Zehn Länder haben sich in Paris zu einer neuen Koalition zur Raketenabwehr zusammengeschlossen, um Europa vor ballistischen Raketen zu schützen. Die Gründung erfolgte am Montag am Rande eines Treffens von rund 25 Staats- und Regierungschefs der sogenannten Koalition der Willigen, das der französische Präsident Emmanuel Macron einberufen hatte.
„Dies ist nicht gegen die Bevölkerung eines anderen Landes gerichtet, sondern zur Verteidigung unserer eigenen Bevölkerung“, erklärten die zehn Nationen in einer gemeinsamen Erklärung. Das Ziel sei es, „die Verteidigungsindustrien, die Forschung und die operative Erfahrung zu bündeln“. Die Erklärung wurde von Vertretern Frankreichs, Deutschlands, der Ukraine, Italiens, Dänemarks, der Niederlande, Norwegens, Spaniens, Schwedens und Großbritanniens unterzeichnet. „Wir wollen eine gemeinsame Fähigkeit gegen ballistische Raketen in Europa aufbauen“, betonten die Unterzeichner.
Selenskyj: Raketenabwehr entscheidend für Kriegsende
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bedankte sich bei Macron für die Initiative. „Starke und ausreichende Abwehrfähigkeiten gegen ballistische Raketen sind entscheidend, um Russlands Krieg gegen die Ukraine zu beenden“, erklärte er auf der Plattform X. Je mehr Mittel die Ukraine habe, russische ballistische Raketen abzuschießen, desto größer sei die Chance, dass der russische Präsident Wladimir Putin an den Verhandlungstisch komme, fügte er hinzu.
In Paris warb Selenskyj zudem für die Schaffung eines neuen europäischen Flugabwehrsystems zur Abwehr russischer ballistischer Raketen innerhalb von zwölf Monaten. „Wir haben in der Ukraine eine Flugabwehrrakete, doch das ist nur Teil eines Systems“, sagte er. Eine Massenproduktion werde günstig sein. Er forderte die Europäer zur Lieferung von Radaren und anderen kritisch wichtigen Komponenten auf. Ballistische Raketen bezeichnete er als das letzte Mittel Russlands, um den Krieg in die Länge zu ziehen. Sein Land benötige täglich Mittel zur Abwehr dieser Raketen. Zugleich beklagte er einen Mangel an Flugabwehrraketen für das US-amerikanische Patriot-System.
Frankreich erlaubt Ukraine Rüstungsproduktion
Frankreich erteilte der Ukraine erstmals Lizenzen zur Produktion französischer Marschflugkörper, Präzisionsbomben und Flugabwehrraketen. Darauf einigten sich Macron und Selenskyj in Paris. Zudem bestellte die Regierung in Kyjiw 16 französische Rafale-Kampfjets, die bis spätestens 2029 einsatzbereit sein sollen, sowie Luftabwehrsysteme der neuesten Generation.
Macron rief zu einer verstärkten Waffenproduktion auf. Der Krieg in der Ukraine habe gezeigt, „dass nicht der Waffenbestand, sondern der Nachschub die strategische Stabilität in Europa bestimmt“, sagte er vor Vertretern der französischen Streitkräfte. Europa sende die Botschaft aus, dass es Frieden wolle und die Freiheit und das Recht verteidige. „Ja, wir sind bereit, zu kämpfen, um dies zu verteidigen. Immer und notfalls um den Preis von Blut“, fügte er hinzu.
Europäische Schutztruppe plant Übungen in Nachbarstaaten der Ukraine
Die Koalition der Willigen plant in den kommenden Monaten gemeinsame Manöver in Nachbarländern der Ukraine. Macron teilte nach den Beratungen mit, die Übungen sollten zeigen, „dass wir bereit, entschlossen und glaubwürdig sind – zu Land, in der Luft und zur See“. Die Koalition verfüge nun über eine multinationale Truppe für die Ukraine, die einsatzbereit sei. Die Übungen in den ukrainischen Nachbarländern sollten Einsatzpläne testen. Die Truppe soll als Abschreckung dienen und in Friedenszeiten die ukrainischen Streitkräfte unterstützen – etwa bei der Ausbildung junger Soldaten oder der Sicherung des Luftraums und der Seegebiete.
In der Koalition der Willigen haben sich mehr als 35 Länder zusammengeschlossen. Anfang des Jahres verständigten sie sich in einer Pariser Erklärung darauf, der Ukraine rechtlich verbindlich zuzusichern, sie im Fall eines erneuten russischen Angriffs nicht allein zu lassen.
Merz und Bundeswehrsoldaten bei Militärparade in Paris
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und zwei Dutzend weitere Staats- und Regierungschefs sollen am Dienstag der Militärparade zum französischen Nationalfeiertag in Paris beiwohnen. Macron hatte die Spitzenvertreter der Partnerländer in der Pro-Ukraine-Koalition zu den Feierlichkeiten am 14. Juli eingeladen. Etwa 500 Soldaten aus Ländern der Koalition der Willigen sollen mitmarschieren, darunter 21 Bundeswehrsoldaten des Artilleriebataillons 295 aus Stetten am kalten Markt, das der Deutsch-Französischen Brigade untersteht. Auch vier Flugzeuge der Bundeswehr fliegen bei der Flugschau mit: ein Eurofighter, eine A400M und zwei C-130J. Insgesamt marschieren 6800 Teilnehmer zu Fuß mit.
