Eine heftige Erdbebenserie mit Dutzenden Stößen hat die Phlegräischen Felder westlich von Neapel erschüttert. Seit Freitagabend rumort die Erde in dem vulkanisch aktiven Gebiet – das INGV spricht von einem Erdbebenschwarm. Gleich das erste Beben erreichte eine Stärke von 4,7 und gilt als das schwerste in der Region seit rund 40 Jahren. Bis zum Sonntag folgten mehrere Nachbeben, darunter eines mit der Stärke 3,8. Insgesamt registrierte das Nationale Institut für Geophysik und Vulkanologie (INGV) mehr als hundert weitere, schwächere Stöße.
„Es fühlte sich an wie die Apokalypse", sagte Rosella Rolfo, eine Anwohnerin in der stark betroffenen Küstenstadt Pozzuoli, der Zeitung „La Repubblica". Ein anderer Anwohner berichtete: „Das Beben war so stark und anhaltend, dass ich die Wohnungstür nicht einmal öffnen konnte, weil sie klemmte."
Warum die Beben so gefährlich sind
Die Erdstöße sind im globalen Vergleich, etwa zu Japan, nicht extrem stark. Doch die Infrastruktur in Süditalien ist veraltet und deutlich weniger erdbebensicher als moderne Bauten in anderen Regionen. Zudem handelt es sich in den Phlegräischen Feldern nicht um gewöhnliche Plattenbewegungen, sondern um vulkanische Aktivität. In der Erde brodelt es – Felsbrocken und Trümmerteile beschädigten in der Folge Gebäude und Autos.
Besonders betroffen sind, wie bereits bei früheren Erdbebenserien, die Ortschaften rund um die Phlegräischen Felder westlich von Neapel. Die Region wird seit Jahren von zahlreichen kleinen und stärkeren Erdstößen heimgesucht, die immer wieder Schäden verursachen.
Verletzte und Schäden in Pozzuoli
Nach Angaben der Behörden wurden 26 Menschen verletzt. Fünf von ihnen werden weiterhin im Krankenhaus behandelt, zwei mit schweren Verletzungen. Lebensgefahr besteht für niemanden. Die Betroffenen erlitten vor allem Prellungen, Knochenbrüche und andere Verletzungen. In Pozzuoli stürzten Mauern und Fassadenteile herab, auch Tuffstein-Hänge gaben den Stößen nach. Felsbrocken und Trümmerteile beschädigten zudem Autos, an Gebäuden entstanden teils erhebliche Schäden.
Hunderte Menschen evakuiert
Mehrere Wohnhäuser wurden von den Behörden für unbewohnbar erklärt. Mehr als 300 Menschen mussten ihre Wohnungen verlassen und in Notunterkünften übernachten. Weitere Evakuierungen sind lokalen Medienberichten zufolge nicht ausgeschlossen. „Seit Jahren leben wir so. So kann es nicht weitergehen", klagte eine evakuierte Anwohnerin. Italiens Zivilschutzminister Nello Musumeci warnte: „Der Erdbebenschwarm hält an, daher können weitere Erdstöße einer Stärke von mehr als 3 auftreten."
Die Phlegräischen Felder: Europas größter aktiver Supervulkan
Für die Bewohner der Phlegräischen Felder sind die immer wiederkehrenden Erdstöße nicht neu. Allerdings hat viele die Stärke des Bebens am Freitag aufgeschreckt – es war das stärkste, seit die Aktivität des sogenannten Bradyseismus wieder zugenommen hat. Dabei handelt es sich um Hebungen und Senkungen des Bodens, die in den Phlegräischen Feldern immer wieder beobachtet werden. Das Phänomen betrifft das gesamte Gebiet rund um das Vulkanfeld Solfatara, einem Teil der Phlegräischen Felder.
Die Phlegräischen Felder gelten als Europas größter aktiver Supervulkan. Supervulkane zeichnen sich durch eine besonders große Magmakammer und enorme Gewalt aus. Anders als gewöhnliche Vulkane explodieren sie regelrecht – ein Szenario, das in der Region seit Langem erforscht wird.
Expertin erwartet weitere Erdbeben – Angst in der Bevölkerung bleibt
Lucia Pappalardo, Direktorin der für die Phlegräischen Felder zuständigen Abteilung des INGV, bestätigte, dass es sich um das stärkste Beben seit rund 40 Jahren handelte. Überrascht war sie nicht: „Eigentlich waren wir eher von der relativen Ruhe der letzten Wochen überrascht. Ein Beben dieser Art ist für uns nichts grundlegend Neues", sagte sie der „La Repubblica". Nach ihren Worten hängt die Bebenserie direkt mit den Bodenhebungen und -senkungen zusammen. Sie rechnet mit weiteren Erschütterungen: „Kurz gesagt, alle Voraussetzungen für anhaltende Erdbeben sind gegeben."
Anzeichen für einen bevorstehenden Ausbruch des Supervulkans gebe es derzeit nicht. Für die Menschen in der Region bleibt die Lage dennoch schwierig. Vor allem die Ungewissheit, wann das nächste Beben kommt und ob es noch stärker wird, raubt vielen den Schlaf. „Wir leben in ständiger Erwartung eines weiteren Bebens", sagte eine Anwohnerin. Die Behörden riefen die Bevölkerung auf, wachsam zu bleiben und die Hinweise des Zivilschutzes zu beachten.



