Siemens Energy: Starkes Wachstum bis 2035 durch Gasboom
Siemens Energy: Starkes Wachstum bis 2035

Der immense Energiebedarf neuer Datenzentren für Künstliche Intelligenz treibt weltweit die Nachfrage nach Gasturbinen an. Davon profitiert der Energietechnik-Spezialist Siemens Energy. Obwohl an den Börsen Nervosität herrscht, da den Investitionen in Datencenter nicht immer funktionierende Geschäftsmodelle zugrunde liegen, fürchtet der Dax-Konzern nicht, dass der Boom abreißen könnte.

Keine Stornierungen in Sicht

„Wir haben bisher keine nennenswerten Stornierungen gesehen“, sagte Siemens-Energy-Chef Christian Bruch in Hamburg. Die Nachfrage bei Gasturbinen sei anhaltend hoch. „Die Kunden fragen noch immer eher: ,Könnt ihr schneller liefern?'“ Der Konzern wähle die Aufträge genau aus und sehe sich Geschäftsmodelle, Standorte und Auftraggeber genau an, um eine gute Balance zu finden. Manche Stornierung komme ohnehin eher gelegen, um andere Kunden bedienen zu können. Bei den neueren Aufträgen zahlten die Kunden Reservierungsgebühren und Anzahlungen. „Von der Profitabilität und Planungssicherheit her ist das gut für uns.“

Aktienkurs unter Druck

In den vergangenen zweieinhalb Jahren war die Aktie von Siemens Energy der unumstrittene Superstar im Dax. Seit der Krise im Herbst 2023, als der Energietechnik-Spezialist zwischenzeitlich um staatliche Rückgarantien bitten musste, um den hohen Auftragsbestand in Ruhe abarbeiten zu können, ist der Kurs um weit mehr als 2000 Prozent gestiegen. In den vergangenen zwölf Monaten hat sich der Börsenwert dabei noch einmal nahezu verdoppelt. Allerdings sind die Investoren seit dem Rekordhoch von mehr als 185 Euro im Mai vorsichtiger geworden. In den vergangenen Wochen fiel der Kurs zwischenzeitlich auf 140 Euro.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Treiber des Trends

Energietechnikanbieter wie Siemens Energy profitieren derzeit von unterschiedlichen Faktoren. Der globale Strombedarf hat schon wegen der wachsenden Bevölkerung und des zunehmenden Wohlstands zugenommen. Für Zusatzschübe sorgen Datenzentren und Elektroautos sowie die Elektrifizierung der Industrie. Allein bis 2035 rechnet die Internationale Energieagentur (IEA) laut ihrem Report „World Energy Outlook“ mit einem Anstieg der Stromnachfrage um etwa 40 Prozent. Dafür werden viele neue Kraftwerke und Stromnetze benötigt. Die Zahl der Anbieter ist klein, daher arbeiten die Hersteller an ihren Kapazitätsgrenzen. Teilweise müssen die Kunden mehrere Jahre zum Beispiel auf eine Turbine warten.

Da viele Staaten den Kohleanteil reduzieren und der zusätzliche Strombedarf nicht nur mit Erneuerbaren bedient werden kann, erleben Gaskraftwerke einen Aufschwung. Die Analysten von Global Market Insights rechnen damit, dass der Markt für Turbinen bis 2035 im Schnitt um elf Prozent auf etwa 65 Milliarden Dollar wachsen wird. Auch Siemens Energys US-Konkurrent GE Vernova hatte von einer Beschleunigung der Nachfrage nach Gasturbinen gesprochen und seinen Mittelfristausblick angehoben. Die Amerikaner erwarten, bis Ende des Jahres 110 Gigawatt an Aufträgen und Reservierungen in den Büchern zu haben.

Höhepunkt noch nicht erreicht

Auch Siemens Energy ist überzeugt, dass der Höhepunkt in dem traditionell zyklischen Geschäft noch nicht erreicht ist. „Wir befinden uns in einem Super-Zyklus. Wir sehen starkes Wachstum gut bis ins Jahr 2035 hinein“, sagte der zuständige Vorstand Karim Amin. Der Trend gehe weit über den Hype um Datencenter hinaus. „Die Welt hat eine Knappheit an zuverlässiger Energieversorgung.“ Daher seien Sorgen vor Überkapazitäten derzeit nicht berechtigt.

Aktuell hat Siemens Energy einen Auftragsbestand von 60 Gigawatt von fest bestellten Turbinen und weiteren 27 Gigawatt reserviert. 90 Prozent dieser Reservierungen würden dann auch tatsächlich verkauft. In der Sparte Gas Services entfielen derzeit etwa 25 Prozent des Auftragseingangs auf Datencenter, sagte Vorstandschef Bruch. „Das ist für uns ein gutes Maß, mehr streben wir gar nicht an.“

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration

Kapazitäten werden ausgebaut

Bis 2030 werde Siemens Energy die Kapazitäten Jahr für Jahr steigern, um der hohen Nachfrage Herr zu werden. „Wir feuern auf allen Zylindern.“ Bei großen Turbinen hat das Unternehmen die Kapazitäten um 30 bis 40 Prozent erhöht, bei mittelgroßen sogar verdoppelt. Dennoch kann die Nachfrage von den Anbietern nicht bedient werden. Das könnte auch beim geplanten Bau von Reservekraftwerken in Deutschland zum Problem werden. Die Bundesregierung will zunächst zwei Kraftwerke mit insgesamt neun Gigawatt Leistung auf den Weg bringen.

Siemens Energy wolle sich einen signifikanten Anteil an den Aufträgen sichern, sagte Bruch, und habe entsprechend Turbinen für mögliche Aufträge reserviert. „Es ist eng, aber wir haben das weiter in Planung.“ Allerdings dränge die Zeit. Zwar werde Siemens Energy die Turbinen nicht gleich meistbietend an den nächsten versteigern, wenn es noch einmal Verzögerungen gebe. „Die Ausschreibung muss aber in diesem Jahr beginnen.“

Geschäfte laufen bestens

Die Geschäfte des Konzerns laufen weiter bestens. Im zweiten Quartal des Geschäftsjahres 2025/26 (30. September) – also im ersten Kalenderquartal – hat Siemens Energy den Auftragseingang stärker als von Analysten erwartet um knapp 30 Prozent auf 17,8 Milliarden Euro gesteigert. Der Umsatz legte auf vergleichbarer Basis um neun Prozent auf 10,3 Milliarden Euro zu. Der Gewinn nach Steuern verbesserte sich von 501 auf 835 Millionen Euro.

Wieder einmal hob Siemens Energy die Prognosen an. Im Gesamtjahr 2025/26 erwartet der Konzern nun ein Umsatzwachstum auf vergleichbarer Basis von 14 bis 16 Prozent. Bislang hatte der Konzern elf bis 13 Prozent in Aussicht gestellt. Die operative Umsatzrendite vor Sondereffekten soll bei zehn bis zwölf Prozent liegen. Damit wurde die Bandbreite um einen Prozentpunkt angehoben. Beim Gewinn nach Steuern prognostiziert Siemens Energy nun rund vier Milliarden statt bislang drei bis vier Milliarden Euro. Auch die Mittelfristprognosen hatte der Konzern angehoben.

Besonders genau blicken Investoren und Analysten derzeit auf die Windkraftaktivitäten – schließlich steckt die Branche seit Jahren in der Krise. Bei der Siemens-Energy-Tochter Gamesa kamen noch hausgemachte Qualitätsprobleme hinzu, die zu Milliardenverlusten führten.