Am Sonntag steht in der Schweiz eine richtungsweisende Volksabstimmung an. Die Frage: Soll die Schweiz bei zehn Millionen Einwohnern die Grenzen dichtmachen? Die rechtskonservative Schweizer Volkspartei (SVP) will das Bevölkerungswachstum begrenzen. Ihre Warnung: Zu viele Menschen, zu wenig Wohnraum, immer mehr Staus. Gegner hingegen befürchten Fachkräftemangel, wirtschaftliche Schäden und Konflikte mit der EU.
Bevölkerungswachstum und Zuwanderung
Seit 2002 ist die Schweizer Bevölkerung um rund 1,7 Millionen Menschen gewachsen – vor allem durch Zuwanderung. Zum Vergleich: Hätte Deutschland ein ähnliches Wachstum erlebt, würden hierzulande circa 102 statt 82 Millionen Einwohner leben. Mehr als jeder vierte Einwohner in der Schweiz besitzt inzwischen keinen Schweizer Pass. Das stößt einem Teil der Bevölkerung sauer auf. Die SVP will den Zuzug mit ihrer Initiative „Keine 10-Millionen-Schweiz“ begrenzen. Ziel: Die Schweiz soll nicht mehr als zehn Millionen Einwohner haben. Ab 9,5 Millionen müssten Regierung und Parlament handeln.
Kritiker warnen vor EU-Konflikt
Kritiker der Initiative warnen vor schwerwiegenden Folgen. Im Extremfall müsste die Schweiz das Abkommen mit der EU kündigen, das EU-Bürgern erlaubt, in der Schweiz zu leben und zu arbeiten. Sie fürchten neuen Streit mit Brüssel. Laut einer aktuellen Umfrage des Schweizer Rundfunks (SRF) lehnen 52 Prozent die Initiative ab, 45 Prozent wollen zustimmen.
Ist die Schweiz wirklich zu voll?
Raumplanerin Sibylle Wälty widerspricht der These von der Überfüllung. Im SRF sagte sie: „Es passen gut auch 16 Millionen Menschen in die Schweiz.“ Entscheidend sei nicht die Einwohnerzahl, sondern die Stadt- und Raumplanung. Ein Vergleich mit Deutschland zeigt die Relativität der Debatte: Wäre die Schweiz (41.300 Quadratkilometer) mit zehn Millionen Einwohnern „voll“, läge die entsprechende Grenze für Deutschland (357.600 Quadratkilometer) bei 86,6 Millionen Menschen. Aktuell leben in Deutschland rund 83,5 Millionen Menschen. Nach dem Schweizer Modell wäre Deutschland also ebenfalls fast voll.
Konstanz leidet unter Schweizer Einkaufstouristen
Staus und Wohnraummangel sind auch in Konstanz ein Thema – allerdings verursacht durch Schweizer. Die Stadt am Bodensee liegt direkt an der Grenze. Tausende Schweizer Einkaufstouristen fahren regelmäßig über die Grenze. An Spitzentagen sind Straßen und Parkplätze überlastet. Die Stadt gibt jährlich rund 500.000 Euro für die Verkehrssteuerung aus, an einzelnen Tagen fallen sogar Kosten von bis zu 20.000 Euro an.



