Mumienduft als Schlüssel zur antiken Balsamierungskunst
Wer Mumien aus dem alten Ägypten untersucht, nimmt oft einen beißenden Geruch wahr. Ein internationales Forschungsteam hat diesen Duft nun genauer analysiert und daraus die Rezepturen rekonstruiert, die bei der Einbalsamierung vor Jahrtausenden zum Einsatz kamen. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal Journal of Archaeological Science veröffentlicht und bieten neue Einblicke in den Totenkult der Pharaonen.
Von natürlicher zu künstlicher Mumifizierung
Im alten Ägypten war es Teil des Totenkults, die Körper von Verstorbenen möglichst lange zu erhalten. Die ältesten Mumien entstanden auf natürliche Weise, indem sie in heißen Wüstensand gelegt wurden. Mit der Zeit entwickelte sich jedoch die Kunst der künstlichen Einbalsamierung, ein teures und aufwendiges Verfahren, das nur wohlhabenden Personen wie Pharaonen, Königinnen oder hohen Beamten vorbehalten war.
Nach dem Tod wurden die Körper typischerweise getrocknet, oft in mit Salz gefüllten Becken. Die Organe wurden entfernt, präpariert und in eigenen Gefäßen beigelegt, während das Herz im Brustraum verblieb – gemäß dem Glauben, dass es beim Totengericht gewogen wurde. Anschließend kamen Tinkturen aus pflanzlichen Fetten, tierischen Ölen oder Wachs zum Einsatz, um die Körper haltbar zu machen.
Innovative Methode: Geruchsanalyse statt invasiver Proben
Bisher mussten für chemische Analysen Substanzen aus den Mumien extrahiert werden, was die konservierten Körper beschädigen konnte. Das Team um die Biochemikerin Wanyue Zhao von der University of Bristol wählte einen schonenderen Ansatz: Sie analysierten die flüchtigen organischen Verbindungen, die die Mumien bis heute abgeben. „Jeder, der engen Kontakt mit Mumien hat, ist oft überrascht von ihrem beißenden Geruch“, erklärt Zhao. Diese Beobachtung nutzten die Forschenden, um die Zusammensetzung der Einbalsamierungstinkturen zu bestimmen.
In ihrer Studie untersuchten sie Geruchsproben von 19 Mumien aus der Zeit zwischen 2000 vor Christus und 295 nach Christus, der Blütezeit der ägyptischen Mumifizierungstradition. Die Analysen bestätigten, dass der Geruch charakteristische Biomarker enthält, die mit historischen Überlieferungen und Inschriften übereinstimmen.
Trends in der Balsamierung über die Jahrhunderte
Die Ergebnisse zeigen deutliche Entwicklungen in den Rezepturen über die Epochen hinweg. Im Alten Reich, der Ära der Pyramiden, verwendeten die Balsamierer hauptsächlich reine Öle und Fette. Mit der Zeit wurden die Mischungen komplexer und enthielten zusätzliche Bestandteile wie Bienenwachs, Harz von Nadelbäumen oder Bitumen. Diese Veränderungen spiegeln möglicherweise technologische Fortschritte oder kulturelle Verschiebungen wider.
Die Methode der Geruchsanalyse eröffnet neue Möglichkeiten für die archäologische Forschung. Sie ermöglicht es, mehr Mumien schonend zu untersuchen, ohne sie zu beschädigen. Zudem könnte sie helfen, das ungefähre Alter von Mumien zu bestimmen, bei denen die Herkunft unklar ist – etwa bei Funden ohne eindeutige historische Zuordnung.
Diese Entdeckung fügt sich in eine Reihe spektakulärer archäologischer Funde in Ägypten ein, wie etwa die jüngste Entdeckung unbekannter Hohlräume in der Mykerinos-Pyramide. Sie unterstreicht, wie moderne wissenschaftliche Methoden dazu beitragen, die Geheimnisse antiker Zivilisationen zu lüften.



