempo unterwegs ist, produziert Schrott für die Halde“, sagte sie. Brüssel solle auf langwierige Planungsprozesse wie Arbeitskreise und Zwischenberichte verzichten. Die Ukraine habe in vier Jahren eine Rüstungsindustrie aufgebaut, für die Europa „Jahrzehnte gebraucht hätte“.
Vorteile für die Ukraine
Yurii Lomikovskyi, Mitbegründer des ukrainischen Rüstungsnetzwerks Iron, erklärte gegenüber ntv.de: „Was den EU-Ukraine-Drohnen-Deal wichtig macht, ist, dass er festschreibt, was für uns am meisten zählt: die Skalierung der Produktion kampferprobter ukrainischer Technologien auf dem Gebiet der EU-Länder – wo die Produktion sicherer ist, wo es mehr Arbeitskräfte und erhebliche automatisierte Industriekapazitäten gibt – und dass diese Produktion den Bedarf der Streitkräfte der Ukraine deckt.“ Die sicheren und größeren Produktionskapazitäten in EU-Staaten helfen Kiew, im Wettlauf mit Russland zu bestehen, das Erfindungen schnell kopiert und in Massenproduktion herstellt. Lomikovskyi fügte hinzu: „Es ist wichtig zu verstehen, dass die Ukraine nicht nur Technologie einbringt – sie bringt das gesamte Verständnis dafür ein, wie man Technologien in einer extrem schnellen und herausfordernden Zeit skaliert. Das ist ein Wert, der sich nicht einfach mit Geld kaufen lässt.“



