Netanyahu feiert Einnahme der Burg Beaufort als Erfolg
Seit sechs Wochen gilt offiziell eine Waffenruhe zwischen Israel und dem Libanon. Doch am vergangenen Wochenende war davon kaum etwas zu spüren. Im Gegenteil: Die israelische Armee weitete ihre Bodenoffensive auf Anordnung von Regierungschef Benjamin Netanyahu aus. Der Premier wertete die Einnahme der strategisch wichtigen Burg Beaufort im Libanon als „dramatische Wendung“ im Kampf gegen die proiranische Hisbollah. In einem am Sonntag veröffentlichten Video sprach Netanyahu zudem von einer „dramatischen Etappe“ der israelischen Bodenoffensive gegen die von Iran unterstützte Miliz.
Die auch unter dem Namen Kalaat al-Schakif bekannte mittelalterliche Kreuzritterburg gilt aufgrund ihrer Lage mit Blick über weite Teile des Südlibanon als strategisch bedeutend. Die israelische Armee hatte die Festung bereits im Libanonkrieg 1982 erobert und bis zu ihrem Rückzug aus dem Libanon im Jahr 2000 als Stützpunkt genutzt. Am Sonntag war in der Umgebung der Burg Artilleriefeuer zu hören, wie ein AFP-Reporter berichtete. Über der Burg wehte die israelische Flagge.
Hisbollah setzt Angriffe fort
Die Hisbollah erkennt die ausgehandelte Waffenruhe nicht an. Die Miliz erklärte ihrerseits, am Sonntag Infrastruktur in den nordisraelischen Orten Schlomi und Naharija angegriffen zu haben. In der Gegend der israelischen Hafenstadt Akko ertönte Luftschutzalarm. Später teilte die Miliz mit, sie greife israelische Stellungen nahe Beaufort an.
Scharfe Kritik aus Frankreich, Deutschland und Großbritannien
Besonders aus Frankreich kam deutliche Kritik am israelischen Vorgehen im Libanon. „Nichts rechtfertigt die derzeitige massive Eskalation im Südlibanon“, erklärte der französische Präsident Emmanuel Macron. Der UN-Sicherheitsrat soll nach Informationen der Nachrichtenagentur AFP am Montag auf Antrag Frankreichs eine Dringlichkeitssitzung abhalten. Frankreich erkenne Israels Recht zur Verteidigung gegen die Hisbollah-Angriffe an, doch „nichts kann die Verlängerung der israelischen Militäreinsätze im Libanon und die Besetzung von Gebieten immer tiefer auf libanesischem Gebiet rechtfertigen“, sagte der französische Außenminister Jean-Noël Barrot dem Fernsehsender BFMTV. Mit diesem Vorstoß begehe Israel einen „schweren Fehler“.
Deutschlands Außenminister Johann Wadephul rief Israel und die Hisbollah dringend auf, zur vereinbarten Waffenruhe zurückzukehren. „Das weitere Vorrücken der israelischen Armee im Süden des Libanon gibt Anlass zu großer Sorge“, teilte der CDU-Politiker am Rande seines Besuchs bei den Vereinten Nationen mit. Israel müsse bei seinem Vorgehen gegen die Hisbollah Zivilisten und zivile Infrastruktur schützen. „Jede weitere Eskalation verschärft die ohnehin schon angespannte Lage zusätzlich und sorgt für neue Fluchtbewegungen innerhalb des Libanon“, warnte Wadephul. Das weitere Vorrücken der israelischen Armee im Süden des Libanon sei eine Reaktion auf fortdauernde Angriffe der Hisbollah auf den Norden Israels, die endlich aufhören müssten.
Die britische Außenministerin Yvette Cooper forderte ebenfalls ein Ende der israelischen Angriffe im Libanon. Die Eskalation habe Zivilisten getötet und vertrieben, Infrastruktur zerstört und den Raum für Diplomatie eingeschränkt, erklärte sie auf X. Zugleich müsse die Hisbollah ihre Angriffe auf Israel einstellen und sich entwaffnen. Alle Seiten müssten die Waffenruhe respektieren und ernsthaft verhandeln.
US-Vermittlung und neue Gespräche
In der Nacht nahm der US-Außenminister Marco Rubio Kontakt mit Netanyahu und dem libanesischen Präsidenten Joseph Aoun auf. Dabei soll er beide Seiten gedrängt haben, auf eine Waffenruhe zwischen Israel und der Hisbollah hinzuarbeiten. Die Miliz solle alle Angriffe auf Israel einstellen, und im Gegenzug müsse Israel auf eine Eskalation in Beirut verzichten.
Die israelische Armee hatte am Wochenende eine Ausweitung ihres Bodeneinsatzes im Libanon gemeldet. Israelische Soldaten überquerten demnach den Fluss Litani. Ein Sprecher forderte die Bewohner aller libanesischen Gebiete südlich des Flusses Sahrani auf, sich „sofort“ in Gebiete nördlich des Flusses in Sicherheit zu bringen, der nördlich des Litani liegt. Jedes von der Hisbollah genutzte Gebäude könne zum Angriffsziel werden.
Der Libanon war durch neue Angriffe der Hisbollah auf Israel Anfang März in den Irankrieg hineingezogen worden. Libanesischen Angaben zufolge wurden seither mehr als 3.400 Menschen durch israelische Angriffe getötet und mehr als eine Million Menschen vertrieben.
Libanesischer Premier wirft Israel „Strategie der verbrannten Erde“ vor
Der libanesische Regierungschef Nawaf Salam warf Israel eine Strategie „der verbrannten Erde und der Kollektivstrafe“ vor. Diese werde Israel „weder Sicherheit noch Stabilität“ bringen, sagte Salam in einer Fernsehansprache. Zugleich verteidigte er die Fortsetzung direkter Verhandlungen mit Israel als den „am wenigsten kostspieligen Weg“ für den Libanon. Armeedelegationen aus dem Libanon und Israel hatten sich am Freitag in Washington zu Sicherheitsgesprächen getroffen. Für kommende Woche sind weitere von den USA vermittelte Verhandlungen geplant. Die Hisbollah lehnt die direkten Gespräche zwischen dem Libanon und Israel ab.



