Das Schwarze Meer entwickelt sich zunehmend zu einem Brennpunkt des russisch-ukrainischen Krieges. Kiew wirft Moskau vor, durch gezielte Angriffe auf Häfen und Schiffe die Ernährungssicherheit in Teilen der Welt zu gefährden. Täglich gibt es Berichte über Beschuss, der auch zivile Opfer fordert.
Eskalation seit Juli: Ukrainische Drohnen greifen Schiffe an
Seit dem 6. Juli attackieren ukrainische Drohnentruppen gezielt Schiffe, die russisch kontrollierte Häfen im Asowschen und Schwarzen Meer anlaufen. Ursprünglich standen Öltanker der sogenannten Schattenflotte im Fokus, doch mittlerweile werden auch Frachter angegriffen, die unter anderem Getreide aus russisch besetzten Gebieten transportieren. Ziel ist es, die Versorgung der annektierten Krim mit Treibstoff zu unterbinden und die Halbinsel von der Außenwelt abzuschneiden.
Nach ukrainischen Angaben wurden seit dem 6. Juli insgesamt 196 Schiffe und andere Wasserfahrzeuge beschädigt, davon 126 im Asowschen Meer und 70 im Schwarzen Meer. Ex-Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow drohte im Juni, das Leben auf der Krim zur „Hölle“ zu machen.
Russische Reaktion: Ausweitung der Angriffe auf ukrainische Häfen
Moskau reagierte mit einer Intensivierung seiner Angriffe auf ukrainische Hafenanlagen im Großraum Odessa. Ukrainischen Angaben zufolge wurden mehr als ein Dutzend Schiffe auf dem Weg nach oder aus Odessa sowie in den Häfen getroffen, wobei rund ein Dutzend Menschen ums Leben kamen. Russland attackiert seit dem 11. Juli täglich ukrainische Häfen und will Dutzende Wasserfahrzeuge sowie Hafeninfrastruktur zerstört haben. Moskau wirft Kiew vor, unter dem Deckmantel ziviler Schiffe Rüstungsgüter zu transportieren.
Folgen: Schiffsverkehr nach Odessa eingestellt
Der dänische Logistikkonzern Maersk gab am Dienstag die Einstellung des Betriebs im Hafen Odessa bekannt und leitete Schiffe nach Constanța in Rumänien um. Das ukrainische Verkehrsministerium betonte zunächst, die Häfen seien weiter in Betrieb, doch kurz darauf erklärte der geschäftsführende Außenminister Andrij Sybiha: „Heute passierte kein einziges Schiff den ukrainischen Seeweg im Schwarzen Meer – und das gerade zur Hochsaison der Ernte.“ Agrarminister Taras Wyssozkyj bestätigte am Donnerstag, dass Schiffseigner aufgrund des hohen Risikos ukrainische Seehäfen vorerst nicht mehr anlaufen. Auf russischer Seite verbot das Verkehrsministerium Schiffen, in den Zufahrten zu den Häfen Asow und Kawkas an ungeschützten Stellen anzulegen.
Getreidekorridor: Von der Blockade zur einseitigen Lösung
Bereits zu Kriegsbeginn blockierte Russland die ukrainischen Schwarzmeerhäfen, bis eine Einigung auf einen Getreidekorridor erzielt wurde. Nachdem Russland die Vereinbarung nicht verlängerte, setzte Kiew seit August 2023 einen einseitigen sicheren Korridor durch. Seitdem liefen mehr als 8.000 Schiffe die Häfen an und schlugen über 200 Millionen Tonnen Fracht um, mehr als die Hälfte davon Agrargüter.
Auswirkungen auf die weltweite Ernährungssicherheit
Eine Blockade der Häfen könnte die Getreidepreise erheblich steigen lassen. Über das Asowsche Meer werden etwa 25 Prozent der russischen Getreideexporte abgewickelt. Russland und die Ukraine haben gemeinsam einen Anteil von 25 bis 30 Prozent an den weltweiten Weizenexporten und etwa elf Prozent bei Mais. Die ukrainischen Angriffe auf ein Erdölverladeterminal in Noworossijsk stoppten zudem kasachische Erdölexporte über diesen Hafen, was das globale Erdölangebot weiter verknappt.
Vor dem Hintergrund der Blockade der Straße von Hormus treibt der Konflikt im Schwarzen Meer die Preise zusätzlich an. An der Rohstoffbörse in Chicago liegen die Weizenpreise bereits 30 Prozent über dem Vorjahresniveau, die Maispreise sind rund 10 Prozent höher. Besonders stark von Lebensmittelimporten abhängige Staaten in Nordafrika und im Mittleren Osten blicken mit Sorge auf die Entwicklung. Bereits 2022 versuchten afrikanische Staaten sowie Brasilien und Indonesien, Friedensinitiativen zu starten.
Auswege: Vermittlungsversuche und Diplomatie
Eine umfassende Friedenslösung ist weiterhin nicht in Sicht. Die Türkei bot im Juni erneut Vermittlung an. Der türkische Außenminister Hakan Fidan sprach sich bei einem Besuch in Kiew für ein Moratorium für Angriffe im Schwarzen Meer aus: „Gezielte Angriffe auf Häfen, Tanker und Fischereifahrzeuge, die das Leben von Zivilisten gefährden, sind nicht hinnehmbar.“ Auch Washington bemüht sich um eine Verhandlungslösung. In den kommenden Tagen wird der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj zu Gesprächen in den USA erwartet.



