Neid als Motor des Wohlstands und die Union mit Distanz zum Kanzler
Neid macht reich? Und die Union drifft vom Kanzler ab

Dass Neid nur eine Sünde ist, gehört zu den hartnäckigsten Klischees. Thorsten Dörting sieht das ganz anders: In seiner Kolumne "Die Lage am Sonntag" beim SPIEGEL verknüpft er die Welt des Geldes mit der Welt der Emotionen und kommt zu einem überraschenden Fazit: Ausgerechnet der Neid kann uns alle reicher machen.

Das klingt provokant, hat aber einen ernsten Hintergrund. Der Autor argumentiert, dass Gefühle wie Neid, Scham und Stolz unser Finanzverhalten weit stärker prägen, als die klassische Wirtschaftslehre zugibt. Wer diese Emotionen ignoriere, treffe häufig schlechtere Entscheidungen. Wer sie dagegen verstehe und produktiv nutze, könne mehr Wohlstand erzielen – für sich selbst und für die Gesellschaft.

Die Ökonomie der Gefühle

In der traditionellen Ökonomie gilt der Mensch als rationaler Nutzenmaximierer. Doch die Verhaltensökonomie zeigt seit Jahrzehnten, dass dieser Homo Oeconomicus ein Mythos ist. Wir überweisen zu viel, kaufen Dinge, die wir nicht brauchen, und treffen Anlageentscheidungen, die wir später bereuen. Dörting erinnert daran, dass hinter diesen Mustern oft einfache Emotionen stecken.

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Sozialer Vergleich ist einer der stärksten Treiber. Menschen beobachten ständig, was andere verdienen, besitzen und ausgeben. Wer dabei zurückfällt, empfindet Neid. Dieser Neid kann zu Statuskämpfen führen, die Schulden und Stress verursachen. Aber er kann auch umgekehrt wirken: Er motiviert, härter zu arbeiten, besser zu verhandeln oder kreativere Lösungen zu entwickeln.

Psychologen unterscheiden deshalb zwischen "gutartigem" und "bösartigem" Neid. Während der bösartige Neid darauf zielt, dem anderen zu schaden, strebt der gutartige Neid danach, selbst aufzuholen. Dörting plädiert dafür, den gutartigen Neid als gesellschaftliche Ressource zu begreifen. Anstatt ihn tabu zu machen, sollten wir ihn nutzen, um Anreize für Leistung und Innovation zu schaffen. Auch Unternehmen und politische Institutionen könnten davon profitieren, wenn sie verstehen, wie Statusdenken Entscheidungen lenkt.

Die politische Entfremdung

Neben dieser Betrachtung über Geld und Gefühle widmet sich Dörting der aktuellen politischen Lage in Deutschland. Die Union, so seine Beobachtung, entfernt sich zunehmend vom Kanzler. Was mit inhaltlichen Differenzen begann, sei mittlerweile zu einer grundsätzlichen Entfremdung geworden.

Die Gründe dafür sind vielschichtig. Es geht um die Ausrichtung in der Migrationspolitik, um die Frage staatlicher Interventionen in der Wirtschaft und nicht zuletzt um persönliche Befindlichkeiten. Der Kanzler umgehe das Parlament immer öfter, indem er Entscheidungen in kleinen Runden treffe oder öffentlich über die Köpfe der Abgeordneten hinwegkommuniziere.

Dörting warnt davor, dass diese Entwicklung nicht folgenlos bleibt. Eine Fraktion, die sich dauerhaft vom eigenen Regierungschef absetze, verliere ihre Schlagkraft. Gesetze würden zerredet, Kompromisse schwieriger, und die Wählerinnen und Wähler sähen immer weniger, wofür die Regierungsparteien eigentlich stünden. Das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit der Politik schwinde – eine gefährliche Dynamik für die repräsentative Demokratie.

Gefühle in der Politik

Wie paradox es klingen mag: Der Umgang mit Emotionen verbindet die beiden Themen. In der Finanzwelt sind Gefühle der blinde Fleck vieler Modelle. In der Politik sind sie aber ebenso entscheidend. Wut, Angst, Vertrauen oder Neid beeinflussen Wahlen und Mehrheiten. Dörting merkt an, dass eine Regierung, die diese emotionale Dimension ignoriere, riskiere, die Bürger zu verlieren.

Die Lage am Sonntag zeigt damit ein doppeltes Bild. Auf der einen Seite die Ökonomie, die Neid als Antrieb begreift. Auf der anderen Seite die Politik, in der ähnliche Dynamiken wirken. Ob es um den persönlichen Kontostand geht oder um die Zukunft des Landes: Wer die eigenen Gefühle verdrängt, zahlt am Ende drauf. Und wer strategisch denkt, sollte auch die Gefühlswelt im Blick behalten – nicht nur am Sonntag, sondern jeden Tag.

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Dörting beschließt seine Kolumne mit einem Appell: Die Kunst liege darin, Neid nicht zu unterdrücken, sondern in positive Energie umzuwandeln – im Privaten wie im Politischen. Nur so lasse sich die Spaltung überwinden, die derzeit durch viele Gesellschaften verlaufe. Wer die Gefühle der Menschen achte, finde eher Gehör für sachliche Lösungen. Das gelte für den Kanzler genauso wie für jeden Einzelnen beim Umgang mit dem eigenen Geld.