Die Bäckerei Konditorei Wahl GmbH aus Bestensee hat Insolvenz in Eigenverwaltung angemeldet. Das Unternehmen, das auf eine 54-jährige Tradition zurückblickt und im Nordosten Deutschlands 54 Filialen betreibt, steht damit vor dem bislang schwersten Einschnitt seiner Geschichte. Mehr als 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bangen um ihre Arbeitsplätze. Bereits zum 1. August hat die Geschäftsleitung mehrere Standorte geschlossen.
Laut einem Bericht der „Märkischen Allgemeinen Zeitung" sind Filialen in Potsdam, Mittenwalde, Zossen und Berlin-Schmöckwitz von der sofortigen Schließung betroffen. Das Unternehmen machte bislang keine Angaben dazu, wie viele der insgesamt 54 Filialen dauerhaft verschwinden werden. Eine Verkäuferin der Filiale am Bahnhof in Königs Wusterhausen, die vorerst geöffnet bleibt, sagte: „Wir haben vor zwei Wochen von der Insolvenz erfahren. Die Geschäftsführung sagte uns: Wer gehen will, kann gehen." Sie selbst möchte bleiben und weiterhin bei der Bäckerei Wahl arbeiten. Die Filiale am Bahnhof liege in Top-Lage und sei vorerst nicht von der Schließungswelle betroffen.
Was die Insolvenz in Eigenverwaltung bedeutet
Bei einer Insolvenz in Eigenverwaltung bleibt die Geschäftsführung des Unternehmens im Amt. Sie saniert den Betrieb gemeinsam mit einem Sachwalter – anders als beim regulären Insolvenzverfahren, bei dem ein externer Verwalter die alleinige Kontrolle übernimmt. Für die Beschäftigten bedeutet das zunächst: Die Löhne und Gehälter sind über das Insolvenzgeld gesichert. Parallel arbeitet das Führungsteam an einem Restrukturierungskonzept, das möglichst viele Arbeitsplätze erhalten soll.
Die Entscheidung für die Eigenverwaltung signalisiert nach Einschätzung von Branchenkennern, dass die Verantwortlichen an eine Sanierung aus eigener Kraft glauben. Das Verfahren gibt dem Unternehmen Zeit, Filialnetz und Kostenstruktur anzupassen, ohne dass ein externer Verwalter sofort über die Köpfe des Managements hinweg entscheidet.
Gestiegene Kosten und zurückhaltende Kunden
Geschäftsführerin Anett Wahl nannte gegenüber der „Märkischen Allgemeinen" gleich mehrere Gründe für die Schieflage. „Spürbar gestiegene Kosten" und die anhaltende Kaufzurückhaltung der Kundinnen und Kunden hätten die wirtschaftliche Basis des Unternehmens massiv geschwächt. Gleichzeitig betonte das Unternehmen ausdrücklich: „Das Kerngeschäft der Bäckerei Wahl ist gesund und wettbewerbsfähig."
Der Betrieb am Produktionsstandort in Bestensee soll in vollem Umfang weiterlaufen. Nach Angaben der Kette wurden dort die Investitionen der vergangenen Jahre fortgeführt, um die Produktion effizient zu halten. Wie viele der 54 Filialen langfristig bestehen bleiben, ist offen. Klar ist, dass die Schließungen vor allem Standorte mit schwacher Frequenz oder hoher Kostenbelastung betreffen.
Die Probleme der Bäckerei Wahl sind kein Einzelfall. Inflation, höhere Energiepreise und gestiegene Rohstoffkosten setzen Bäckereien bundesweit zu. Hinzu kommt, dass viele Verbraucherinnen und Verbraucher beim Einkauf stärker auf den Preis achten. Gerade Filialketten mit hoher Standortdichte und entsprechenden Miet- und Personalkosten geraten dadurch unter Druck.
Sanierungsexperte zeigt sich zuversichtlich
Der Berliner Rechtsanwalt Jörg Franzke, der das Unternehmen im Sanierungsverfahren rechtlich begleitet, bewertet die Lage laut „Märkischer Allgemeiner" mit verhaltenem Optimismus. Er sieht „beste Voraussetzungen" für eine erfolgreiche Eigenverwaltung. Franzke verwies auf das starke Fundament, auf dem die Bäckerei stehe: ein gesundes Kerngeschäft, eine treue Stammkundschaft und ein engagiertes Team von mehr als 400 Mitarbeitern. Diese Faktoren machten eine Sanierung aus eigener Kraft möglich.
Expansion erst vor zwei Jahren
Die Geschichte der Bäckerei Wahl begann 1972 in Volkstedt. Sechs Jahre später zog der Betrieb nach Bestensee, wo er sich zu einem mittelständischen Unternehmen mit heute 54 Filialen entwickelte. Aus der einst kleinen Backstube wurde ein Familienbetrieb, der weit über die Grenzen des Landkreises Dahme-Spreewald hinaus bekannt ist. Noch im April 2024 setzte die Traditionsbäckerei auf Wachstum: Sie übernahm mehrere Filialen der insolventen Bäckerei-Kette Lila Bäcker in Potsdam und Potsdam-Mittelmark. Damit baute Wahl ihre Präsenz in der Region weiter aus. Der Schritt galt damals als konsequente Fortsetzung des Expansionskurses.
Wie es für die Bäckerei weitergehen könnte
Ob die Sanierung gelingt, wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Bis zum Abschluss des Verfahrens bleibt das Unternehmen in der Pflicht, seine Filialen wirtschaftlich zu führen und die Beschäftigten transparent zu informieren. Für die über 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bedeutet die Insolvenz eine Zeit der Ungewissheit – auch wenn die Geschäftsführung und der Sanierungsexperte Zuversicht ausstrahlen.



