Bei erneuten russischen Raketenangriffen auf die ukrainische Hauptstadt Kyjiw sind in der Nacht mindestens zwei Menschen getötet worden. Fünf weitere Menschen wurden verletzt, darunter ein Kind, teilten die Rettungsdienste mit. Bürgermeister Vitali Klitschko sprach bei Telegram von sechs Verletzten. Die ukrainische Luftwaffe erklärte, das russische Militär habe in zwei Wellen mindestens acht ballistische Raketen auf die Dreimillionenstadt und ihre Umgebung abgefeuert.
Schwierige Abwehr ballistischer Raketen
Ballistische Raketen sind aufgrund ihrer hohen Geschwindigkeit schwieriger abzuwehren als Marschflugkörper, die von den Angreifern besser manövriert werden können und wegen ihrer geringen Flughöhe nicht so leicht vom Radar der Luftabwehr zu erfassen sind. Während die ukrainische Flugabwehr eine relativ hohe Trefferquote gegen russische Drohnen und Marschflugkörper hat, ist sie gegen ballistische Raketen weitgehend machtlos, so die Berichte.
Die Einschläge erfolgten in zwei Stadtteilen: In einem Lager im Westen der Stadt und einem unbewohnten Haus in einem östlichen Stadtbezirk brachen Brände aus. Die Angaben der Behörden ließen sich zunächst nicht unabhängig verifizieren.
Ukrainischer Verteidigungsminister Fedorow tritt zurück
Der ukrainische Verteidigungsminister Mychailo Fedorow hat seinen Rücktritt erklärt. „Es war eine große Ehre, dem ukrainischen Volk als Verteidigungsminister zu dienen“, schrieb Fedorow am Mittwochabend auf Telegram. In einer langen Stellungnahme zählte er die Erfolge seines Ministeriums auf, dessen Leitung er im Januar übernommen hatte. In einer zweiten, kürzeren Stellungnahme legte er seine Misserfolge dar.
Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte zuvor eine Regierungsumbildung mit „neuen Herausforderungen und neuen Aufgaben“ gerechtfertigt. Der ukrainische Staatschef kündigte an, auch die Chefs einiger Strafverfolgungsbehörden austauschen zu wollen. Namen nannte er nicht. Umbildungen des Kabinetts bedürfen der Zustimmung des Parlaments – wobei sich die Abgeordneten seit Beginn des russischen Angriffskriegs im Februar 2022 weitgehend hinter den Präsidenten gestellt haben.
Selenskyj: Keine Entscheidung über Verteidigungsminister getroffen
Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte jedoch, dass über die künftige Rolle von Mychajlo Fedorow an der Spitze des Verteidigungsministeriums noch keine endgültige Entscheidung getroffen worden sei. Dies sagte das Staatsoberhaupt in einem Interview mit dem ukrainischen Fernsehsender „My – Ukrajina“. Demnach wolle er vor einer Personalentscheidung zunächst Gespräche mit der Führung des Verteidigungsministeriums und dem militärischen Oberkommando führen.
Die ukrainische Nachrichtenagentur RBC-Ukraine berichtet unter Berufung auf eigene Quellen, dass zwischen Fedorow und dem Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte, Oleksandr Syrskyj, erhebliche Meinungsverschiedenheiten über die Kriegsführung sowie die Organisation der Rüstungsbeschaffung bestehen sollen. Eine offizielle Bestätigung dieser Informationen liegt bislang nicht vor.
Selenskyj schlägt Naftogaz-Chef Korezkyj als neuen Ministerpräsidenten vor
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj will den Chef des staatlichen Energiekonzerns Naftogaz, Serhij Korezkyj, zum neuen Ministerpräsidenten nominieren. Die Vorbereitungen auf die kalte Jahreszeit hätten für das Land oberste Priorität, sagte Selenskyj am Mittwoch in Kyjiw. „Die Prioritäten sind klar – die Vorbereitung auf den Winter“, erklärte er. Nach allen Konsultationen sei Korezkyj der am besten geeignete Kandidat für das Amt.
Das Parlament soll voraussichtlich am Donnerstag über die Personalie abstimmen. Eine Zustimmung gilt als sicher, da Selenskyjs Partei über die Mehrheit der Mandate verfügt. Selenskyj hatte die bisherige Regierungschefin Julija Swyrydenko in dieser Woche nach einem Jahr im Amt entlassen. Das Parlament nahm ihr Rücktrittsgesuch am Dienstag an. Der Rücktritt der Ministerpräsidentin zieht automatisch die Demission des gesamten Kabinetts nach sich, daher wird mit einer umfassenden Regierungsumbildung gerechnet.
