In Dänemark leben mehr als doppelt so viele Schweine und Rinder wie Menschen, und fast zwei Drittel der Fläche werden landwirtschaftlich genutzt. Obwohl das Land kleiner ist als Niedersachsen, zählt es zu den weltweit größten Schweinefleischexporteuren. Umso bemerkenswerter ist die Entscheidung der dänischen Regierung, als erstes Land der Welt eine CO₂-Abgabe für die Landwirtschaft einzuführen. Ab 2030 sollen Tierhalter für die Methanemissionen ihrer Kühe, Schweine und Schafe zahlen.
Keine Bauernproteste in Dänemark
Während Klimaschutzauflagen anderswo oft Bauernproteste auslösen – man denke an die Bilder aus dem Jahr 2024, als Tausende deutsche Landwirte mit ihren Traktoren vor dem Brandenburger Tor gegen die geplante Kürzung der Subventionen für Agrardiesel demonstrierten – blieb es in Dänemark nach der Ankündigung der CO₂-Steuer ruhig auf den Straßen. Woran liegt das?
Dänemark zählt zu den ambitioniertesten Klimaschützern Europas. Bereits 2020 verabschiedete das Land ein Gesetz, das es verpflichtet, seine klimaschädlichen Emissionen bis 2030 um 70 Prozent gegenüber 1990 zu reduzieren. Ein großer Teil dieser Emissionen stammt aus der Landwirtschaft, deren Anteil an den Gesamtemissionen bei über 30 Prozent liegt. Zum Vergleich: In Deutschland trägt die Landwirtschaft weniger als zehn Prozent zu den Gesamtemissionen bei.
Der Agrarsektor im EU-Emissionshandel
Der Agrarsektor wird bisher nicht über den EU-Emissionshandel erfasst, sondern unterliegt nationalen Klimaschutzmaßnahmen im Rahmen der EU-Lastenteilungsverordnung. Dänemark muss seinen Ausstoß klimaschädlicher Gase bis 2030 gegenüber dem Niveau von 2005 um 50 Prozent senken. In dem dünn besiedelten Land wäre dies allein durch Maßnahmen in den Bereichen Gebäude oder Verkehr kaum zu schaffen. „Ohne weitergehende Maßnahmen im Bereich Landwirtschaft ist dieses Ziel kaum erreichbar und würde andere Sektoren noch stärker fordern“, erklärt Bernhard Osterburg, Leiter der Stabsstelle Klima, Boden, Biodiversität des Thünen-Instituts.
Der Green Tripartite Deal
Grundlage der dänischen CO₂-Abgabe ist der „Green Tripartite Deal“, ein Kompromiss zwischen Regierung, Parteien sowie Vertretern aus Landwirtschaft, Industrie und Umweltverbänden. Ab 2030 kosten die Methanemissionen von Kühen, Schweinen und Schafen in Dänemark rund 40 Euro pro Tonne CO₂-Äquivalent. Bis 2035 steigt der Satz schrittweise auf etwa 100 Euro. Methan gilt als noch klimaschädlicher als Kohlendioxid; Studien zufolge entlässt jedes Rind jährlich 70 bis 120 Kilogramm Methan in die Atmosphäre.
Starke demokratische Tradition
Begleitet wird die Steuer von einem milliardenschweren Investitionsprogramm für Aufforstung, Moorrenaturierung und den klimafreundlichen Umbau der Landwirtschaft. Zudem sollen neue Regeln den Stickstoffausstoß senken und die Küsten besser schützen. Insgesamt will die dänische Regierung die Emissionen des Agrarsektors bis 2035 um bis zu 2,6 Millionen Tonnen senken.
Dass die Klimaschutzmaßnahmen in Dänemark nicht in einem Treckerkorso Richtung Kopenhagen endeten, hängt laut Osterburg mit dem politischen Prozess zusammen. „In Dänemark gibt es eine starke demokratische Tradition und Erfahrungen mit gesellschaftlichen Aushandlungen“, sagt er. Der „Green Tripartite Deal“ entstand nicht als klassisches Gesetz im Parlament, sondern in monatelangen Verhandlungen zwischen Regierung, Landwirtschaft, Umweltverbänden und weiteren Interessenvertretern.
„Die landwirtschaftlichen Interessenverbände haben diesen Ansatz akzeptiert und sich aktiv am Verhandlungsprozess beteiligt, anstatt von außen dagegen zu mobilisieren“, erklärt Torsten Hasforth vom dänischen Thinktank Concito, der das Verfahren fachlich begleitet hat. Für das Klimaziel selbst gebe es in Dänemark einen überwiegenden Konsens – die politische Debatte habe sich deshalb vor allem darauf verlagert, wie die Emissionen in der Landwirtschaft konkret gesenkt werden sollen.
Langer Vorlauf und Kompensationen
Wichtig für die Einigung war auch der lange Vorlauf: Die Steuer wird erst 2030 wirksam. Genug Zeit für die Betriebe also, sich anzupassen. Gleichzeitig wird die CO₂-Abgabe bewusst mit Kompensationsmaßnahmen kombiniert, etwa Steuererleichterungen und Förderprogramme für Investitionen in klimafreundliche Technik. Durch einen Grundfreibetrag von 60 Prozent fällt die tatsächliche Belastung für viele Betriebe deutlich niedriger aus als der offiziell angekündigte CO₂-Preis.
Deutscher Bauernverband gegen Besteuerung
Wäre ein solcher Ansatz auch für Deutschland denkbar? Der Deutsche Bauernverband jedenfalls hält nichts von einer CO₂-Bepreisung in der Landwirtschaft. „Anstatt eines Preisinstrumentes bedarf es gezielter Forschung und maßnahmenbasierter Förderung“, so DBV-Generalsekretärin Stefanie Sabet. Entscheidend sei der Emissionsausstoß pro erzeugtem Produkt, der in Deutschland im internationalen Vergleich schon heute niedrig sei. Zugleich warnt der Bauernverband davor, dass zusätzliche Kosten die Investitionen in der Landwirtschaft bremsen und zur Abwanderung der Produktion ins Ausland führen könnten.
Klimaexperte Osterburg stellt dagegen die umgekehrte Frage: Ob es grundsätzlich zu rechtfertigen sei, die Landwirtschaft dauerhaft von einer CO₂-Bepreisung auszunehmen, während in anderen Sektoren das Verursacherprinzip gelte. Eine Einbeziehung würde nicht nur für mehr Fairness sorgen, sondern auch breitere ökonomische Anreize setzen, Emissionen zu senken.
Das dänische Modell sieht Osterburg eher als pragmatischen Einstieg: Zunächst werden vor allem Emissionen aus der Tierhaltung bepreist, perspektivisch könnte der Ansatz aber ausgeweitet werden. „In Deutschland müsste sich die Bereitschaft erhöhen, eine ehrliche Debatte zur künftigen Klimaschutzpolitik in der Landwirtschaft zu führen, mit ergebnisoffenem Ausgang“, sagt Osterburg. Aushandlungsprozesse wie in Dänemark seien eine zentrale Voraussetzung dafür, dass gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Wandel überhaupt gelingen könne.



