Berlin ist am Sonntagmorgen mit einer Mischung aus Fassungslosigkeit und Trauer erwacht. Nur wenige Stunden zuvor war die Stimmung auf dem größten Christopher Street Day (CSD) der Stadtgeschichte noch ausgelassen und fröhlich gewesen. Doch um 22.15 Uhr raste ein weißer Kleinbus in die feiernde Menschenmenge im Tiergarten. Eine Frau kam ums Leben, mindestens 16 Menschen wurden verletzt, drei von ihnen lebensgefährlich. Das Gelände wurde evakuiert, der Täter ist weiterhin flüchtig.
Blumen und Kerzen am Tatort
Schon am frühen Morgen versammelten sich Menschen am Tatort, um ihre Trauer zu zeigen. Claudia und Carola, zwei Schwestern aus dem Bezirk Mitte, standen unschlüssig mit Kerzen in der Hand. Ihre Kinder hätten eigentlich am Vorabend beim CSD sein sollen. „Wir sind sonst immer dabei“, sagte Claudia, „jetzt sind wir einfach nur wütend.“ Ihre Schwester Carola ergänzte: „Was geht in denen vor, die so etwas machen?“ André Zwiers-Polidori, der mit seinem queeren Chor „canta:re“ auf dem CSD war, legte Blumen nieder und wischte sich eine Träne aus dem Auge. „Es hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen“, sagte er.
Politische Reaktionen: „Ein Angriff auf unsere offene Gesellschaft“
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier meldete sich aus Hamm, wo er an einem Tempelfest teilnahm. Er zeigte sich „erschüttert und entsetzt“ und sprach von einem Angriff auf Menschen, die „friedlich und fröhlich feiern wollten, ein Zeichen setzen wollten für Toleranz und Vielfalt“. Die Tat sei „ein Angriff auf unsere offene Gesellschaft, auf unsere Art zu leben und zusammenzuleben“. Bundestagspräsidentin Julia Klöckner ordnete Trauerbeflaggung am Deutschen Bundestag an. Vizekanzler Lars Klingbeil schrieb, er sei „sehr bestürzt“. Brandenburgs Innenminister Jan Redmann, der offen schwul lebt, sagte, der Angriff erschüttere ihn zutiefst und richte sich gegen „unsere freie und offene Gesellschaft“. Die Brandenburger Polizei unterstützt die Fahndung.
Gedenkveranstaltungen und Mahnwachen
Für den Sonntagnachmittag wurden mehrere Gedenkveranstaltungen angekündigt. Um 14 Uhr begann eine Gedenkveranstaltung am Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor, wo die Abschlusskundgebung des CSD abgebrochen worden war. Menschen kamen mit Blumen und Kerzen. Luigi Pantisano, Bundesvorsitzender der Linken, schrieb am Morgen: „Gestern Abend erreichte mich die Nachricht, dass Menschen, mit denen ich am selben Tag noch gefeiert habe, angegriffen und verletzt wurden.“ Er rief dazu auf, nicht nach schnellen Konsequenzen zu rufen, sondern hinzuschauen, wo Hass entstehe. „Wenn sie uns Angst machen wollen, dann antworten wir mit Hoffnung und Liebe.“
Um 16.30 Uhr fand in der Marienkirche am Alexanderplatz ein Gedenkgottesdienst mit dem evangelischen Bischof Christian Stäblein statt. Von dort startete ein Trauermarsch in Richtung Brandenburger Tor, organisiert von der queeren Opferberatungsstelle Maneo. Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner nahm ebenfalls teil. Von 18 bis 20 Uhr war eine stille Mahnwache am Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen an der Ebertstraße geplant.
Internationale Reaktionen
Der Anschlag auf Berlin hatte auch internationale Auswirkungen. In Amsterdam, wo gerade die World Pride stattfand, wurden die Sicherheitsmaßnahmen verschärft. Bürgermeisterin Femke Halsema kündigte an, zusätzliche Vorkehrungen zu treffen. Der niederländische Ministerpräsident Rob Jetten nannte die Tat eine „abscheuliche Gewalttat“ und versicherte Bundeskanzler Friedrich Merz: „In schwierigen Zeiten stehen wir Schulter an Schulter mit unseren deutschen Nachbarn.“
Der Verband Queere Vielfalt (LSVD) schrieb auf Instagram: „Der Regenbogen hat heute einen Riss bekommen.“ Dieser Satz fasst die Stimmung in der queeren Community und der gesamten Stadt zusammen: tiefer Schmerz, aber auch der Wille, sich nicht einschüchtern zu lassen.