Ukrainischer Drohnenangriff auf Raffinerie am Ural
Die Ukraine hat in der Nacht eine Raffinerie in der russischen Teilrepublik Baschkortostan nahe des Uralgebirges angegriffen. Republikchef Radij Chabirow bestätigte bei Telegram eine massive Attacke auf das Industriegebiet in Salawat. „Es gibt einige Rauchherde, die durch das Herabstürzen von Drohnentrümmern hervorgerufen wurden“, schrieb er. Tote und Verletzte gebe es nicht. Die Feuerwehr sei beim Löschen. Medienberichten zufolge sind Brände in der Ölverarbeitungsanlage ausgebrochen. Salawat liegt mehr als 1400 Kilometer von der Front entfernt. Die zum Ölkonzern Gazpromneft gehörende Raffinerie hat eine Verarbeitungskapazität von mehr als sieben Millionen Tonnen Rohöl im Jahr. Im September 2025 wurde sie bereits zweimal angegriffen, arbeitete anschließend aber störungsfrei weiter.
In der südrussischen Region Krasnodar lösten herabstürzende Drohnentrümmer einen Brand in einer Ölraffinerie aus. Die Trümmer beschädigten auch mehrere Privathäuser, einen Wohnblock sowie ein Gebäude an einem Bahnübergang. Eine Person wurde verletzt.
Russland greift Kyjiw und weitere Städte an
Russland griff die ukrainische Hauptstadt Kyjiw in der Nacht mit Raketen an. Dabei wurden Brände in mehreren Stadtteilen ausgelöst. Im Bezirk Holosiivskyi standen zwei Lagerhallen in Flammen. Bürgermeister Vitali Klitschko zufolge brannten zudem Autos, nachdem Drohnenteile in einem östlichen Vorort niedergegangen waren. Opfer wurden aus der Hauptstadt zunächst nicht gemeldet. In Saporischschja wurden bei einem Drohnenangriff elf Menschen verletzt, in der Region Charkiw gab es sechs Verletzte.
EU-Sanktionen: Keine Einigung auf neues Russland-Paket
Die EU-Staaten erzielten bei einem Außenministertreffen in Brüssel keine Einigung auf ein neues großes Paket mit Russland-Sanktionen. Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas bedauerte dies, sagte aber, man sei „recht nah“ an einer Verständigung. Die Pläne sehen unter anderem weitere Maßnahmen gegen den russischen Finanz- und Energiesektor sowie ein Einreiseverbot für russische Soldaten vor. Um Russlands Einnahmen aus Ölexporten zu begrenzen, ist zudem geplant, die turnusmäßige Anpassung der Ölpreisobergrenze vorerst auszusetzen. Nach Angaben von Diplomaten erschweren nationalstaatliche Interessen die Einigung, etwa Griechenland, das heimische Reedereien schützen will.
Großbritannien beteiligt sich an dem 90-Milliarden-Euro-Darlehen der EU für die Ukraine. Premierminister Keir Starmer erklärte: „Diese Vereinbarung wird dazu beitragen, dass die Ukraine die Unterstützung erhält, die sie zur Verteidigung gegen die russische Aggression benötigt, und gleichzeitig britische Rüstungsunternehmen fördern, qualifizierte Arbeitsplätze sichern und unsere nationale Sicherheit stärken.“
Wadephul reist nach Norwegen, Russland bestellt Botschafter ein
Außenminister Johann Wadephul (CDU) reist vor dem Hintergrund hybrider russischer Bedrohungen nach Norwegen. In Bodø will er gemeinsam mit seinem norwegischen Kollegen das Hauptquartier der norwegischen Streitkräfte besuchen. Im Fokus stehen die Sicherheit im Hohen Norden und die Herausforderungen in der Arktis. Das dortige Nato-Luftoperationszentrum dient der Planung und Koordinierung von Luftoperationen in der Arktis und im Nordatlantik.
Nach der Einbestellung des russischen Botschafters in Berlin wegen Cyberangriffen bestellte Russland den deutschen Botschafter Alexander Graf Lambsdorff ein. Das Auswärtige Amt hatte zuvor den russischen Botschafter Sergej Netschajew einbestellt. „Seit vielen Jahren beobachten wir bösartige Cyberaktivitäten aus Russland gegen Deutschland, gegen die Mitgliedstaaten der EU sowie auch internationale Partner“, sagte eine Ministeriumssprecherin. Die EU und Großbritannien verhängten wegen russischer Cyberangriffe neue Sanktionen gegen neun Menschen und vier Einrichtungen beziehungsweise 24 Personen und Einrichtungen.



