Rund 40.000 VW-Beschäftigte an vier deutschen Standorten bangen derzeit um ihre Zukunft – einer davon ist Emden. Dort arbeiten heute rund 8.600 Menschen. Tausende weitere Arbeitsplätze bei Zulieferern, im Hafen, im Handwerk und im Einzelhandel hängen direkt oder indirekt an dem Standort. Im Podcast von BILD-Vize Paul Ronzheimer schlägt Emdens Oberbürgermeister Tim Kruithoff Alarm. Das VW-Werk sei seit Jahrzehnten der wirtschaftliche Motor Ostfrieslands – wenn es dichtmacht, werde es ernst: „Dann gehen hier wirklich die Lichter aus. Mit Volkswagen ist der Wohlstand nach Ostfriesland gekommen. Jetzt ist der Wohlstand der ganzen Region bedroht.“
Kruithoff kritisiert Politik und Rahmenbedingungen
Im Gespräch übt Kruithoff scharfe Kritik an der Politik. Deutschland verliere seit Jahren an Wettbewerbsfähigkeit. Er erlebe hautnah, dass hohe Strompreise, komplizierte Förderprogramme und lange Genehmigungsverfahren Unternehmensansiedlungen erschwerten. „Die Produktionsbedingungen in Deutschland sind alles andere als optimal“, sagt der Oberbürgermeister. In den USA oder Kanada funktioniere vieles deutlich schneller.
Besonders frustriert habe ihn ein Treffen mit dem damaligen Wirtschaftsminister Robert Habeck und Volkswagen im Emder Werk. Dort seien viele Ideen zur Stärkung der Elektromobilität entwickelt worden. „Das gehört zu den enttäuschendsten Terminen, die ich in sieben Jahren als Oberbürgermeister erlebt habe“, sagt er über den anschließenden Autogipfel in Berlin. „Im Grunde genommen ist nichts daraus geworden. All die guten Impulse, die man gegeben hat, sind am Ende nicht umgesetzt worden.“
Bereits die Diskussion um Schließung zeigt Wirkung
Sollte das Werk tatsächlich geschlossen werden, hätte das weitreichende Folgen für die gesamte Region. Schon die Debatte über mögliche Schließungen Ende vergangenen Jahres habe dazu geführt, dass viele Menschen größere Anschaffungen verschoben hätten. „Kein Mensch kauft sich dann mehr ein Grundstück, eine neue Küche oder ein Auto“, berichtet Kruithoff. Selbst der Weihnachtsmarkt habe die Folgen der Unsicherheit gespürt. „Die Leute waren nicht mal mehr bereit, einen Glühwein trinken zu gehen, weil sie das Geld einfach beieinanderhalten, weil sie große Angst haben: Wie geht es dann hier künftig weiter?“, erzählt Kruithoff.
Die Folgen reichten weit über die unmittelbar Beschäftigten hinaus. Täglich pendeln rund 20.000 Menschen nach Emden, viele aus den Landkreisen Aurich, Leer und Wittmund. Fielen die Arbeitsplätze weg, würde der gesamten Region Kaufkraft entzogen. Innenstädte, Zulieferer, Handwerksbetriebe, Gastronomie und Vereine wären unmittelbar betroffen.
Kitas, Brücken – alles hängt vom VW-Werk ab
Auch bei der Suche nach Ausbildungsplätzen sei die Verunsicherung angekommen: „Du merkst es in Fußballmannschaften, wo junge Menschen sich jetzt eben überlegen: Wo suche ich mir einen Ausbildungsplatz?“ In den Kommunen würden wichtige Einnahmen unter anderem durch die Gewerbesteuer fehlen: „Das sind die Kitas, die gebaut werden, die Schulen, die wir sanieren, die Brücken, die wir bauen. Das alles ist ja abhängig davon“, sagt Kruithoff.
Konzernchef Oliver Blume versuchte zuletzt in der BILD am SONNTAG zu beruhigen: „Es gibt intelligentere Lösungen, als Werke zu schließen.“ Aber trotz dieser Aussage bleibt die Zukunft der betroffenen Standorte unklar. Ob das VW-Werk in Emden erhalten bleibt, ist weiterhin offen.



