Madrid/Berlin – Die Bilder von Ceuta haben Europa aufgeschreckt. Innerhalb kürzester Zeit erreichten rund 60.000 Menschen aus Marokko die spanische Exklave an der nordafrikanischen Küste. Viele schwammen die letzten Meter bis zum Ufer, während die spanischen Behörden mit der Lage kaum noch hinterherkamen. BILD-Vize Paul Ronzheimer hat in seinem Podcast „Deutschland spricht“ mit dem Migrationsexperten Gerald Knaus gesprochen – über die Frage, ob die EU ihre Außengrenzen noch unter Kontrolle hat und was aus den rund 60.000 Menschen werden soll.
Der österreichische Migrationsforscher, der 2016 das Flüchtlingsabkommen zwischen der EU und der Türkei mitverhandelt hat, sieht in dem Ansturm keine vorübergehende Krise, sondern ein Symptom eines strukturellen Problems. Knaus: „Diese Art von irregulärer, lebensgefährlicher Migration über die Außengrenzen der EU lässt sich stoppen, wenn es sinnlos ist, diesen Weg zu gehen.“
Die meisten Ankömmlinge aus Marokko hätten kaum eine Chance auf Asyl, erklärte er. Sie seien keine Flüchtlinge im rechtlichen Sinne, sondern irreguläre Migranten. Entscheidend sei, dass Marokko seine Staatsbürger rasch zurücknehme. Wenn das afrikanische Land jetzt schnell handle, werde die Bewegung auch schnell gestoppt.
Nach Angaben der Behörden sind bereits mindestens 37.500 Migranten freiwillig nach Marokko zurückgekehrt. Das zeige, dass eine schnelle und geordnete Rückkehr möglich ist – wenn der politische Wille auf beiden Seiten vorhanden ist.
Knaus: Vier Drittstaaten-Abkommen nötig
Für die Zukunft fordert Knaus ein klares Signal an potenzielle Migranten. Es brauche ein System, in dem allen klar werde, dass es sinnlos ist, es überhaupt zu versuchen. Konkret plädiert er für vier Drittstaaten-Abkommen: für die spanische Grenze, für Italien, für Griechenland und für die Landgrenze zu Belarus und Russland.
Das Modell sieht vor, dass Migranten, die etwa in Spanien, Griechenland oder Italien ankommen, nach einer kurzen Prüfung des Asylverfahrens in einen sicheren Drittstaat gebracht werden. Auf diese Weise soll der Anreiz für gefährliche Überfahrten drastisch verringert werden.
Kritik äußerte Knaus daran, dass europaweit derzeit nicht an solchen Abkommen gearbeitet werde. „Das sollte sich ändern“, forderte er.
Die Macht der Bilder
Auf die Frage, ob Europa aus der Krise von 2015 gelernt habe, antwortete Knaus: „Wenn wir etwas gelernt haben in den letzten zehn Jahren, dann ist es die Macht dieser Bilder und die politische Macht dieser Ängste, auf die man antworten muss. Nicht mit Phrasen, sondern mit Handeln.“ Die Aufnahmen von Ceuta hätten in den sozialen Netzwerken eine Eigendynamik entwickelt, die politisch nicht zu unterschätzen sei.
Anders als 2015 sieht er jedoch keine Gefahr eines neuen Flüchtlingsstroms nach Deutschland oder Österreich. Die Herkunftsländer der Migranten in Spanien tauchten in deutschen Asylstatistiken praktisch nicht auf. Dennoch warnte der Experte: „Aber die Bilder machen Angst.“
Ceuta ist eine der beiden spanischen Exklaven an der Mittelmeerküste Nordafrikas und bildet die einzige Landgrenze der Europäischen Union zu Marokko. Immer wieder versuchen Migranten, über die Zäune und Strände nach Europa zu gelangen. Der aktuelle Ansturm fällt jedoch größer aus als viele frühere Wellen.
Die Ereignisse haben einmal mehr gezeigt, wie zerbrechlich die Kontrolle an den EU-Außengrenzen ist. Für Knaus steht fest: Nur wenn Europa endlich eine gemeinsame Strategie umsetzt, kann es solche Ausnahmezustände verhindern. Die Zeit drängt.



