Schon auf dem Weg zum Hamburger Hauptbahnhof ist die Polizeipräsenz auffällig: Streifenwagen aus mehreren Bundesländern stehen in den Seitenstraßen, Beamte mit Maschinenpistolen patrouillieren am Bahnhofsvorplatz. Für eine Demonstration ist das ungewöhnlich – doch dieser Christopher Street Day ist kein gewöhnlicher. Genau eine Woche zuvor hatte ein Attentäter auf dem CSD in Berlin mehrere Menschen getötet und verletzt.
Nach Angaben der Polizei gingen in Hamburg rund 300.000 Menschen auf die Straße – so viele wie nie zuvor bei einem CSD in der Hansestadt. Im Vorjahr waren es 260.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Trotz der Bedrohungslage, kurz nach dem Anschlag, strömten die Menschen in Scharen in die Innenstadt, um zu demonstrieren und zu feiern.
„Jetzt erst recht“ – Trotz und Hoffnung statt Angst
Viele Besucherinnen und Besucher betonten, dass sie bewusst nicht zu Hause geblieben sind. „Ich lass mich davon nicht kleinkriegen. Und ich glaube, keiner hier lässt sich davon kleinkriegen. Und genau deshalb sind wir hier. Und genau deshalb feiern wir, wer wir sind und dass wir hier sind“, sagte eine Demonstrantin. Ein Mann erklärte: „Weil letzte Woche uns gezeigt hat, wie gefährdet queeres Leben ist. Und dass es leider Menschen gibt, die queeres Leben nicht akzeptieren, sondern angreifen.“
Die Stimmung schwankte zwischen mulmigen Gefühlen und Entschlossenheit. „Mit einem sehr mulmigen Gefühl – vor allem, weil ich auch auf dem Weg hierher wieder viel Polizei gehört und gesehen habe. Und ich war in Berlin auch dabei. Und ich würde gerne heute einfach einen CSD erleben und nicht wieder sagen müssen, dass ich einen CSD überlebt habe“, berichtete ein Demonstrant. Andere zeigten sich hoffnungsvoll: „Mit einem Gefühl der Hoffnung und der Hoffnung darauf, dass wir heute erst recht auf die Straße gehen und zeigen, dass wir uns nicht einschüchtern lassen und für eine freie Gesellschaft eintreten.“
Auf die Frage, ob sie gezögert hätten, zur Veranstaltung zu kommen, antwortete eine Frau: „Ich habe auf gar keinen Fall gezögert. Es war eher: Jetzt erst recht.“ Eine andere ergänzte: „Trotzdem ist das große Wort, die Überschrift dafür, dass ich irgendwie erst recht dachte, jetzt muss man heute herkommen und das machen.“ Ein junger Mann räumte ein: „Auf der einen Seite bin ich heute Morgen aufgewacht mit dem Gedanken: mhm, weiß ich nicht. Aber auf der anderen Seite denke ich, genau das ist das, was die Leute wollen. Deswegen umso mehr hierherkommen.“
Berliner CSD-Organisatoren reisen nach Hamburg
Auch die Organisatoren des Berliner CSD waren mit einem eigenen Wagen beim Hamburger Christopher Street Day vertreten. Carolina Philipps vom Berliner CSD erklärte: „Wir haben uns wahnsinnig gefreut über die Einladung des Hamburger CSDs, weil auch da zeigt sich Community. Aber wir haben schon gezögert, weil es natürlich sehr nahe beieinander ist. Die Wunden sitzen noch tief und unser Team geht auch sehr unterschiedlich mit der Situation um. Wir haben uns dann aber dazu entschlossen, dass wir uns ein Stück weit gegen diesen Hass werden möchten. Und zwar mit Sichtbarkeit, wie wir es schon so oft getan haben. Und dass wir auch wieder aufstehen.“
Dass die Polizei mit zusätzlichen Einsatzkräften anrückte, war für viele Teilnehmende beruhigend. „Die Sicherheitsvorkehrungen wurden in Hamburg noch mal überprüft. Darauf verlasse ich mich. Jetzt erst recht“, sagte eine Demonstrantin. Eine andere meinte: „Ich fühle mich im Grunde auch echt sicher, das wird gut gehen alles. Und wir sollen uns davon nicht abschrecken lassen.“ Ein Demonstrant mahnte jedoch zur Wachsamkeit: „Man muss immer wachsam sein. Die Geschichte in Berlin hat gezeigt, besonders am Rande von Veranstaltungen, auf dem Weg dahin, nicht direkt auf dem Veranstaltungsbereich, sondern im Umfeld, muss man die Augen offen halten. Das ist heutzutage leider so, fürchte ich.“
Bedrohung von rechts bleibt allgegenwärtig
Die Rekordbeteiligung zeigt nach Ansicht vieler Teilnehmender, wie groß das Bedürfnis nach Solidarität und Sichtbarkeit ist. Die politische Bedeutung des Protests sei vielleicht so hoch wie nie, denn nicht nur der Islamismus, sondern auch die extreme Rechte stelle eine massive Gefahr für queeres Leben dar. „Die Rechtsextremen sind immer noch die, die uns am häufigsten bedrohen. Dieser Anschlag war furchtbar und Islamismus ist eine riesige Gefahr für uns alle. Rechtsextremismus ist deswegen aber nicht weniger gefährlich. Und wenn ich an Leipzig und Chemnitz und andere CSDs, die ich letztes Jahr im Osten besucht habe, zurückdenke, da waren es eben die Rechtsextremisten, die uns aufgelauert und verfolgt haben“, berichtete ein Demonstrant.
Um queere Menschen besser zu schützen, fordern viele eine Anpassung des Grundgesetzes. „Wir müssen demonstrieren, weil die Gleichstellung und die gleichen Rechte sind immer noch nicht gegeben. Schau dir den Artikel Drei des Grundgesetzes an. Da sind noch Lücken und die würden wir gerne schließen“, sagte ein Teilnehmer. Der Artikel Drei des Grundgesetzes garantiert die Gleichberechtigung der Geschlechter und verbietet Diskriminierung. Seit dem Anschlag in Berlin wird in der Politik diskutiert, die „sexuelle Identität“ als Diskriminierungsmerkmal ausdrücklich aufzunehmen.
Ein Fest der Gemeinschaft, ein Zeichen der Stärke
Trotz der düsteren Ereignisse der vergangenen Tage überwog beim Hamburger CSD die ausgelassene Stimmung. Zahlreiche Wagen, Musik und bunte Kostüme prägten das Bild. Viele nutzten den Tag, um zu feiern und gleichzeitig ein deutliches politisches Statement zu setzen. Die Veranstalter sprachen von einer „überwältigenden Solidarität“ – auch wenn offizielle Zahlen erst im Nachhinein vorlagen.
Die Polizei zog nach dem Ende der Veranstaltung eine positive Bilanz. Es habe keine größeren Zwischenfälle gegeben. Die erhöhte Präsenz habe sich bewährt. Auch die Zusammenarbeit mit den Sicherheitskräften aus anderen Bundesländern habe reibungslos funktioniert.
Für viele Teilnehmende war der CSD in Hamburg mehr als nur eine Party. Es war ein Ausdruck von Widerstand, Trauer und Hoffnung zugleich. „Wir sind hier, weil wir uns gegenseitig stärken wollen“, sagte eine Demonstrantin zum Abschluss. „Und weil wir zeigen wollen, dass unsere Gemeinschaft stärker ist als jeder Hass.“



