Drei Spitzenämter der Bundesrepublik – Bundeskanzler, Bundespräsident und Bundesfinanzminister – waren in der Geschichte des Landes bereits mit Politikern aus Schwaben besetzt. Doch nur wenige kennen heute noch die Namen. Dabei haben diese Persönlichkeiten das politische System Westdeutschlands mitgeprägt. Eine Rückschau auf die mächtigsten Politiker der Region – und die Frage: Wissen Sie noch, wer sie waren?
Schwaben ist keine staatliche Einheit, sondern eine Kulturlandschaft, die sich über Bayern und Baden-Württemberg erstreckt. Trotzdem – oder gerade deshalb – brachte sie eine beachtliche Zahl politischer Führungsfiguren hervor. Vor allem im 20. Jahrhundert gelang es Männern aus der Region, in wichtige Ämter bis auf Bundesebene aufzusteigen.
Kurt Georg Kiesinger: Der Kanzler aus der Schwäbischen Alb
Kurt Georg Kiesinger wurde 1904 in Ebingen geboren, das heute zur Stadt Albstadt gehört. Der Jurist schloss sein Studium in Tübingen ab und arbeitete zunächst als Rechtsanwalt. 1933 trat er der NSDAP bei – ein Makel, der seine spätere Karriere immer wieder überschattete. Nach dem Zweiten Weltkrieg machte er schnell Karriere in der CDU: Von 1958 bis 1966 war er Ministerpräsident von Baden-Württemberg, bevor er am 1. Dezember 1966 zum dritten Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland gewählt wurde.
Seine Regierung war eine Große Koalition aus CDU/CSU und SPD. In dieser Zeit wurden die Notstandsgesetze verabschiedet, und mit Willy Brandt als Außenminister begann eine vorsichtige Wandlung der Ostpolitik. Kiesinger selbst galt als brillanter Redner, der für einen gemäßigten Konservatismus stand. Sein Amt als Kanzler endete mit der Bundestagswahl 1969, als die SPD unter Brandt die Regierung übernahm. Kiesinger starb 1988 in Tübingen – als einer der umstrittensten, aber auch einflussreichsten Politiker der alten Bundesrepublik.
Theodor Heuss: Der erste Bundespräsident
Der erste Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland war ebenfalls ein Schwabe. Theodor Heuss kam 1884 in Brackenheim im heute baden-württembergischen Landkreis Heilbronn zur Welt. Er studierte Kunstgeschichte und Volkswirtschaft, arbeitete als Journalist und war ein Schüler des liberalen Denkers Friedrich Naumann. In der Weimarer Republik saß Heuss für die Deutsche Demokratische Partei im Reichstag.
Nach 1945 beteiligte er sich am Aufbau der FDP. Am 12. September 1949 wählte die Bundesversammlung ihn zum ersten Bundespräsidenten. Heuss verstand das Amt als moralische Instanz. Seine Reden begleiteten die junge Demokratie in ihren schwierigen Anfangsjahren. Bei der Wahl 1954 wurde er im Amt bestätigt und blieb bis 1959. Er starb 1963 – bis heute gilt er als einer der prägenden Köpfe des deutschen Liberalismus.
Theo Waigel: Der Finanzminister aus Bayerisch-Schwaben
Theo Waigel, geboren 1939 in Oberrohr im Landkreis Neu-Ulm, war der erste Bundesminister aus dem bayerischen Teil Schwabens. Nach einem Jurastudium trat er 1972 in den Bundestag ein. In der Regierung Helmut Kohl wurde er 1982 Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, ehe er 1989 selbst das Amt des Finanzministers übernahm.
Waigel hatte maßgeblichen Anteil an den Finanzfragen der deutschen Einheit. Er schuf den Fonds „Deutsche Einheit“ und setzte sich für die Einführung des Euro ein. Kritik erntete er für den Sparkurs, den er in den neunziger Jahren verfolgte. Ähnlich wie sein CSU-Vorgänger Franz Josef Strauß polarisierte er – aber er blieb über zehn Jahre hinweg einer der mächtigsten Köpfe der Union. Nach der Bundestagswahl 1998 schied er aus dem Kabinett aus und zog sich 1999 auch von der Parteispitze zurück.
Landesfürsten aus Schwaben: Späth und Teufel
Auch auf Länderebene prägten Schwaben die Politik. Lothar Späth, geboren 1937 in Sigmaringen, regierte von 1978 bis 1991 als Ministerpräsident von Baden-Württemberg. Er modernisierte das Land, trieb den Technologiestandort voran und machte sich einen Namen als pragmatischer Reformer.
Sein Nachfolger Erwin Teufel, 1939 in Rottweil geboren, führte das Land von 1991 bis 2005 – länger als jeder andere CDU-Regierungschef in Baden-Württemberg. Teufel stand für Kontinuität, machte die Bildungspolitik zu seinem Markenzeichen und wurde auch von politischen Gegnern geschätzt.
Warum Schwaben so viele Spitzenpolitiker hervorbrachten
Die Liste der Namen lässt sich fortsetzen. Immer wieder stiegen Politiker aus Schwaben in Landes- und Bundesparlamente auf. Die Gründe für diese Kontinuität sind vielfältig. Die Region verfügt über eine starke bürgerliche Tradition, ein dichtes Netz an Verbänden und Parteigremien sowie eine ausgeprägte Diskussionskultur. Hinzu kommt der für Schwäbinnen und Schwaben typische Gestaltungswille, der sich in lokalen Mandaten, im Gemeinderat und im Bürgermeisteramt ebenso zeigt wie auf der großen politischen Bühne.
Doch mit dem Generationenwechsel scheinen diese Persönlichkeiten aus dem kollektiven Gedächtnis zu verschwinden. Wenn Sie jetzt überlegen, welche aktuellen Politiker aus Schwaben stammen: Ihnen fallen vielleicht namhafte Vertreter ein – aber die historischen Figuren von Heuss bis Waigel haben die Maßstäbe gesetzt, an denen sich alle späteren messen lassen müssen. Kennen Sie sie noch? Eine überraschende Zahl: In der Geschichte der Bundesrepublik stellten Schwaben mit Theodor Heuss, Kurt Georg Kiesinger und Theo Waigel Besitzer von drei der wichtigsten politischen Ämter des Bundes: Bundespräsident, Bundeskanzler und Bundesfinanzminister. Diese Bilanz findet in kaum einer anderen Region ihresgleichen.