Ukraine: Russische Öltanker im Schwarzen Meer getroffen
Der ukrainische Inlandsgeheimdienst SBU hat nach eigenen Angaben gemeinsam mit der Marine zwei Tanker der russischen „Schattenflotte“ im Schwarzen Meer mit Seedrohnen getroffen. Bei den Schiffen handele es sich um die Tanker „Louise 1“ und „Banda“, die zum Transport von russischem Rohöl genutzt worden seien, teilt der SBU mit. Beide Schiffe stünden unter ukrainischen Sanktionen.
Die Angaben ließen sich zunächst nicht unabhängig überprüfen. Russland äußerte sich zunächst nicht zu dem Vorfall.
Selenskyj: Ukraine kann Patriot-Raketen bis Jahresende selbst bauen
Die Ukraine dürfte nach Einschätzung von Präsident Wolodymyr Selenskyj das US-Luftabwehrsystem Patriot bis zum Jahresende selbst herstellen können. Er rechne damit, dass sein Land bis dahin technisch dazu in der Lage sein werde, sagte Selenskyj vor Journalisten. Die Ukraine verfüge zudem über einen Entwurf für eine Startrampe und eine Rakete für das europäische Raketenabwehrprojekt Freyja.
Diese Entwicklung wäre ein bedeutender Schritt für die ukrainische Verteidigungsindustrie und könnte die Abhängigkeit von westlichen Waffenlieferungen verringern.
Weitere Entwicklungen: Tote in Saporischschja und Donezk
Im südostukrainischen Gebiet Saporischschja sind mindestens fünf Zivilisten durch russische Angriffe getötet worden. Allein in der gleichnamigen Gebietshauptstadt seien drei Menschen ums Leben gekommen und 15 verletzt worden, teilte der Gouverneur der Region, Iwan Fedorow, bei Telegram mit. Zuvor hatte er über zwei getötete Männer infolge von Angriffen mit ferngesteuerten Drohnen in der frontnahen Stadt Orichiw informiert.
Im ostukrainischen Gebiet Donezk wurden nach Behördenangaben mindestens zwei Menschen getötet und acht weitere verletzt. Der Militärgouverneur der Region, Wadym Filaschkin, nannte die Siedlung Jasna Poljana und die nahe Stadt Kramatorsk als Angriffsziele. Kramatorsk ist nur etwa zwölf Kilometer von der Frontlinie entfernt.
Russland wirft Ukraine Tötung von Chefingenieur von AKW Saporischschja vor
Der Chefingenieur des von Russland kontrollierten Atomkraftwerks Saporischschja, Alexej Jakowlew, ist nach russischen Angaben bei einem ukrainischen Angriff getötet worden. Eine Drohne habe einen Dienstwagen zwischen dem Kraftwerk und der Stadt Enerhodar getroffen, teilt der Chef des staatlichen russischen Atomkonzerns Rosatom, Alexej Lichatschow, mit. Dabei seien Jakowlew und sein Fahrer ums Leben gekommen. Russland warf der ukrainischen Armee vor, Jakowlew „gezielt“ getötet zu haben. Eine Stellungnahme der Ukraine liegt zunächst nicht vor.
Baltenstaaten warnen vor russischen Provokationen
Die Präsidenten von Litauen und Lettland, Gitanas Nauseda und Edgars Rinkevics, haben vor möglichen russischen Provokationen an der Nato-Ostflanke gewarnt. Sie berichteten von vorliegenden Geheimdienstinformationen über russische Pläne für Sabotageversuche und hybride Angriffe auf kritische Infrastruktur. „Wir müssen äußerst auf die Phase des Krieges in der Ukraine vorbereitet sein, in der Russland keine Siege mehr erringt und nicht mehr auf dem Schlachtfeld vorrücken kann“, sagte Rinkevics.
Nauseda sagte, Russland sei zwar gegenwärtig nicht in der Lage, einen großangelegten Militärschlag gegen Nato-Staaten durchzuführen, könne aber kleinere, begrenzte Operationen vorbereiten, die kritischen Infrastrukturen erheblichen Schaden zufügen könnten. Litauen habe vorsorglich die Sicherheitsmaßnahmen an wichtigen Transport- und Energieanlagen verschärft.



