Am letzten Juli-Samstag läuteten die Glocken der Lutherkirche in der Kölner Südstadt ein letztes Mal zum Gottesdienst. Etwa 200 Demonstranten versammelten sich vor dem Gebäude, um gegen die Entwidmung zu protestieren. Sie wirkten traurig, wütend und enttäuscht – bis zuletzt hatten sie gehofft, die Entscheidung der evangelischen Kirchengemeinde noch kippen zu können. Doch die Kirche wurde an diesem Tag offiziell entwidmet, Gottesdienste sind fortan nicht mehr erlaubt.
Ein kulturelles Herz schlägt nicht mehr
Die Lutherkirche sei „im Grunde ein Modell für die ganze Stadt oder für Deutschland“, wie gutes Zusammenleben funktionieren könne, sagte Jan Krauthäuser, Mitgründer der Initiative „Rettet die Lutherkirche“. „Für mich ist es sehr frustrierend, dass ausgerechnet solch ein Ort jetzt geopfert werden soll.“ Krauthäusers Initiative hatte in den Wochen zuvor rund 13.000 Unterschriften für den Erhalt der Kirche gesammelt.
Die Lutherkirche war weit mehr als ein Gotteshaus. Sie hatte sich über Jahrzehnte zu einem Ort entwickelt, an dem kulturelles, soziales und kirchliches Leben miteinander verschmolzen. Konzerte, politische Diskussionen, Nachbarschaftshilfe, Integrationsprojekte und internationale Festivals fanden hier ebenso statt wie Gottesdienste. Der pensionierte Pfarrer Hans Mörtter, der die Gemeinde jahrzehntelang leitete, betonte: „Die Lutherkirche, kann man sagen, ist das Herz der Südstadt. Hier ist ein freier Raum, ein offener Raum, in dem alles möglich ist.“
Warum die Kirche geschlossen wird
Hintergrund der Schließung sind sinkende Mitgliederzahlen und finanzielle Engpässe. Die evangelische Kirche in Deutschland zählte 2025 knapp 17,4 Millionen Mitglieder – zehn Jahre zuvor waren es noch 22,3 Millionen, ein Verlust von über einem Fünftel. Bei der katholischen Kirche sank die Zahl im selben Zeitraum von 23,8 auf 19,2 Millionen. Auch die Evangelische Gemeinde Köln leidet unter dem Trend. Pfarrer Markus Herzberg, Vorsitzender des Leitungsgremiums, erklärte: „Wir haben in den letzten Jahren fast ein Viertel der Gemeindemitglieder verloren.“ Hinzu komme ein Beschluss der Landeskirche, dass ab 2035 alle Kirchengebäude treibhausgasneutral betrieben werden müssen – eine teure Sanierung für Nachkriegsbauten wie die Lutherkirche.
Bereits 2024 verabschiedete die Gemeinde ein Zukunftskonzept, das vorsieht, Geld und Personal auf drei zentrale Standorte zu konzentrieren: die Christuskirche, die Antoniterkirche und die Kartäuserkirche. Die Lutherkirche sowie die Thomaskirche sollen dagegen verpachtet werden. „Ein Gemeindezentrum kostet uns zwischen 400.000 und 500.000 Euro im Jahr“, so Herzberg. Der Gesamthaushalt müsse eine Million Euro pro Jahr einsparen. „Da mussten wir gut abwägen, wo das noch geht und wo nicht mehr.“
Die Zukunft bleibt ungewiss
Nach der Entwidmung dürfen in der Lutherkirche keine Gottesdienste mehr stattfinden. Der Förderverein „Südstadt Leben“ darf seine Veranstaltungen noch bis Ende des Jahres dort fortführen. Die Gemeinde verhandelt derzeit mit einem potenziellen Pächter, der eine soziale und gemeinwohlorientierte Nutzung anstrebt – auch als Seniorenwohnraum ist die Kirche im Gespräch. Welche Gebäudeteile erhalten bleiben, ist offen.
Die Initiative um Jan Krauthäuser und Hans Mörtter hat jedoch noch nicht aufgegeben. Sie haben ein Übernahmekonzept ausgearbeitet, das den Kauf des gesamten Komplexes vorsieht, um dort weiterhin Veranstaltungen ausrichten zu können. Geplant ist die Gründung einer Stiftung oder Genossenschaft. Falls die aktuellen Verhandlungen mit dem Pächter scheitern, wollen sie ihr Angebot der Kirchengemeinde unterbreiten. Der Streit um die Zukunft der Lutherkirche hat gerade erst begonnen.



