Die Debatte um eine Wiedereinführung der Wehrpflicht in Deutschland ist neu entfacht, doch ein Blick in die Geschichte zeigt: Beide deutschen Staaten führten nach dem Zweiten Weltkrieg die allgemeine Wehrpflicht ein – und scheiterten an der Umsetzung des Ideals einer Armee ohne Zwang. Der Militärhistoriker Christian Th. Müller analysiert im SPIEGEL, warum die Konzepte von Bundeswehr und NVA an der Realität scheiterten und welche Lehren sich daraus für die heutige Diskussion ziehen lassen.
Die Einführung der Wehrpflicht in beiden deutschen Staaten
Nach dem Zweiten Weltkrieg standen die beiden neu gegründeten deutschen Staaten vor der Herausforderung, eigene Streitkräfte aufzubauen. Die Bundesrepublik führte 1956 die allgemeine Wehrpflicht ein, die DDR folgte mit der Nationalen Volksarmee (NVA) im Jahr 1962. Beide Staaten propagierten ein neues militärisches Leitbild: den Staatsbürger in Uniform, der aus freien Stücken seinen Dienst an der Gesellschaft leistet.
In der Bundeswehr sollte der Soldat ein „Staatsbürger in Uniform“ sein, der seine Rechte und Pflichten kennt und eigenverantwortlich handelt. Die NVA hingegen strebte die „sozialistische Soldatenpersönlichkeit“ an, die sich bedingungslos der SED-Ideologie verpflichtet fühlte. Die Realität sah jedoch anders aus: Der Wehrdienst war in beiden Systemen von Zwang und Drill geprägt, und die Motivation der Soldaten entsprach selten den hohen Idealen.
Die Realität des Wehrdienstes in der Bundeswehr
In der Bundeswehr war die Wehrpflicht zwar formal ein Dienst an der Gesellschaft, doch viele Wehrpflichtige empfanden ihn als lästige Pflicht. Die Bundeswehr kämpfte jahrzehntelang mit Personalmangel und mangelnder Motivation. Die Zahl der Kriegsdienstverweigerer stieg kontinuierlich an, und die sogenannte „Wehrgerechtigkeit“ wurde immer wieder infrage gestellt.
Die Bundeswehr versuchte, mit dem Konzept der „Inneren Führung“ den Spagat zwischen Befehl und Gehorsam einerseits und staatsbürgerlicher Verantwortung andererseits zu meistern. Doch die Praxis war oft von einem rauen Umgangston und überholten Traditionen geprägt. Die Attraktivität des Wehrdienstes sank, und die Bundeswehr wurde zunehmend zu einer Armee der „Verlierer“, die keinen Ausbildungsplatz oder Arbeitsplatz gefunden hatten.
Die NVA: Zwang und Ideologie statt Freiwilligkeit
In der DDR war die Lage noch prekärer. Die NVA war eine reine Zwangsarmee, in der Wehrdienstverweigerung kaum möglich war. Wer den Dienst verweigerte, musste mit schweren Repressionen rechnen, darunter Gefängnisstrafen oder die Verweigerung von Studienplätzen. Die SED-Führung versuchte, die Soldaten durch ideologische Schulungen auf Linie zu bringen, doch die Motivation blieb gering.
Die „sozialistische Soldatenpersönlichkeit“ blieb ein Wunschbild. Viele Wehrpflichtige sahen ihren Dienst als notwendiges Übel an und versuchten, ihn so schnell wie möglich hinter sich zu bringen. Die NVA galt zwar als diszipliniert, aber die innere Bindung an den Staat war schwach. Nach dem Mauerfall 1989 löste sich die NVA schnell auf, und viele Soldaten wechselten in die Bundeswehr oder schieden aus.
Die heutige Debatte um die Wehrpflicht
Die Diskussion um die Wiedereinführung der Wehrpflicht wird heute vor dem Hintergrund des Ukraine-Kriegs und der veränderten Sicherheitslage geführt. Befürworter argumentieren, dass eine Wehrpflicht die Bundeswehr personell stärken und die Gesellschaft enger an die Armee binden würde. Gegner verweisen auf die historischen Erfahrungen und die hohen Kosten einer solchen Armee.
Historiker Müller betont, dass die Geschichte zeige, dass eine Wehrpflicht ohne Zwang nicht funktioniert habe. „Die Ideale von Freiwilligkeit und staatsbürgerlicher Verantwortung wurden in beiden deutschen Staaten nie eingelöst“, sagt er. „Die Wehrpflicht war immer mit Zwang verbunden, und die Motivation der Soldaten war entsprechend gering.“
Müller plädiert stattdessen für eine professionelle Armee, die auf Freiwilligkeit basiert und attraktive Bedingungen bietet. Die Bundeswehr habe in den letzten Jahren bereits große Fortschritte gemacht, um sich als moderner Arbeitgeber zu präsentieren. Eine Rückkehr zur Wehrpflicht wäre ein Rückschritt.
Zahlen und Fakten zur Wehrdienstdebatte
Die Bundeswehr hat derzeit rund 183.000 Soldatinnen und Soldaten, davon etwa 60.000 Wehrpflichtige, die ihren Dienst freiwillig leisten. Die Zahl der Kriegsdienstverweigerer lag in den 1990er Jahren bei über 150.000 pro Jahr, heute ist sie auf unter 10.000 gesunken. Die Kosten für eine Wiedereinführung der Wehrpflicht würden auf mehrere Milliarden Euro geschätzt, da die Bundeswehr erhebliche Investitionen in Unterkünfte und Ausbildungskapazitäten tätigen müsste.
Die Diskussion ist politisch umstritten. Während die CDU/CSU eine Wiedereinführung fordert, lehnen SPD und Grüne diese ab. Auch die FDP ist skeptisch. Die Bundesregierung plant stattdessen, die Freiwilligenarmee weiter zu stärken und die Attraktivität des Dienstes zu erhöhen.
Fazit: Lehren aus der Geschichte
Die Geschichte der Wehrpflicht in Deutschland zeigt, dass eine Armee ohne Zwang nur schwer zu realisieren ist. Beide deutschen Staaten scheiterten an der Umsetzung ihrer Ideale. Die heutige Debatte sollte daher nicht von nostalgischen Vorstellungen geleitet sein, sondern von den realen Bedürfnissen der Bundeswehr und der Gesellschaft. Eine professionelle, gut ausgestattete Armee mit motivierten Soldaten ist letztlich effektiver als eine Wehrpflichtarmee, die auf Zwang basiert.



