Der Aufstand gegen Gianni Infantino ist in vollem Gange. Nur zwei Wochen nach dem Ende der ersten 48-Team-Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko, die Infantino trotz aller Kritik als vollen Erfolg verbuchte, sieht sich der FIFA-Präsident mit Rücktrittsforderungen konfrontiert. Rund 13,1 Milliarden Euro an Einnahmen hatte die XXL-Endrunde laut Schätzungen generiert – mehr als jedes Turnier zuvor. Doch die Triumphstimmung ist verflogen. Ein gescheiterter Versuch, milliardenschwere Investoren an den FIFA-Premiumprodukten zu beteiligen, hat eine beispiellose Revolte gegen den mächtigsten Fußballfunktionär der Welt entfacht.
Grund für den Aufstand: Das geplatzte FFE-Projekt
Infantinos Plan sah vor, private Investoren an der neu gegründeten Tochtergesellschaft FIFA Forward Enterprise (FFE) zu beteiligen. Rund 20 Prozent der Anteile sollten verkauft werden, der Wert des Unternehmens wurde mit 20 Milliarden US-Dollar beziffert. Die FFE hätte die kommerziellen Rechte an allen wichtigen FIFA-Wettbewerben gebündelt – von der Männer- und Frauen-Weltmeisterschaft bis zur neu geschaffenen Klub-WM. Infantino selbst wollte in dem Unternehmen die Rolle des Geschäftsführers übernehmen.
Als zentraler Geldgeber war der Technologieinvestor Joshua Kushner vorgesehen, dessen Bruder Jared mit Ivanka Trump verheiratet ist. Über seine Investmentfirma Thrive sollte Kushner eine Schlüsselrolle einnehmen. Doch aus dem Deal wurde nichts. Der Widerstand innerhalb und außerhalb der FIFA war zu groß, und auch US-Präsident Donald Trump beeilte sich zu erklären, er habe mit Infantino über die Investorenpläne gar nicht gesprochen. Eine deutliche Distanzierung vom mächtigsten Mann des Weltfußballs.
Berichten zufolge hatte Infantino den 211 Mitgliedsverbänden eine Frist bis zum 19. September gesetzt, um dem Vorhaben zuzustimmen, und dafür Sonderzahlungen in Aussicht gestellt. Die öffentliche Empörung über das als undurchsichtig kritisierte Hinterzimmergeschäft zwang ihn schließlich zu einer peinlichen Kehrtwende. Infantino, der schon früher mit kontroversen Ideen gescheitert war, steht nun so stark unter Druck wie nie zuvor in seiner Amtszeit.
UEFA legt den Finger in die Wunde
Die Europäische Fußball-Union sieht den Moment für einen Führungswechsel gekommen. „Die derzeitige FIFA-Führung hat nicht nur das Vertrauen der UEFA verloren, sondern auch das vieler anderer Mitglieder der Fußballfamilie“, erklärte der Dachverband. Man werde gemeinsam mit den Mitgliedsverbänden und den anderen Konföderationen analysieren, wie es zu der Affäre kommen konnte. „Keine Option darf von vornherein ausgeschlossen werden“ – eine unmissverständliche Aufforderung an Infantino, die Konsequenzen zu ziehen.
