Fünf Wochen nur Fußball – wäre das nicht schön?
Von Stefan Kuzmany. Heute geht es um den Auftakt der Fußball-WM der Herren in Kanada, Mexiko und (leider auch) den USA. Um den zunehmenden Frust in der SPD. Und um die Leitzinsentscheidungen der EZB und der Fed in Zeiten der kriegsbedingten Inflation. 11.06.2026, 05.44 Uhr.
Anpfiff!
Sind Sie vorbereitet? Haben die Getränke kalt gestellt, die Vuvuzela gewienert und die Prognosen fürs firmeninterne Tipp-Spiel abgegeben? Gut, dann kann es ja losgehen: Heute Abend beginnt die Fußball-WM der Herren, und wenn wir Glück haben, bedeutet das einen guten Monat lang erfreuliche Ablenkung von den alltäglichen Zumutungen daheim und den schlimmen Nachrichten aus aller Welt.
Die Weltmeisterschaft ist auch deshalb ein so schönes Turnier, weil sie den Fußball, diese bis ins letzte Detail durchkommerzialisierte Profiveranstaltung, in eine breitestmögliche Öffentlichkeit trägt: Ab heute Abend sind alle, alle, alle gleichberechtigte Fans und Spezialisten, und das schließt ausdrücklich diejenigen ein, die keine Ahnung von der Abseitsregel haben.
Ein wenig Begeisterung darf also schon sein. Auch wenn selbstverständlich nicht vergessen werden soll, was für ein mieser Spielverderber Donald Trump ist. Heute Abend jedenfalls muss sich niemand aus politisch-moralischen Gründen dem Eröffnungsspiel zwischen Mexiko und Südafrika verweigern: Zwar gibt es beim Auftaktgastgeber Mexiko schlimme Probleme mit kriminellen Clans. Aber immerhin sitzen die dort nicht in der Regierung.
Angezählt
Es ist gerade schwer in Mode, dieses Land schlecht zu reden, und diesem Trend können sich die Regierungsparteien selbstverständlich nicht verweigern. Während der CDU-Chef und Kanzler Friedrich Merz die Ursachen für den allgemeinen Niedergang in der Bevölkerung verortet, die seiner Ansicht nach zu wenig arbeitet und zu oft krank ist, neigen seine Koalitionspartner von der SPD eher zur traditionellen Selbstzerfleischung.
Wie meine Kollegin Sophie Garbe und mein Kollege Andreas Niesmann berichten, finden viele Sozialdemokraten keine Freude an der Arbeit der von ihnen mitgetragenen Regierung: „Die Kritik in der SPD ist hart und laut. Sie zeigt, wie schlecht die Stimmung in der Partei inzwischen ist. Viele Genossinnen und Genossen sind wütend. Darüber, dass die Koalition ständig über Reformen rede, aber keine Konzepte präsentiere. Darüber, dass die Debatte sich bisher auf Leistungen wie Wohn- und Elterngeld konzentriere statt etwa darauf, hohe Einkommen und Vermögen in die Verantwortung zu nehmen. Und darüber, dass es keine Idee gebe, wie die Lage nach den Einschnitten und Kürzungen wieder besser werden soll.“ Sollte die SPD bei den kommenden Landtagswahlen dann auch noch so schlecht abschneiden, wie es sich aktuell in Umfragen abzeichnet, dann könnten die Parteichefs Bärbel Bas und Lars Klingbeil ihre Ämter verlieren. Mögliche Nachfolger stünden bereit.
Angehoben?
Heute entscheidet die Europäische Zentralbank über den Leitzins, und wie bei so vielen Entscheidungen dieser Zeit spielt auch hier ein gewisser Donald Trump eine maßgebliche Rolle: Mit seinem desaströsen Iran-Feldzug hat der US-Präsident die Inflation auch in Europa befeuert. Einiges spricht daher für eine Zinserhöhung, analysiert mein Kollege Tim Bartz: „Derzeit liegt der entscheidende Einlagenzins der EZB bei zwei Prozent. Das ist bei drei Prozent Inflation eigentlich zu niedrig.“ Andererseits: „Für eine Zinspause spricht, dass der Irankrieg doch relativ bald beendet sein und sich die Inflationslage wieder entspannen könnte. Falls nicht, könnte die EZB die Zinsen später immer noch erhöhen.“
Ähnlich unsicher sind die Aussichten in den USA, wo die Zentralbank Fed am 17. Juni über den neuen Leitzins entscheidet. Zwar ist es kein Geheimnis, dass sich Trump von dem gerade erst eingesetzten neuen Zentralbankchef Kevin Warsh eine Zinssenkung wünscht. Aber es ist keineswegs ausgemacht, dass ihm Warsh diesen Wunsch erfüllt.
Gewinnerin des Tages
…ist eine 101-jährige Mieterin aus Köln. Seit 1969 lebt die heute an Demenz erkrankte Frau in einer Wohnung im Stadtteil Bickendorf, jetzt sollte sie per Räumungsklage raus. Das Kölner Amtsgericht hat nun zugunsten der alten Dame entschieden: Sie und ihre pflegende Tochter dürfen bleiben.
Die jüngsten Meldungen aus der Nacht
- USA und Iran überziehen sich mit Angriffen und Dementis: Tomahawk-Raketen der USA fliegen auf Ziele in Iran, Teheran will Schiffe in der Straße von Hormus beschießen. Die Waffenruhe hält auch in dieser Nacht nicht. Am Morgen erklärte das US-Militär seine Angriffe für beendet.
- „Großartige Zahlen“ – Trump irritiert mit Jubel über hohe Inflation: Die Inflation in den USA steigt auf den höchsten Wert seit Jahren. Das ist ein massives Problem für Unternehmen und Verbraucher im Land. Aus dem Weißen Haus allerdings kommt eine gänzlich unerwartete Einschätzung der Lage.
- Bundesregierung vereinbart weitere Gespräche mit Sozialpartnern: Mehr als drei Stunden sprachen Bundesregierung und Sozialpartner. Zumindest darüber, dass Reformen nötig sind, sei man sich laut Regierungssprecher Kornelius einig. Eine Gewerkschafterin verließ das Treffen „gut gelaunt“.
Ich wünsche Ihnen einen guten Start in den Tag. Ihr Stefan Kuzmany, Autor der Chefredaktion.



