Washington/Teheran – Nach übereinstimmenden Berichten mehrerer US-Medien stehen die Vereinigten Staaten und der Iran kurz vor einem Übergangsabkommen, das die Lage in der strategisch wichtigen Straße von Hormus entschärfen könnte. Das berichtet die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf mit der Angelegenheit vertraute Personen. Der Deal soll demnach eine Begrenzung des iranischen Atomprogramms und eine Freigabe eingefrorener Vermögenswerte vorsehen.
Was der Übergangsdeal vorsieht
Nach Informationen aus Diplomatenkreisen sollen die Gespräche in den vergangenen Wochen an Dynamik gewonnen haben. Kernpunkte sind eine Inspektion iranischer Atomanlagen durch die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) sowie eine Reduzierung der Urananreicherung auf einen Grad von unter 60 Prozent. Im Gegenzug würde der Iran Zugang zu rund sechs Milliarden US-Dollar erhalten, die auf südkoreanischen Konten eingefroren sind.
Der Deal wird als „Übergangsabkommen“ bezeichnet, da er nicht die umfassende Lösung des Atomstreits anstrebt, sondern zunächst vertrauensbildende Maßnahmen etablieren soll. Die Straße von Hormus, durch die etwa 20 Prozent des weltweiten Öltransports laufen, wäre von einer unmittelbaren militärischen Eskalation entlastet.
Reaktionen aus Teheran und Washington
Offizielle Stellen in beiden Hauptstädten hielten sich bedeckt. Ein Sprecher des iranischen Außenministeriums sprach von „konstruktiven Gesprächen“, ohne Details zu nennen. Aus dem Weißen Haus verlautete, man kommentiere laufende Verhandlungen nicht. Analysten sehen in dem möglichen Abkommen eine Chance, die Spannungen in der Region zu reduzieren, warnen jedoch vor überhöhten Erwartungen.
„Ein Übergangsdeal könnte ein erster Schritt sein, aber er löst nicht die strukturellen Probleme zwischen Washington und Teheran“, sagt der Nahost-Experte Professor Karim Sadjadpour von der Carnegie Endowment. Die USA hätten ein Interesse daran, die Ölmärkte zu stabilisieren, insbesondere vor dem Hintergrund der Energiekrise in Europa.
Auswirkungen auf Ölpreis und Schifffahrt
Bereits die Aussicht auf eine Einigung ließ den Ölpreis am Montag um rund zwei Prozent sinken. Die Nordsee-Sorte Brent notierte bei etwa 77 US-Dollar pro Fass. Reedereien hatten zuvor ihre Sicherheitsvorkehrungen in der Region erhöht. Eine Entspannung könnte die Versicherungsprämien für Tankerfahrten durch die Meerenge senken.
Die Straße von Hormus ist für den globalen Energiemarkt von zentraler Bedeutung. Saudi-Arabien, der Irak und die Vereinigten Arabischen Emirate exportieren den Großteil ihres Öls über diese Route. Ein Konflikt hätte verheerende Folgen für die Weltwirtschaft gehabt.
Kritik und Skepsis
In Israel und unter Republikanern im US-Kongress stößt der mögliche Deal auf Skepsis. Sie befürchten, dass der Iran die Zeit nutzen könnte, um sein Atomprogramm weiter voranzutreiben. Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hatte mehrfach betont, dass Israel sich das Recht vorbehalte, militärisch gegen iranische Atomanlagen vorzugehen.
Auch Menschenrechtsorganisationen äußern Bedenken, da die Freigabe der Vermögenswerte die iranische Regierung stärken könnte, ohne dass es Fortschritte bei der Einhaltung von Menschenrechten gibt. Die USA betonen hingegen, dass der Deal strikt auf das Atomprogramm begrenzt sei.
Nächste Schritte
Beobachter rechnen damit, dass eine Einigung noch in dieser Woche verkündet werden könnte. Vermittler sollen Katar und der Oman sein. Die EU-Außenbeauftragte Josep Borrell zeigte sich optimistisch: „Wir unterstützen jeden Schritt, der die Spannungen reduziert und den Weg für eine umfassende Lösung ebnet.“
Bis dahin bleibt die Lage in der Straße von Hormus angespannt. Die US-Marine hat ihre Präsenz in der Region verstärkt. Ein Übergangsdeal könnte jedoch den Auftakt für weitere Verhandlungen über ein neues Atomabkommen bilden, das das gescheiterte JCPOA von 2015 ersetzen soll.



