Die Lage am Abend: Fußball ist ein einfaches Spiel: 22 Männer jagen 90 Minuten lang einem Ball nach, und am Ende gewinnen immer die... Von Michail Hengstenberg.
1. Aufbau Ostflanke
Seit einiger Zeit geistert ein unschönes Bedrohungsszenario durch die öffentliche Debatte: Bald schon, womöglich noch vor 2030, werde Russland die Nato angreifen, heißt es. Diese Schreckensvision wurde jetzt weiter genährt: Recherchen skandinavischer Medien und die Auswertung neuer Satellitenbilder legen nahe, dass Russland an den Grenzen zu Norwegen und Finnland seine militärische Infrastruktur massiv ausbaut. In den Wochen vor dem Ukrainekrieg hatte Russland seine Truppen ebenfalls entlang der Grenze zu dem Land zusammengezogen. Sollte sich die Geschichte wiederholen? Droht eine russische Invasion der beiden europäischen Nato-Staaten?
Die Finnen, an deren Grenze aufgerüstet wird, üben sich in nordischer Gelassenheit. Der Vorsitzende des Verteidigungsausschusses des finnischen Parlaments, Jukka Kopra, sagte der „FAZ“, der Ausbau der Stellungen sei erwartet worden. Diese Maßnahmen seien von Russland bereits angekündigt worden. Der Aufbau erfolge langsam, aber stetig, so Kopra.
Meine Kollegin Ann-Dorit Boy aus dem Auslandsressort schätzt es ähnlich ein. „Russland baut seit Längerem seine Militärpräsenz nahe der finnischen und norwegischen Grenze aus – stärker natürlich seit dem Nato-Beitritt von Finnland (2023) und Schweden (2024)“, sagt Ann-Dorit. Das Land baue dort Kasernen beziehungsweise weite die Kapazitäten bereits bestehender Stützpunkte massiv aus. So sollen etwa im russischen Petschenga, etwa zehn Kilometer von der norwegischen Grenze in Lappland entfernt, künftig statt 7000 Soldaten 17.000 Armeeangehörige untergebracht werden können. An der Grenze zu Finnland sollen statt 20.000 künftig 80.000 Soldaten stationiert werden. Das würde allerdings nach dem Ende des Ukrainekriegs geschehen: „Erst dann könnte der Kreml dort Soldaten in der Größenordnung stationieren, wie es jetzt angedeutet wird“, so Ann-Dorit.
Von der Lässigkeit der Nordländer können wir uns eine Scheibe abschneiden. Sie leben schon lange mit einer sehr viel konkreteren Bedrohung. Bei den Finnen etwa gehört die Erfahrung des „Winterkrieges“, also der russischen Invasion 1939, zum kollektiven Gedächtnis. Warum die Menschen dort deswegen ganz anders zur Wehrpflicht stehen, lesen Sie hier: „Wenn Gefahr droht, schaut ihr Deutschen weg“.
2. Der Rubel, äh, der Ball rollt
Sind Sie schon in der WM-Euphorie? Ich nicht. Das ist regelmäßig so, meine Begeisterung entzündet sich erst im Laufe des Turniers. Bei dieser aufgeblähten WM mit ihren obszönen Ticketpreisen und dem Fifa-Friedenspreis für Trump im Vorfeld ist meine Unlust besonders ausgeprägt. Für einen kurzen Moment habe ich erwogen, nur das Stück meiner Kollegen aus dem Sportressort zu lesen und die WM an mir vorbeiziehen zu lassen. Jan Göbel und Danial Montazeri haben alle 48 Teams nach ihren Stärken und Schwächen analysiert und legen sich fest, wer Weltmeister wird. So viel verrate ich Ihnen: Deutschland ist es nicht (hier mehr dazu). Einfach am 19. Juli schauen, ob Jan und Danial recht behalten haben – eine verlockende Vorstellung. Andererseits habe ich heute noch nicht wirklich etwas vor, wenn um 21 Uhr Mexiko gegen Südafrika das Turnier eröffnet… Lesen Sie hier die ganze Geschichte: 48 Teams, 48 unnütze Fakten.
3. Ein Prinzessinnensohn im Luxusknast
Leben wie Gott in Frankreich – dieses sehr alte Sprichwort könnte demnächst renoviert werden: Leben wie Marius Borg Høiby im norwegischen Gefängnis. Der 29-Jährige ist wegen Sexualstraftaten und weiterer Delikte angeklagt, kommende Woche soll es ein Urteil geben, ihm droht eine mehrjährige Haftstrafe. Kürzlich tauchte ein Bild von Høiby auf. Es zeigt ihn braun gebrannt mit Sonnenbrille und drei anderen Männern in einem Pool. Im Gefängnis (lesen Sie hier mehr). Wie war das möglich? Wieder einmal wunderten sich die Norweger über den Sohn von Kronprinzessin Mette-Marit, die Zeitungen recherchierten, und siehe da – das Bild war mithilfe von KI manipuliert. Allerdings eher minimalistisch. Den Pool gibt es wirklich im Knast von Oslo, ebenso wie andere Annehmlichkeiten für die Insassen, etwa „Yoga unter freiem Himmel“, wie der Direktor der Haftanstalt Oslo Fengsel in einem Schreiben wirbt. Diese komfortablen Bedingungen sind allerdings keine VIP-Vorzugsbehandlung, sondern völlig normal. „In Norwegens Haftanstalten ist vieles gestattet, was andernorts unüblich wäre“, schreibt mein Kollege Jan Petter. Seinen Bericht über die skandinavische Knastphilosophie lesen Sie hier: Ein Planschbecken für den „Bonusprins“.
