Berlins Olympia-Beauftragter Kaweh Niroomand hat im Interview mit dem Tagesspiegel die Bedeutung des Rückzugs von Kai Wegner für die Olympiabewerbung relativiert. „Ein Vorhaben dieser Größenordnung darf nicht von einer einzelnen Person abhängig sein“, sagte Niroomand. Die Bewerbung sei breit aufgestellt und werde von vielen Akteuren aus Sport, Politik und Stadtgesellschaft getragen. Er sei überzeugt, dass man den Weg gemeinsam erfolgreich fortsetzen könne.
Wegners Rolle und Vertrauensverhältnis
Niroomand räumte ein, dass Wegner als Fürsprecher wichtig gewesen sei. „Kai Wegner hat in zahlreichen Gesprächen ein enges Vertrauensverhältnis zu den Verantwortlichen des DOSB und den Spitzenverbänden aufgebaut. Solche Beziehungen basieren auf persönlichem Austausch und gegenseitigem Vertrauen, lassen sich also nicht kurzfristig ersetzen.“ Dennoch sei das Projekt längst breiter aufgestellt. Niroomand habe noch nicht persönlich mit Wegner gesprochen, gehe aber davon aus, dass dieser bis zur DOSB-Entscheidung am 26. September weiterhin volle Unterstützung biete.
Politische Stabilität und breite Basis
Der Olympia-Beauftragte betonte die Notwendigkeit politischer Stabilität: „Entscheidend wird nun sein, dass Berlin politische Stabilität und Verlässlichkeit ausstrahlt.“ Der neue CDU-Spitzenkandidat Stefan Evers sei ein entschiedener Olympia-Befürworter und werde sein Engagement sichtbar fortsetzen. Niroomand wünscht sich, dass alle politischen Verantwortungsträger über Parteigrenzen hinweg geschlossen auftreten. „Eine Olympiabewerbung kann nur erfolgreich sein, wenn diese über Parteigrenzen hinweg getragen wird.“
Kritik von Klara Schedlich und Umfragen
Auf die Kritik der Grünen-Politikerin Klara Schedlich, der DOSB werde sich „niemals für Berlin in diesem Chaos entscheiden“, entgegnete Niroomand: „Wer politische Verantwortung für Berlin übernehmen möchte, sollte alles daransetzen, das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit unserer Stadt zu stärken.“ Umfragen zeigten, dass eine Mehrheit der Berliner einer Olympiabewerbung offen gegenüberstehe, auch unter Wählern der Grünen. „Deshalb wünsche ich mir, dass wir diese Debatte mit Zuversicht und auf Grundlage der Fakten führen.“
Wettbewerb mit München und Stärken Berlins
Zu Umfragen, die München vor Berlin sehen, sagte Niroomand: „Man muss diese Umfrage genau lesen. Diese bewertet nicht die Qualität des jeweiligen Bewerbungskonzepts, sondern die Einschätzung der Menschen, welche Stadt derzeit die besseren Chancen hat.“ Berlin bringe starke Voraussetzungen mit: das größte Nahverkehrsnetz in Deutschland, die höchste Hotelkapazität und eine international erprobte touristische Infrastruktur. Zudem wolle man bis auf eine Ausnahme ausschließlich bestehende Sportstätten nutzen, was dem nachhaltigen Ansatz des IOC entspreche.
Dialog und Feinkonzept-Vorstellung
Niroomand zeigte sich zuversichtlich für die Vorstellung des Feinkonzepts am Mittwoch am THF Tower am Flughafen Tempelhof. „Als wir die ersten Dialogveranstaltungen geplant haben, waren wir uns nicht sicher, wie groß das Interesse sein würde. Tatsächlich war die Resonanz deutlich höher, als wir erwartet hatten.“ Dies zeige, dass viele Berliner sich ernsthaft mit der Bewerbung auseinandersetzen wollten.
Kein Grund für Aufgabe der Bewerbung
Auf die Frage, ob die Bewerbung nach dem Wegner-Rückzug aufgegeben werden sollte, antwortete Niroomand: „Nein, ganz im Gegenteil. Gerade jetzt wäre es falsch, die Bewerbung infrage zu stellen.“ Man konkurriere in diesem Schritt nicht mit internationalen Metropolen, sondern mit einer anderen deutschen Stadt. „Wenn Berlin in diesem Wettbewerb unterliegt, bedeutet das, dass sich in den kommenden Jahrzehnten ein erheblicher Teil der nationalen Aufmerksamkeit, der politischen Prioritäten sowie der Investitionen für Infrastruktur, Wirtschaft, Kultur, Sport und Innovation auf einen anderen Standort konzentrieren werden.“ Olympische Spiele seien ein Katalysator für die gesamte Stadtentwicklung. „Aus meiner Sicht kann und darf Berlin auf diese Chance nicht verzichten.“



