Das Niedrigwasser im Rhein zwingt Thyssenkrupp Steel zu ersten Konsequenzen. Der größte deutsche Stahlhersteller hat seine Hochofenproduktion vorsorglich gedrosselt. Grund ist die leicht eingeschränkte Rohstoffversorgung aufgrund der niedrigen Pegelstände. Eine Sprecherin des Unternehmens erklärte, die eigene Schubschifffahrt sei eingestellt worden. Stattdessen setze man auf angemietete externe Schiffe, die aufgrund ihres geringeren Tiefgangs auch bei aktuellen Wasserständen eingesetzt werden können. Die Kundenversorgung sei derzeit noch nicht gefährdet.
Auswirkungen auf die Industrie
Ökonom Marc Schattenberg von Deutsche Bank Research erwartet, dass sich die stark gefallenen Pegelstände zunächst in höheren Transportkosten und Anpassungen der Logistikrouten bemerkbar machen. Nach zuletzt überraschend robusten Konjunkturdaten wären transportbedingte Verzögerungen in den Lieferketten ein unerwünschter Gegenwind für die sich stabilisierende Industrie. Diese hatte im Mai bei Aufträgen, Exporten und Produktion überraschend deutlich zugelegt. Schattenberg fügte hinzu, dass die potenziell betroffenen Unternehmen aus vergangenen Krisen gelernt und in widerstandsfähigere Lieferketten investiert haben dürften.
Pegelstand an der Engstelle Kaub
Der Rhein gehört zu den meistbefahrenen Binnenwasserstraßen der Welt. An der wichtigen Engstelle Kaub nahe Koblenz dürfte der Wasserstand nach Prognose der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes am Nachmittag auf 41 Zentimeter fallen. Das bisherige Rekordtief wurde im Oktober 2018 mit 25 Zentimetern erreicht. In den nächsten Tagen werden Werte von unter 40 Zentimetern erwartet. Schattenberg zufolge wird die Güterschifffahrt für gewöhnlich eingestellt, wenn der Pegel in Kaub auf etwa 40 Zentimeter oder darunter fällt. Ursachen für das Niedrigwasser sind das trockene Wetter der vergangenen Wochen sowie geringere Zuflüsse aus den Nebenflüssen und dem Bodensee.
Transportkosten und Tankstellen-Engpässe
Ökonom Thomas Puls vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) erläuterte, dass die Abladetiefe der Binnenschiffe aufgrund des Niedrigwassers sinkt. Sie können weniger Ladung aufnehmen, was die Transportkosten erhöht und den Transport bestimmter Produkte einschränkt, da sie sich nur schwer auf Bahn oder Lkw verlagern lassen. Mineralölprodukte wie Diesel oder Benzin gehören zu den wichtigsten Transportgütern. Ein Totalausfall der Binnenschifffahrt würde etwa 3000 Tanklaster pro Tag zusätzlich erfordern. Puls betonte: „Es gibt weder freie Tanktrailer noch die zusätzlichen Fahrer. Eine Einschränkung der Schiffbarkeit des Rheins wird sich also zumindest im Westen der Republik auch an der Zapfsäule bemerkbar machen und damit einen weiteren Kostentreiber darstellen.“
Aktuelle Lage und Ausblick
Bei dem aktuellen Pegelstand könne ein typisches Rhein-Containerschiff mit einer Kapazität von 500 Standardcontainern (TEU) die Engstelle nur noch mit einer Auslastung von weniger als einem Fünftel passieren, so die Deutsche Bank. Die Folge seien steigende Transportkosten, da Reedereien entsprechende Zuschläge erheben dürften. Verschärft wird das Problem durch eine monatelange Sperrung einer wichtigen Ausweichroute auf der Schiene. Die rechtsrheinische Bahnstrecke ist wegen Sanierungsarbeiten bis zum 12. Dezember für den Güterverkehr nicht befahrbar. Die Bahn kann die Kapazitäten der Binnenschifffahrt nur begrenzt ersetzen.
Betroffene Branchen
Der Löwenanteil der deutschen Binnenschifffahrtsfracht wird auf dem Rhein bewegt. Häufig transportierte Güter sind flüssige Mineralölprodukte, Eisenerz, Steine und Erden sowie Container. Diese Güter können oft einfacher und kostengünstiger per Schiff als per Lkw oder Bahn transportiert werden. Zu den stark betroffenen Branchen zählt auch die Chemieindustrie. Sie transportiere oftmals Gütermengen zwischen zwei Punkten, die von den anderen Verkehrsträgern nicht aufgenommen werden können. IW-Experte Puls sagte: „Zu den Großkunden gehört auch die Bauwirtschaft mit Massengütern wie Sand oder Kies. In Summe würde es also in den betroffenen Branchen tendenziell zu einer Verstärkung der bereits vorliegenden Preisanstiege kommen.“
Vorbereitung der Industrie
Die Branche sieht sich besser auf Hitze und Niedrigwasser vorbereitet als im Dürresommer 2018. Der Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI), Wolfgang Große Entrup, erklärte: „Noch sind die Folgen überschaubar – auch weil die Produktion auf niedrigem Niveau läuft. Das ist aber kein Grund für Entwarnung: Extreme Hitze und Niedrigwasser können Produktion und Transport schnell einschränken.“ Wasserstraßen seien für die Industrie extrem wichtig. Auch hier gebe es einen Investitionsstau der Infrastruktur.



