Die Europäische Union hat sich am Donnerstag auf neue Sanktionen gegen Russland geeinigt – doch die russische Atomindustrie bleibt erneut ausgespart. Diese Lücke nutzt Frankreich aus: Im niedersächsischen Lingen darf ein französisches Unternehmen mit möglicher Beteiligung russischer Kriegsverbrecher Brennelemente fertigen. Der russische Präsident Wladimir Putin erschließt sich damit eine neue Einnahmequelle für seine Kriegskasse – ausgerechnet im Emsland.
Das umstrittene Projekt in Lingen
Seit 1979 werden in Lingen Brennelemente hergestellt. Betreiber ist die Advanced Nuclear Fuels GmbH (ANF), die Kernbrennstoffsparte des französischen Unternehmens Framatome. Framatome gehört zum staatlichen französischen Energiekonzern EDF. Nach dem deutschen Atomausstieg brachen die wichtigsten Kunden weg: die deutschen Atomkraftwerke. Die Fabrik war zeitweise nur zu 23 Prozent ausgelastet, wie die Grünen mitteilen. ANF und Framatome suchten daher neue Absatzmärkte und konzentrierten sich auf osteuropäische Kernkraftwerke sowjetischer Bauart, die spezielle sechseckige Brennelemente benötigen.
Bislang werden diese Brennstäbe in Russland hergestellt. Der französische Plan, sie künftig in Lingen zu produzieren, sollte die Abhängigkeit von Putin verringern. Doch die Produktionstechnik ist Neuland für ANF: Die ersten Lieferungen an Tschechien sollten bereits 2024 erfolgen, an Bulgarien Ende 2025 – doch der Zeitplan ist ins Hintertreffen geraten. Die Slowakei und Ungarn haben Lieferverträge ab 2027. Um die Produktion anzukurbeln, holte ANF den bisherigen Hersteller TVEL, die Brennstoff-Tochter des staatlichen russischen Atomkonzerns Rosatom, mit ins Boot. Seit zwei Jahren helfen TVEL-Mitarbeiter beim Aufbau der Anlagen und der Ausbildung – zunächst in einem alten Möbellager, um die Sicherheitsauflagen der Brennelementefabrik zu umgehen.
Sicherheitsbedenken und fehlendes Mitspracherecht
Niedersachsens Umweltminister Christian Meyer (Grüne) lehnt das Projekt ab. Auch der Industrieexperte Sebastian Stier, Physiker und Autor des Weltnuklearberichts (WNISR), sieht erhebliche Risiken: „Solche Anlagen sind Hochsicherheitsbereiche. Es gibt strenge Auflagen, wer das Gelände betreten darf. Die Mitarbeiter müssen überprüft werden. Und jetzt will man auf einmal Mitarbeitern einer russischen Firma, die an der Besetzung des ukrainischen Atomkraftwerks Saporischschja beteiligt ist, Zugang gewähren? Man kann sich ausmalen, welches Gefahrenpotenzial vorhanden ist.“
Doch das niedersächsische Umweltministerium hatte im Genehmigungsverfahren de facto kein Mitspracherecht. Es durfte den Antrag nur auf Basis des Atomgesetzes prüfen – ein Veto wäre nur bei Verstößen gegen Strahlenschutzbestimmungen möglich gewesen, was unwahrscheinlich ist. Aus Gründen der nationalen Sicherheit hätte nur die Bundesregierung ein Veto einlegen können, doch das Kanzleramt wollte offenbar keinen Konflikt mit Frankreich riskieren. Im Weltnuklearbericht 2024 heißt es unter Berufung auf Regierungsquellen: „Das Kanzleramt möchte in einem Bereich von geringer strategischer Bedeutung nichts unternehmen, was Frankreich als Stolperstein betrachten könnte.“
Widersprüchliche Auflagen
Die Politik versucht, die Sicherheitsbedenken mit strengen Auflagen zu entkräften. Ein 149-seitiger Genehmigungsbericht des niedersächsischen Umweltministeriums legt fest: TVEL- und Rosatom-Mitarbeiter dürfen das Werksgelände grundsätzlich nicht betreten (S. 26). Russische Maschinen und Software müssen extern überprüft werden, die Anlagen dürfen nicht mit anderen IT-Systemen vernetzt werden. Gelieferte Brennstäbe sind vor der Verarbeitung auf Manipulation zu prüfen. Verstöße können zum Entzug der Genehmigung führen.
Doch das Ministerium räumt eine Ausnahme ein: Legt ANF ein „Konzept zur Risikominimierung“ vor, dürfen TVEL-Mitarbeiter die Fabrik doch betreten – vorausgesetzt, sie wurden vom Ministerium auf ihre Zuverlässigkeit geprüft und stehen unter Aufsicht von zwei ANF-Mitarbeitern. Stier bezweifelt, dass dies ausreicht: „Das sind ganz andere Brennelemente. Die Mitarbeiter von ANF haben keinerlei Erfahrung damit. Was passiert, wenn ein Problem auftritt? Man wird auf die jahrzehntelange Erfahrung der Russen zurückgreifen müssen.“
Politische Dimension und Alternativen
Die Grünen versuchten im Dezember 2025, das Projekt über den Bundestag zu stoppen. Doch Union und SPD lehnten den Antrag gemeinsam mit der AfD ab. Die deutsche Politik fügt sich französischen Wirtschaftsinteressen, denn für die französische Atomindustrie ist Rosatom ein enger Partner – trotz des Ukraine-Kriegs. Framatome liefert weiterhin Reaktorsicherheitssysteme für russische Atomkraftwerke, etwa für den neuen Block des Kernkraftwerks Kursk nahe der ukrainischen Grenze, und beteiligt sich an russischen Projekten in Ungarn, Ägypten und der Türkei.
Dabei gäbe es eine Alternative: Framatome könnte mit dem US-kanadischen Konzern Westinghouse kooperieren, der bereits ein eigenes Design für sechseckige Brennelemente entwickelt hat. Doch Framatome sieht Westinghouse offenbar als Konkurrenten, nicht als Partner. Stier betont: „Es gibt keine Anzeichen, dass die französisch-russische Zusammenarbeit beendet werden soll. Sollte Rosatom neue Ausschreibungen gewinnen, ist mit französischer Technik zu rechnen.“
Der Sieger dieser Geschäfte ist Wladimir Putin. Er verdient künftig mit Brennelementen „Made in Germany“ und bleibt in die Energieversorgung Europas eingebunden.



