Es waren Szenen des Ausnahmezustands: Binnen weniger Stunden strömten Zehntausende Menschen in die spanische Exklave Ceuta. Einige Bewohner verbarrikadierten sich, andere griffen die Ankömmlinge an. Viele Migranten irrten zunächst halb nackt und verstört durch die Straßen, bevor sie kurz darauf wieder nach Marokko zurückkehrten. Die unmittelbare Lage hat sich inzwischen entspannt, doch der politische Sprengstoff bleibt.
Wie es zu dem beispiellosen Ansturm kommen konnte, ist weiterhin unklar. Der deutsche Finanzminister und SPD-Chef Lars Klingbeil sprach von einer „offenbar gesteuerten Migrationsbewegung“. Migranten würden „instrumentalisiert in dem Versuch, Europa zu spalten“, sagte er mit Blick auf die Ereignisse.
Ohne Rabats Zustimmung kaum möglich
In Spanien herrscht dagegen ungewöhnliche Einigkeit: Der Ansturm wäre ohne ein zumindest zeitweiliges Wegschauen der marokkanischen Behörden kaum denkbar gewesen. Die Grenze ist normalerweise streng bewacht und gut kontrollierbar. Die Zeitung „El País“ schrieb, Zehntausende hätten sie nicht ohne „Billigung oder Mitwirkung“ Rabats überwinden können. In zahlreichen Videos ist zu sehen, wie marokkanische Sicherheitskräfte untätig zusehen – für viele Beobachter kein Zweifel an einer Duldung.
Auch in Marokko selbst wird eingeräumt, dass ein solcher Vorfall nur mit Billigung der Behörden möglich sei. Das Land wird von König Mohammed VI. autoritär regiert; der Sicherheitsapparat und die Überwachung per Kamera wurden massiv ausgebaut. Mehrere Migranten erzählten spanischen Medien unabhängig voneinander, dass sie nicht gestoppt, sondern zum Grenzübertritt ermuntert worden seien.
Streit mit Spanien um Westsahara und Algerien
Rabat könnte mehrere Motive gehabt haben. Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez hatte vergangene Woche die Beziehungen zu Marokkos Erzrivalen Algerien gestärkt. Zudem betrachtet Marokko die beiden Exklaven Ceuta und Melilla als „besetzte marokkanische Städte“. Vor diesem Hintergrund sorgte ein Vorstoß des spanischen Parlaments für Unmut: Der Justizausschuss hat einem Gesetzentwurf zugestimmt, der vielen Sahrauis und ihren Nachkommen den Erwerb der spanischen Staatsbürgerschaft erleichtern soll. Die Westsahara war bis 1975 spanische Kolonie, danach wurde sie von Marokko besetzt.
In spanischen Medien wird spekuliert, dass Rabat darin eine Provokation sieht, weil Angehörige der Unabhängigkeitsbewegung Polisario mit EU-Pass schwerer strafrechtlich verfolgt werden könnten. Die Polisario wird von Algerien unterstützt und setzt sich aus Sahrauis zusammen.
Historische Parallele zu 2021
Der Verdacht, dass Marokko die Migration als Druckmittel einsetzt, ist nicht neu. 2021 warf Spanien dem Nachbarland vor, genau dies im Streit um die Westsahara getan zu haben. Damals hatte Madrid den Polisario-Chef in einem Krankenhaus behandelt. Kurz darauf strömten mehr als 8000 Menschen nach Ceuta. Madrid sprach von „Erpressung“, Rabat konterte: „Handlungen haben Konsequenzen.“
Eine weitere Vermutung: Rabat wollte demonstrieren, dass seine Rolle als Grenzpolizist Europas nicht selbstverständlich ist. Das Land erhält für seine Migrationsbekämpfung EU-Gelder in Millionenhöhe.
Spekulationen um USA und Israel
Ebenso werden Signale der spanischen Migrationspolitik diskutiert. Die Regierung hatte zuvor die Legalisierung bereits im Land lebender irregulärer Migranten auf den Weg gebracht – sie galt nicht für Neuankömmlinge, könnte aber Hoffnungen genährt haben. Ein Gerichtsurteil erschwert zudem Zurückweisungen nach Einreise über das Meer.
Noch weiter gehen Spekulationen über eine mögliche Beteiligung der USA und Israels. Spanien hat Israels Vorgehen im Gazastreifen und die US-Angriffe auf den Iran scharf kritisiert und sich Trumps Druck auf höhere Verteidigungsausgaben widersetzt. Manche Beobachter mutmaßen, Marokko könnte im Interesse seiner engen Verbündeten USA und Israel gehandelt haben, um die linke Regierung in Madrid zu destabilisieren und die Migrationsdebatte in Europa anzuheizen. Ein Israel-naher Analyst forderte vor Monaten, Israel solle Marokko helfen, Ceuta und Melilla „zurückzuerlangen“, um Spanien zu „bestrafen“. Belastbare Hinweise auf eine Beteiligung gibt es nicht.
Marokkos schweigende Regierung und die Jugend
Die marokkanische Regierung kommentiert die Vorfälle bislang nicht. Aus einer Partei mit Nähe zum Königshof hieß es nur, ein „nationaler Dialog“ über die Probleme der Jugend sei nötig. Kritiker werfen der Regierung vor, die Jugend vernachlässigt zu haben. Autor Abdelhamid Bajouki brachte es auf den Punkt: Für die Betroffenen sei „das Meer weniger furchteinflößend als das Zuhause“.
Die soziale Lage ist tatsächlich dramatisch. Laut der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) hat jeder dritte Marokkaner zwischen 15 und 29 Jahren weder Job noch Studium noch Ausbildung. Besonders hart betroffen sind Frauen. In Städten wie Casablanca, Rabat oder Fès und im ländlichen Raum fehlen Perspektiven – Europa, vor allem Spanien und Frankreich, erscheint vielen als Ausweg.
Schlepper und soziale Netzwerke befeuern Hoffnung
Schlepper nutzen die Not. Die Regierung versucht zwar, den Menschenhandel einzudämmen, doch die kriminellen Netzwerke operieren weiter. 2025 registrierten Marokkos Behörden 73.000 irreguläre Einreisen, vor allem aus Subsahara-Afrika.
Die konkrete Ceuta-Krise wurde durch soziale Medien angeheizt. Videos auf Plattformen wie TikTok verbreiteten die Botschaft von einer offenen Grenze: Unterkünfte und Weiterreise aufs Festland seien gesichert. Das weckte falsche Hoffnungen, denn Ceuta gehört zwar zur EU, nicht aber zum Schengen-Raum.
Vor Ort folgte die Ernüchterung. „Man hatte uns gesagt, wir bekämen eine Unterkunft und ein Visum für Algeciras. Aber das war alles gelogen“, sagte der 18-jährige Mohamed der Zeitung „El País“. Eine junge Mutter klagte: „Ich habe nicht einmal Milch für mein Baby bekommen.“ Dass die meisten der 50.000 bis 60.000 Ankömmlinge unter dem Druck der spanischen Sicherheitskräfte schnell wieder „freiwillig“ nach Marokko zurückgingen, ist vor diesem Hintergrund verständlich.
Der Ansturm wirkt bereits jetzt wie ein Stresstest für die europäische Migrationspolitik. In mehreren EU-Staaten dürfte die Debatte über die Sicherung der Außengrenzen an Fahrt gewinnen – ebenso wie die Frage, ob Marokko tatsächlich an der langen Leine geführt wird oder Europa mit Migrationsströmen unter Druck setzen kann.



