Helmut Kohl wird Bundeskanzler: Sternstunde des Parlamentarismus 1982
Kohl wird Kanzler: Sternstunde des Parlamentarismus 1982

Am 1. Oktober 1982 erlebte der Deutsche Bundestag eine Sternstunde des Parlamentarismus. Der gestürzte Bundeskanzler Helmut Schmidt drückte seinem Nachfolger Helmut Kohl die Hand und wünschte ihm viel Glück. Die Abstimmung über das zweite konstruktive Misstrauensvotum in der Geschichte der Bundesrepublik stand an. Kohl benötigte mindestens 249 Stimmen der 497 voll stimmberechtigten Abgeordneten, um sein Lebensziel zu erreichen. Die zusätzlichen 22 Abgeordneten aus West-Berlin durften zwar mitstimmen, wurden aber separat gezählt.

Der entscheidende Moment

Um 15.11 Uhr begann Bundestagspräsident Richard Stücklen die Bekanntgabe des Ergebnisses. Von den 495 abgegebenen Stimmen waren alle gültig. 256 Abgeordnete stimmten mit Ja. Daraufhin erhob sich die CDU/CSU-Fraktion zu langanhaltendem Beifall. Als Erster gratulierte Friedrich Zimmermann dem neuen Kanzler. Helmut Schmidt, der mit versteinertem Gesicht das Ergebnis gehört hatte, folgte als Nächster und drückte Kohl die Hand. Auch SPD-Chef Willy Brandt gratulierte.

Hintergrund des Misstrauensvotums

Das konstruktive Misstrauensvotum ist im Grundgesetz Artikel 67 als einzige Möglichkeit verankert, einen Kanzler gegen seinen Willen abzulösen. Bereits zehn Jahre zuvor hatte CDU-Chef Rainer Barzel dieses Verfahren genutzt, scheiterte jedoch knapp. 1982 war die sozialliberale Koalition zerstritten. In der Wirtschafts- und Sozialpolitik standen sich die Vorstellungen von SPD und FDP unversöhnlich gegenüber. Zudem verweigerte der linke Flügel der SPD Schmidt die Unterstützung für den Nato-Doppelbeschluss.

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Kohls erste Worte

Nach der Annahme der Wahl versprach Kohl eine „Politik der Mitte“. Er wolle das Vertrauen in die parlamentarische Demokratie festigen, das Land aus der Wirtschafts- und Sozialkrise befreien und die geistigen sowie moralischen Säulen erneuern. Faktisch bedeutete dies einen moderaten Kurswechsel in der Wirtschafts- und Steuerpolitik, während die Außen- und Sicherheitspolitik weitgehend kontinuierlich fortgeführt wurde.

Die Debatte zuvor

Fast fünf Stunden debattierte der Bundestag vor der Abstimmung. Schmidt forderte Neuwahlen, doch die Union gewährte ihm den Kanzlerbonus nicht. In seiner Abschiedsrede erhielt er nur schwachen Beifall von den eigenen Reihen. Der Beifall für seine Aussage zur Arbeitslosigkeit blieb aus. Kohl blieb 5870 Tage im Amt, zehn Tage länger als Angela Merkel. Schmidt hingegen stieg nach etwas mehr als acht Amtsjahren zum „Kanzler der Herzen“ auf.

Die Szene am 1. Oktober 1982 wurde von WDR-Studioleiter Ernst-Dieter Lueg als Gesten beschrieben, die nach langen Jahren der Auseinandersetzung guttun. WELT-Chefredakteur Herbert Kremp kommentierte, die Atmosphäre sei gespannt, aber nicht aufgeladen gewesen wie 1972. Es ging um das notarielle Ende einer Epoche. So begann die Ära Kohl, die die Bundesrepublik für 16 Jahre prägen sollte.

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