Die Wasserstände der großen deutschen Flüsse fallen vielerorts auf ein neues Tief. In Köln wurde am Morgen ein Pegel von 68 Zentimetern gemessen – ein historischer Tiefpunkt und zugleich ein Zentimeter weniger als der bisherige Rekordtiefstand vom 23. Oktober 2018. Auch an Elbe und Donau zeigen zahlreiche Messstellen extrem niedrige Wasserstände. Die kurzen Regenschauer der vergangenen Tage sorgten nur für eine Atempause; die Bundesanstalt für Gewässerkunde (BfG) berichtet, dass die sinkende Tendenz weiterhin überwiegt.
Rekordtief am Rhein: Wo überall Niedrigwasser herrscht
Nach Angaben der BfG führen die Flüsse derzeit an vielen Orten Niedrigwasser. Das Informationssystem Niwis meldete zuletzt extrem niedriges Wasser an rund 44 Prozent der Messstellen am Rhein, an 16 Prozent der Elbe-Messstellen und an etwa 78 Prozent der Donau-Messstellen. In Köln habe der Pegel mit 68 Zentimetern den tiefsten jemals registrierten Stand erreicht, wie die Daten des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamtes Rhein zeigen.
Für Fachleute ist die Lage dennoch ernst: Niedrigwasserphasen sind an sich nicht ungewöhnlich, treten aber normalerweise erst im Spätsommer und Herbst auf. Wenig Regen und anhaltende Hitze lassen die Flüsse schrumpfen. Die BfG führt diesen Trend auch auf den Klimawandel zurück, weil höhere Temperaturen die Verdunstung verstärken und Niedrigwasserereignisse damit intensiver werden.
Binnenschifffahrt: Kaum noch Ladekapazität
Ein offizielles Fahrverbot gibt es bei Niedrigwasser nicht. Anders als bei Hochwasser entscheide jeder Schiffsführer selbst, wann sich eine Fahrt nicht mehr lohnt, sagt Fabian Spieß, stellvertretender Geschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Binnenschifffahrt (BDB). „Die Schifffahrt fährt, solange es physikalisch und sicher möglich ist.“ In der Praxis heißt das: Sinkt der Pegel, müssen die Schiffe ihre Lademenge reduzieren, um nicht auf Grund zu laufen. Die Kapazität sinkt, sodass für die gleiche Fracht mehr Schiffe nötig sind. Damit werden Lieferungen teurer und Fahrten unwirtschaftlicher.
Die Kölner HGK Shipping unterhält eine Flotte von mehr als 300 Schiffen, die vor allem auf dem Rhein und seinen Nebenflüssen fahren. HGK-Chef Steffen Bauer hält Einschränkungen auf einzelnen Rheinabschnitten für möglich, falls der August ähnlich warm und trocken bleibt wie der Juli.
Lieferketten: Chemie, Stahl und Mineralöl unter Druck
Thilo Schaefer vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) warnt vor massiven Folgen: „Die Lage ist ernst. Der Rhein ist eine zentrale Schlagader für den Güterverkehr in Deutschland.“ Höhere Transportkosten seien die unmittelbare Folge. Schiene und Straße könnten den Ausfall nur teilweise auffangen, weil dort die Kapazitäten begrenzt seien. Engpässe in den Lieferketten drohen vor allem in Branchen, die große Rohstoffmengen benötigen: Chemie, Stahl und Mineralöl. „Dort lässt sich der Ausfall des Rheintransports kurzfristig nur sehr begrenzt kompensieren“, sagt Schaefer.
Drei Verbände der Recycling- und Rohstoffwirtschaft warnen gemeinsam vor einer gefährdeten Versorgung der Stahlindustrie. Binnenschiffe könnten derzeit nur noch ein Drittel bis die Hälfte der üblichen Ladung transportieren. Auf einzelnen Verbindungen hätten sich die Frachtkosten verdreifacht bis vervierfacht. Hinzu kommen Kosten durch Verzögerungen und kurzfristige Umplanungen.
Verbraucher und Kreuzfahrtbranche betroffen
Schaefer hält es außerdem für möglich, dass die Verbraucher die Rechnung bekommen – etwa bei Baustoffen und Energieprodukten. Jürgen Ziegner, Geschäftsführer des Tankstellenverbands ZTG, warnte im „Handelsblatt“ vor möglichen Engpässen in der Spritversorgung, sollten die Wasserstände an wichtigen Stellen weiter fallen. Sollte die Niedrigwassersituation länger anhalten, könnten die Spritpreise vor allem im Süden steigen.
Kreuzfahrtanbieter müssen ebenfalls reagieren. Phoenix Reisen aus Bonn bietet seinen Kunden an, Reisen über Donau, Mosel und Rhein umzubuchen. Nicko Cruises aus Stuttgart und A-Rosa aus Rostock haben mehrere Donau-Reisen bereits abgesagt. Die Folgen treffen auch die örtliche Gastronomie, Hotellerie und den Einzelhandel.
Milliardenschaden im dritten Quartal
Stefan Kooths, Direktor der Forschungsgruppe Konjunktur und Wachstum am Kiel Institut für Weltwirtschaft, beziffert die wirtschaftlichen Verluste auf 1 bis 2 Milliarden Euro: „Man kann den Wertschöpfungsausfall grob auf 1 bis 2 Milliarden Euro im dritten Quartal beziffern.“ Das Niedrigwasser dürfte das Bruttoinlandsprodukt zwischen Juli und September um 0,1 bis 0,2 Prozent dämpfen. Eine genauere Schätzung will IW-Ökonom Schaefer nicht abgeben; eine seriöse Schadenssumme sei erst möglich, wenn klar sei, wie lange die Einschränkungen andauern.
Gegenmaßnahmen und Ausblick
Unternehmen wie HGK Shipping setzen Spezialschiffe ein, die auch bei niedrigen Wasserständen fahren können. Zudem sind Fahrrinnenvertiefungen im Gespräch, etwa im Rhein zwischen St. Goar und Mainz. Der Bundesverband Spedition und Logistik fordert den Bund auf, mehr in die Wasserstraßen zu investieren und auch die anderen Verkehrsträger zu stärken, da deren Kapazitäten begrenzt seien.
Die Aussichten bleiben schlecht. Die BfG erwartet für die nächsten Tage überwiegend weiter fallende Pegel; die Niedrigwassersituation werde sich voraussichtlich ausweiten und bei ausbleibendem Regen weiter verschärfen. Moritz Axt vom Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Rhein bringt die Lage auf den Punkt: „Entspannung kann es erst geben, wenn großflächige, langanhaltende Niederschläge im Einzugsgebiet fallen.“