Was heute sonst noch wichtig ist: Merz fordert im Reformprozess von Bürgern Wohlwollen. Bis zur Sommerpause sollen große Reformen auf dem Weg sein, der Druck auf die Regierung ist massiv. Nun hat Kanzler Merz im Bundestag einen neuen Versuch gestartet, das Land auf seinen Kurs einzuschwören. Doch es gab scharfe Kritik. Google haftet für KI-Lügen in der Suche. Google zeigt Nutzern nicht nur eine Trefferliste mit Links an, sondern immer öfter auch KI-generierte Zusammenfassungen. Was aber, wenn die KI irrt? Das Landgericht München hat in einem solchen Streitfall entschieden. Trump droht erneut mit schweren Angriffen und „vollständiger Kontrolle“ über Irans Öl. Von einer Waffenruhe kann zwischen Iran und den Vereinigten Staaten keine Rede mehr sein. US-Präsident Donald Trump kündigt für die Nacht nun neue harte Schläge an.
Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen: Das bedeutet die Zinserhöhung für die Wirtschaft – und für Ihren Geldbeutel. Die Europäische Zentralbank will den Preisanstieg in der Eurozone mit höheren Zinsen bekämpfen. Was Sparer freut, könnte für die Wirtschaft und Bauherren zum Problem werden. Die wichtigsten Fragen und Antworten.
Was heute weniger wichtig ist: Direkt eins bauen – Zac Efron, 38, schwört auf Hanf als Baustoff. Der Schauspieler errichtet nach Berichten verschiedener US-Medien in Australien sein Traumhaus. Die ökologisch nachhaltige Konstruktion taufte er „Future Cave“, Zukunftshöhle. Hanf diente der Menschheit über Jahrhunderte als Medizin, Nahrung und als Grundstoff für Textilien. In den vergangenen Jahren wurde es auch als klimafreundliches und effizientes Baumaterial entdeckt. Ob der Schauspieler es nur zum Bauen verwendet, bleibt offen. Sein Ziel, so verriet er dem Magazin „Australian Financial Review“, sei es, „so viel wie möglich in der Natur und der Erde so nah wie möglich zu sein.“ Mini-Hohlspiegel: Aus der „Hessischen Niedersächsischen Allgemeinen“: „Den Storch hatte Ulrike Mose aus Wabern mit herabhängendem Flügel nahe den Kieswerken bei Niedermöllrich gesichtet und Krüger-Wiegand informiert. Da das Tier nicht fliegen und fliehen konnte, ließen sich beide Frauen von ihm einfangen.“ Hier finden Sie den ganzen Hohlspiegel. Cartoon des Tages: Paragraf 188 – eindeutig von der Meinungsfreiheit gedeckt. Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons.
Und heute Abend? Falls bei Ihnen eine PS5, eine X-Box und ein Spiele-PC einstaubt – besorgen Sie sich das neue James-Bond-Spiel „007 First Light“ und entrosten Sie Ihre Gaming-Skills. Das vom dänischen Entwicklerstudio IO Interactive entwickelte Spiel ist längst nicht das erste Game, in dem James Bond Bösewichter jagt. Aber vermutlich das Erste, das es mit den Filmvorbildern aufnehmen kann. Mal kauert man hinter dem Wrack eines alten Land Rovers und verteidigt Bond bis zur letzten Patrone. Mal brettert man am Steuer eines Müllwagens durch die nächtlichen Straßen von London, dann wieder stürzt man ohne Fallschirm aus einem Flugzeug der Erde entgegen. In gewisser Weise ist „007 First Light“ ein Best-of-Bond. Der Sturz aus dem Flugzeug ohne Fallschirm etwa ist ein Klassiker, „Moonraker“ (1979) lässt grüßen. Aber den Spion durch diese Szene zu lenken, statt ihm nur dabei zuzusehen, fühlt sich viel heldenhafter an. Ich habe etliche Stunden mit dem Spiel verbracht und finde, es ist der beste Bond-Film aller Zeiten. Warum, lesen Sie hier. Einen schönen Abend. Herzlich, Ihr Michail Hengstenberg, Autor im Kulturressort.



