Waldbrände und Klimapolitik: Kolumnistin sieht Bewegung bestraft
Waldbrände und Klimapolitik: Bewegung bestraft?

Die verheerenden Waldbrände in Südosteuropa und die akute Bedrohung gleich zweier Großstädte – Bordeaux und Athen – machen deutlich, wie unmittelbar der Klimawandel inzwischen auch in Europa zu spüren ist. Doch die Katastrophen werden womöglich nicht zu mehr Klimaschutz führen. Im Gegenteil: Die Klimabewegung könnte für die Krise sogar abgestraft werden, warnt die Politikwissenschaftlerin Nicole Deitelhoff in einer Kolumne für den Tagesspiegel.

Deitelhoff zeigt sich besorgt über die politische Stimmungslage. Obwohl die Folgen der Erderwärmung für immer mehr Menschen direkt erfahrbar seien, werde Umweltpolitik nicht zur Priorität. Stattdessen wachse der Druck auf jene, die seit Jahren konsequenten Klimaschutz einfordern. Ihre provokante These: „Die Klimabewegung wird eher bestraft“, als dass sie aus der Krise neuen Zulauf erhält.

Waldbrände: Nicht mehr nur ein Problem ferner Regionen

Die aktuelle Situation in Südeuropa ist angespannt. In mehreren Ländern brennen Wälder, und die Flammen greifen längst auch auf städtische Gebiete über. Besonders erschreckend sind die Bilder aus der französischen Metropolregion Bordeaux, wo riesige Flächen in Flammen aufgegangen sind. Auch in Griechenland mussten die Behörden eingreifen, als sich Brände den Außenbezirken von Athen näherten. Solche Szenarien sind nicht länger die Ausnahme, sondern werden zum festen Bestandteil europäischer Sommer.

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Doch nicht nur der Mittelmeerraum ist betroffen. Auch in Deutschland hat die Waldbrandgefahr deutlich zugenommen. Trockene Böden und hohe Temperaturen schaffen ideale Bedingungen für die Entstehung von Feuern. In vielen Regionen gilt bereits die höchste Warnstufe. Zwar ist die Lage hierzulande noch nicht mit der in Südeuropa vergleichbar, aber die Tendenz besorgt Fachleute.

Die Sorge: Klimaschutz bleibt auf der Strecke

Nicole Deitelhoff, die als Professorin für Internationale Beziehungen forscht, nutzt ihre Kolumne, um eine unbequeme Wahrheit zu benennen: Aus Schock folgt nicht automatisch Handeln. Politische Systeme reagieren selten proportional zur Dramatik einer Krise. Stattdessen beobachtet sie eine Verkehrung der Verhältnisse: Je größer die Angst vor den Folgen des Klimawandels wird, desto größer werde auch die Versuchung, komplizierte Lösungen zurückzuweisen oder diejenigen zu attackieren, die sie vorschlagen.

Ihre Formulierung, die Klimabewegung werde „eher bestraft“, ist dabei wörtlich zu nehmen. Deitelhoff spricht von einer wachsenden Stimmung, in der Klimaaktivistinnen und -aktivisten für wirtschaftliche Härte verantwortlich gemacht würden. Wer Tempolimits fordere, den Bürgern Fleisch oder Flüge vermiesen wolle, stoße zunehmend auf Ablehnung. Die hohen Kosten der Energiewende und der Kampf gegen die Inflation überschatteten die Notwendigkeit, die Emissionen zu senken.

Warum die Krise den gesellschaftlichen Zusammenhalt verändert

Ein weiterer Punkt ist für die Autorin zentral: Die Brände verändern das gesellschaftliche Klima. In Krisenzeiten neigten Menschen dazu, an Bewährtem festzuhalten und sich von radikalen Forderungen abzuwenden. Gleichzeitig würden Populisten gestärkt, die einfache Antworten versprechen und den Klimaschutz als elitär oder überflüssig darstellen. Deitelhoff warnt davor, dass aus der Angst vor Feuern eine Abwehrhaltung gegenüber notwendigen Transformationen entsteht.

Ihre Kolumne könnte daher als Weckruf verstanden werden: Die Klimabewegung muss dringend ihre Strategie überdenken. Es reiche nicht aus, auf die Fakten zu verweisen. Es brauche eine Sprache, die die Sorgen der Menschen ernst nimmt, und politische Angebote, die Sicherheit vermitteln. Andernfalls drohe die gesamte Klimapolitik in eine Sackgasse zu geraten – genau in dem Moment, in dem die Zeit drängt.

Der Widerspruch: Fühlen und Handeln klaffen auseinander

Diese Diagnose ist brisant, denn sie zeigt einen fundamentalen Widerspruch unserer Zeit auf: Nie war das Wissen über den Klimawandel so gesichert, und nie waren die Auswirkungen so sichtbar. Dennoch gelingt es nicht, die demokratischen Mehrheiten für eine konsequente Politik zu gewinnen. Deitelhoff sieht dafür nicht nur ein Kommunikationsproblem, sondern auch ein strukturelles Politikproblem: Der Zeithorizont der Demokratie ist die Legislaturperiode, der Zeithorizont des Klimas aber sind Generationen.

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Hinzu kommt, dass die Lasten ungleich verteilt sind. Während die einen für einen höheren CO2-Preis eintreten, fürchten andere um ihren Arbeitsplatz oder ihre Miete. Die Klimabewegung müsse sich dieser Realität stellen, anstatt nur auf die moralische Überlegenheit ihrer Position zu vertrauen, mahnt die Kolumnistin. Nur so könne verhindert werden, dass die Waldbrände am Ende nicht zu mehr, sondern zu weniger Klimaschutz führen.

Ein anderes Verhältnis von Politik und Bewegung ist nötig

Die Kernaussage von Nicole Deitelhoffs Kolumne ist letztlich eine politische Intervention. Sie plädiert für ein neues Bündnis zwischen Klimabewegung, Gewerkschaften und Sozialpolitik, um die Transformation gerecht zu gestalten. Die Angst vor Abstieg und Verlust muss ernst genommen werden, wenn eine breite Mehrheit hinter dem Klimaschutz stehen soll. Die Waldbrände allein werden dieses Bündnis nicht schmieden – im schlimmsten Fall treiben sie die Gesellschaft weiter auseinander.

Deshalb lautet ihre Antwort auf die Ausgangsfrage eindeutig: Nein, die Feuer werden nicht automatisch zu mehr Klimaschutz führen. Sie können sogar das Gegenteil bewirken, wenn es nicht gelingt, die Klimabewegung vor ihrer eigenen Bestrafung zu schützen. Das ist die eigentliche Lehre aus diesen Tagen – und zugleich eine Warnung an alle, die auf die Selbstheilungskräfte der Politik hoffen.

Die kommenden Wochen werden zeigen, ob die politischen Entscheidungsträger die Zeichen erkennen. Der Druck von der Straße allein wird nicht reichen, so Deitelhoff. Es braucht Antworten, die die Menschen mitnehmen – auch diejenigen, die jetzt schon Angst vor der nächsten Brandsaison haben. Sonst bleibt von der großen Solidarität nach den Katastrophen am Ende nur eine große Enttäuschung.