Die Bilder sind spektakulär: Zehntausende Menschen sind innerhalb von zwei Tagen von Marokko aus in die spanische Enklave Ceuta geflüchtet – meist schwimmend, über das Meer, in Badehose und mit Schwimmreifen. Die Aufnahmen haben Europa erschüttert und eine heftige politische Auseinandersetzung ausgelöst, in der sich die Europäer gegenseitig zerfleischen. In vielen Hauptstädten der Europäischen Union ist die Empörung groß – doch sie richtet sich ausgerechnet gegen Spanien, jenes Land, das an vorderster Front die Außengrenze Europas verteidigt.
Der Kommentar von Andrea Nüsse im Tagesspiegel nimmt die Debatte zum Anlass, um eine grundlegende Kritik zu formulieren: Die meisten EU-Länder stellen Spanien und seine Migrationspolitik an den Pranger. Dieser Populismus aber schade der Union mehr, als er helfe. Die eigentlichen Antworten müssten in Marokko gesucht werden, nicht in Madrid.
Was in Ceuta geschah
Ceuta ist eine spanische Exklave an der Nordküste Afrikas, direkt an der Straße von Gibraltar. Zusammen mit der Schwesterstadt Melilla bildet Ceuta die einzige Landgrenze zwischen der Europäischen Union und dem afrikanischen Kontinent. Die Grenze ist massiv befestigt, doch im Mai 2021 gelang Tausenden der Durchbruch – nicht über die Zäune, sondern durch das Meer.
Die Menschen schwammen vielerorts direkt am Strand vorbei an den Grenzanlagen oder nutzten improvisierte Hilfsmittel wie Schwimmreifen und aufblasbare Boote. Innerhalb von nur 48 Stunden kamen Zehntausende nach Ceuta. Die spanische Regierung entsandte umgehend Verstärkung, um die Ordnung in der Enklave wiederherzustellen und die Migranten zu registrieren.
EU-Kritik an Spanien
Während Spanien mit der Bewältigung des Ansturms beschäftigt war, reagierten mehrere EU-Mitgliedstaaten mit scharfen Worten. Vor allem Regierungen aus Mittel- und Osteuropa warfen Madrid vor, die Migrationspolitik zu lax zu handhaben und damit ein Einfallstor für unkontrollierte Zuwanderung zu öffnen. Die Kritik richtet sich nicht nur gegen die konkreten Vorgänge in Ceuta, sondern auch gegen den allgemeinen Kurs der spanischen Regierung, die in der Vergangenheit mehrfach für eine humanitäre Migrationspolitik geworben hatte.
Besonders heftig fielen die Reaktionen aus Mitgliedstaaten aus, die sich bereits in der Vergangenheit gegen eine stärkere Lastenteilung in der Migrationspolitik sperrten. Sie nutzten die Bilder aus Ceuta als Beleg für ihre Position, dass Schutzsuchende gar nicht erst nach Europa gelangen dürften. Dass Spanien in der EU oft eine liberale Linie vertritt, machte das Land zur Zielscheibe.
Aus Brüssel und vielen Hauptstädten war zudem zu hören, dass die Ereignisse in Ceuta einen Beleg dafür lieferten, dass die EU ihre Außengrenzen entschiedener schützen müsse. Der Druck auf die EU-Kommission wuchs, einheitlichere Regeln für Asyl und Abschiebungen durchzusetzen. Spanien sieht sich dabei einem Zerrbild ausgesetzt, das mit der Realität vor Ort wenig zu tun hat.
Populismus statt Problemlösung
Der Kommentar im Tagesspiegel stellt genau diese Dynamik in den Mittelpunkt. Andrea Nüsse argumentiert, dass die gegenseitigen Schuldzuweisungen unter den EU-Mitgliedern das eigentliche Problem verschärfen. Statt Spanien vorzuführen, sollten sich die Europäer fragen, wer von derartigen Grenzöffnungen profitiert und wie sie künftig verhindert werden können. Der Populismus, der aus solchen Krisen Kapital schlage, gefährde das Fundament der Union.
Die Kritik an Spanien ist aus Sicht des Kommentars umso unverständlicher, als das Land seit Jahren eine überdurchschnittlich hohe Zahl an Flüchtlingen aufnimmt und an den EU-Außengrenzen enorme Solidarität leistet. Wer jetzt mit dem Finger auf Madrid zeige, verkenne die geografische und historische Verantwortung, die Spanien mit seinen Außengrenzen trägt.
Die Kritiker übersehen zudem, dass Spanien nicht nur die Landgrenze kontrolliert, sondern auch auf den Kanarischen Inseln und im Mittelmeer zahlreiche Migranten aufnimmt. Die EU hat Spanien in der Vergangenheit wiederholt mit schönen Worten bedacht, aber in der Praxis im Stich gelassen, so die Argumentation des Kommentars.
Die Rolle Marokkos
Die entscheidende Frage ist aus Sicht des Kommentars eine andere: Warum hat Marokko den Grenzübertritt tausender Menschen in diesem Ausmaß zugelassen? Es gibt Hinweise, dass Rabat die Grenzkontrollen bewusst gelockert hat, um Madrid politisch unter Druck zu setzen. Hintergrund ist ein Streit über die Westsahara und die Aufnahme des Polisario-Führers Brahim Ghali in Spanien. Marokko dementiert dies offiziell, doch die zeitliche Abfolge spricht eine deutliche Sprache.
Die EU sollte nach Ansicht von Andrea Nüsse daher nicht Spanien, sondern Marokko in die Pflicht nehmen. Es sei ein offenes Geheimnis, dass die marokkanische Regierung Migration wiederholt als politisches Druckmittel eingesetzt habe. Die Europäer müssten eine gemeinsame Strategie entwickeln, wie sie mit solchen Instrumentalisierungen umgehen – diplomatisch, aber auch mit klaren Konsequenzen.
Was Europa jetzt braucht
Die Krise von Ceuta zeigt einmal mehr, wie unvollständig die gemeinsame europäische Migrationspolitik ist. Statt sich gegenseitig zu beschuldigen, benötigt die EU eine solidarische Verteilung der Verantwortung und einen wirksamen Schutz der Außengrenzen. Gleichzeitig braucht es einen ehrlichen Dialog mit den Herkunfts- und Transitländern – allen voran Marokko.
Der Tagesspiegel-Kommentar endet nicht mit einer einfachen Forderung, sondern mit einer grundsätzlichen Warnung: Die Union stehe vor der Wahl, ob sie als Wertegemeinschaft bestehen wolle oder in nationale Egoismen zerfalle. Die Bilder von Ceuta seien dabei nur ein Vorbote größerer Herausforderungen.
Wenn die Europäer weiterhin nur aufeinander zeigen, statt die Ursachen anzugehen, werden sich die Bilder von Ceuta wiederholen. Spanien habe den Ansturm nicht allein zu verantworten; die EU müsse als Gemeinschaft handeln. Ansonsten drohe der Populismus zu siegen – zum Schaden aller Mitgliedstaaten.



