Ceuta normalisiert sich, aber die Krise bleibt: 72 Tote
Nach Ansturm: Ceuta kehrt zurück - 72 Tote gefunden

Wiedereröffnung und verhaltene Normalität

Die spanische Nordafrika-Exklave Ceuta erlebt nach dem beispiellosen Ansturm Tausender Migranten eine vorsichtige Rückkehr zum Alltag. Zahlreiche Geschäfte, Cafés und Restaurants öffneten am Wochenende wieder ihre Pforten, nachdem sie wegen der chaotischen Zustände tagelang geschlossen geblieben waren. Der staatliche TV-Sender RTVE zeigte Bewohner mit Einkaufstaschen, Familien am Strand und spielende Kinder.

Die Lage sei entspannt, berichtete eine RTVE-Reporterin. Neue Versuche, das Meer zu durchschwimmen, seien nicht zu beobachten. Die politische Debatte über Ursachen und Konsequenzen der Tragödie mit Dutzenden Toten dürfte Spanien und die Europäische Union noch lange beschäftigen.

Zahlen und Widerstände

Nach Angaben der spanischen Regierung sind die meisten der schätzungsweise 50.000 bis 60.000 Menschen, die vor allem am Mittwoch und Donnerstag aus Marokko in die Exklave gelangten, inzwischen wieder zurückgekehrt. In Ceuta patrouillieren weiterhin rund 3.000 Sicherheitskräfte, die wegen der Krise entsandt wurden. Sie sollen dort nach Angaben des Innenministeriums „so lange wie nötig“ bleiben.

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RTVE berichtete, dass sich nur noch einige hundert Neuankömmlinge in Ceuta aufhielten. Ein völlig anderes Bild zeichnet Regionalpräsident Juan Jesús Vivas von der konservativen Volkspartei PP. Er bestritt, dass die Normalität zurückgekehrt sei, und bezifferte die Zahl der verbliebenen Migranten „auf Tausende“. Vivas gehört der Partei von Oppositionsführer Alberto Nuñez Feijóo an, der der linken Zentralregierung die alleinige Schuld am Ansturm gibt und von einer „Invasion“ spricht.

Persönliche Schicksale im Verborgenen

Einige Marokkaner halten sich weiterhin versteckt, „aber nach und nach gehen sie alle zurück“, zitiert RTVE Anwohner an den Stränden. Der Sender sprach mit Neuankömmlingen, die nicht zurückkehren wollen und sich in Seitenstraßen, Parks, zwischen Häusern oder auf den Hügeln verstecken. So auch Humad und sein Freund Hachim, die unter einer Straßentreppe kampieren.

„Ich suche hier ein besseres Leben. Ich habe in Marokko nur meine Mutter und meinen kleinen Bruder, der krank ist und Insulin braucht“, erzählt der 20-jährige Humad. Sein 17-jähriger Freund Hachim sei ein talentierter Fußballer und träume von einer Karriere beim FC Barcelona. Andere Träume platzten brutal: Ihr Freund Mohamed, 19 Jahre alt, ertrank wenige Meter vor der Küste. „Er konnte schwimmen. Aber an der Grenzanlage waren so viele Menschen. Ich habe versucht, ihm zu helfen, aber er war zu weit weg“, sagt Humad. „Es sind viele Menschen gestorben. Ich habe ihm zugerufen: „Los, Mohamed, los!“ Aber dann sah ich ihn nur noch dort ...“ Den Satz kann der junge Mann nicht beenden.

72 Todesopfer und die Suche im Meer

Die Einsatzkräfte bargen weitere Leichen. Inzwischen liegt die Zahl der bestätigten Toten bei mindestens 72, wie die Behörden mitteilten. Die Suche im Meer geht weiter. Die Zeitung „El País“ zitierte einen anonymen Polizeibeamten mit den Worten: „Es gibt mehr Tote im Meer.“ Die meisten Opfer ertranken beim Versuch, schwimmend von Marokko nach Ceuta an der Straße von Gibraltar zu gelangen.

Um solche Tragödien künftig zu verhindern, setzt Madrid auf eine neue technische Hürde: eine rund 500 Meter lange aufblasbare orangefarbene Barriere, die je nach Wellengang etwa 30 bis 70 Zentimeter aus dem Wasser ragt und bis zu einem Meter in die Tiefe reicht. Sie soll Migranten am Durchschwimmen hindern und die Überwachung verbessern. Die Sperre ist im Grunde eine Verlängerung des Grenzdamms ins Meer und wird durch eine Bojenkette verstärkt.

Rechtliche Lücke und EU-Streit

Mit der Sperre will Madrid auch eine Lücke schließen, die ein Urteil des Obersten Gerichts aufgerissen hatte. Das Gericht entschied Anfang Juli, dass Migranten, die über einen unbefestigten Grenzabschnitt wie das Meer nach Spanien gelangen, Anspruch auf eine individuelle Prüfung ihres Asylbegehrens haben. Eine sofortige Zurückweisung ist nur zulässig, wenn sie zuvor einen Zaun oder eine andere Grenzsperre überwunden haben.

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Auch auf EU-Ebene spitzt sich die Debatte zu. Die EU-Innenminister wollen am Dienstag per Videokonferenz über die Krise beraten. Zuvor waren tiefe Risse sichtbar geworden: Italien und Dänemark initiierten einen offenen Brief, in dem Madrid indirekt vorgeworfen wird, mit migrationspolitischen Entscheidungen unerwünschte Signale gesendet zu haben. 22 der 27 EU-Staats- und Regierungschefs unterzeichneten den Brief, darunter Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU).

Außenminister Johann Wadephul sagte der „Bild am Sonntag“, er erwarte, dass die EU-Kommission dem Thema „absolute Priorität einräumt, um das Schengen-System offener EU-Binnengrenzen nicht weiter zu gefährden“. Sánchez wies die Kritik zurück: Ceuta gehöre nicht zum Schengen-Raum, Migranten könnten von dort nicht ohne Weiteres in andere EU-Staaten weiterreisen. Die Reaktionen einiger EU-Partner seien von „Vorurteilen, Falschmeldungen, Unwissenheit oder politischen Interessen“ getrieben.