Die UEFA geizte nicht mit deutlichen Worten: „Der schäbige, hinter verschlossenen Türen ausgehandelte und undurchsichtige Deal, den er eingefädelt und anschließend durchzusetzen versucht hat, war das genaue Gegenteil von Transparenz.“ Unterstützung erhält die UEFA vom Deutschen Fußball-Bund um Präsident Bernd Neuendorf. Auch Spaniens Liga-Chef Javier Tebas schlug in dieselbe Kerbe: „Das Problem ist nie nur dieser eine Vorschlag von Infantino gewesen“, schrieb er. „Das Problem ist ein Modell der Verbandsführung, das Macht konzentriert, Kontrollmechanismen schwächt und diejenigen an den Rand drängt, die von den Entscheidungen unmittelbar betroffen sind. Der Rückzug eines Vorschlags macht das Geschehene nicht ungeschehen. Er ist lediglich die Spitze des Eisbergs.“
Milliarden-Reserven und ein Misstrauensvotum in Sicht
Die UEFA erneuert zugleich ihre Kritik an den hohen Finanzreserven der FIFA. Mehr als fünf Milliarden US-Dollar würden angeblich „ungenutzt auf den Bankkonten“ des Weltverbands liegen, hieß es. Diese Summen müssten endlich dem Fußball in den Mitgliedsländern zugutekommen. Die Forderungen nach einem Reformprozess erinnern an die Zeit vor neun Jahren, als Infantino den wegen eines Korruptionsskandals gestürzten Joseph Blatter an der Spitze ablöste.
Doch diesmal ist es Infantino selbst, der im Visier steht. Nach Informationen der „Times“ könnte er sich einer außerordentlichen Sitzung des FIFA-Rats stellen müssen, auf der sein Rücktritt verlangt wird. Alternativ könnten mindestens 43 der 211 Mitgliedsverbände einen außerordentlichen Kongress einberufen und dort ein Misstrauensvotum anstrengen. Die kritische Masse, die für einen Sturz Infantinos nötig wäre, scheint in greifbare Nähe gerückt.
Nachfolger in Sicht? Die Kandidaten-Frage
Falls es tatsächlich zur Ablösung kommt, müsste schnell ein Nachfolger her. UEFA-Präsident Aleksander Ceferin wäre ein logischer Anwärter, hat jedoch bereits für 2027 eine erneute Kandidatur für das Amt des UEFA-Chefs ausgeschlossen. „Nach einer gewissen Zeit braucht jede Organisation frisches Blut“, sagte der Slowene – ein Satz, der durchaus auch als Seitenhieb auf die FIFA interpretiert werden kann.
Als möglicher Herausforderer gilt Victor Montagliani, Präsident des Kontinentalverbands Concacaf für Nord- und Mittelamerika sowie die Karibik. Der Kanadier hat Infantino bereits unverhohlen attackiert: „Diese jüngste einseitige und ungeheuerliche Handlung, die von schlechter Regierungsführung und Führungsschwäche zeugt, reiht sich ein in eine Reihe von Fehltritten und ähnlichem Verhalten.“
Man darf jedoch nicht vergessen, dass Infantino die Verbandsapparate bestens kennt. Er war lange Generalsekretär der UEFA, ehe er an die FIFA-Spitze aufstieg. Das Organisieren von Stimmen und Rückhalt beherrscht er meisterhaft. Laut „Guardian“ hat er inzwischen eine Beratungsfirma engagiert, um die Beziehungen zu den Nationalverbänden wieder zu glätten – offiziell bestätigt ist dieser Schachzug allerdings nicht.
Unterstützung aus ausgewählten Verbänden
Ganz isoliert ist Infantino noch nicht. Ägypten, Marokko, Libanon und Katar haben jüngst ihre Unterstützung bekräftigt. Diese Verbände könnten ihm helfen, die eigentlich für März nächsten Jahres in Rabat geplante Wiederwahl durchzusetzen. Infantino, der Rechtswissenschaftler, will sich auf dem 77. FIFA-Kongress ein letztes Mal für vier Jahre zum Präsidenten wählen lassen.
Ob die Unterstützung einiger weniger Verbände ausreicht, um die Revolte zu ersticken, ist fraglich. Der Druck auf den 56-jährigen Schweizer wächst täglich. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob Infantino seine Macht behaupten kann – oder ob die Fußballwelt tatsächlich eine neue Führung an der Spitze des Weltverbands bekommt. In der Kritik ist dieser Satz längst zur Forderung geworden: „Der Weltfußball braucht neue Führung.“



