Eine Woche nach dem Anschlag auf den Berliner Christopher Street Day (CSD) zieht Bundesopferbeauftragter Roland Weber Zwischenbilanz. Gegen 22 Uhr war der Attentäter mit einem Fahrzeug vom Potsdamer Platz kommend über die Lennéstraße in den Tiergarten gefahren – mitten in die Menge der Feiernden. 31 Menschen wurden verletzt, eine Frau starb. Insgesamt 32 Personen spürten die Gewalt am eigenen Körper, viele weitere wurden zu Zeugen des Geschehens. Am Tag danach kamen zahlreiche Menschen zum Tatort, um zu trauern. Weber koordiniert die Hilfsangebote für alle Betroffenen – und warnt davor, die seelischen Folgen zu unterschätzen.
Im Gespräch mit der Berliner Morgenpost erklärt Weber, dass die Hilfe in drei Gruppen unterteilt sei: „Wir wollen allen Opfern Hilfsangebote machen, die zu ihrer konkreten Situation passen. Wir sind in Kontakt mit den Hinterbliebenen der Verstorbenen und besprechen mit der Familie, wie wir sie am besten unterstützen können, zum Beispiel bei der Rückführung des Leichnams.“ Den körperlich Verletzten schreibe das Land Berlin gemeinsam mit seiner Behörde an, um sie über ihre Ansprüche zu informieren. Und die Zeugen, die das Glück hatten, nicht direkt getroffen zu werden, aber den Anschlag aus nächster Nähe miterleben mussten, würden proaktiv kontaktiert, soweit ihre Daten vorliegen.
Über 90 Anrufe in den ersten Tagen
Die Nachfrage nach Unterstützung ist enorm: In den ersten Tagen nach der Tat seien über 90 Anrufe bei der kostenfreien Hotline eingegangen, berichtet Weber. Die Nummer 0800 0009546 ist rund um die Uhr erreichbar, aus dem Ausland unter +49 30 185808050. Viele Betroffene zögerten jedoch, sich Hilfe zu holen. „Manchmal braucht es etwas, bis die Betroffenen sich Hilfe holen. Viele versuchen, es erst einmal mit sich selbst auszumachen. Sie stellen aber nach ein paar Tagen fest, dass es ihnen nicht gut geht. Dann melden sie sich bestenfalls, um Hilfe zu bekommen“, sagt Weber. „Manche melden sich auch erst nach Wochen. Die psychischen Folgen solcher Anschläge können sich im Übrigen auch Jahre oder Jahrzehnte später zeigen.“
Weber rechnet damit, dass sich in den kommenden Wochen noch viele Zeugen melden werden. Auch das mobile Beratungsangebot am Tatort werde weiterhin genutzt: „Viele Menschen kommen an den Tagen nach dem Anschlag nochmal dorthin.“ Die Queerbeauftragte des Bundes habe die Hotline-Nummer über ihre Kanäle in der Community verbreitet, an Anlaufstellen, Verbände und Vereine.
Finanzielle Soforthilfen für alle Opfer
Betroffene können nicht nur psychologische, sondern auch finanzielle Unterstützung beantragen. Der Bund stellt auf Antrag eine Härteleistung bereit, die über das Bundesamt für Justiz ausgezahlt wird. „Diese Soforthilfen werden sehr schnell ausgezahlt“, verspricht Weber. Zusätzlich können Leistungen nach dem Sozialen Entschädigungsrecht beantragt werden, das allgemein für Opfer von Gewalttaten gilt. Auch ausländische Opfer haben Anspruch auf Unterstützung: „Wer in Deutschland Opfer eines Terroranschlags wird, bekommt Unterstützung – egal, woher sie oder er kommt“, betont Weber. Seine Geschäftsstelle helfe beim Ausfüllen der Anträge und ziehe bei Bedarf Übersetzer hinzu.
Psychosoziale Versorgung: Das Netzwerk der Traumahilfe
Für die seelische Gesundheit gibt es ein gestuftes Angebot. Am Anfang steht ein psychosoziales Erstgespräch – über die Hotline oder mit der psychosozialen Notfallversorgung vor Ort. Von dort werden Betroffene an Traumaambulanzen und weitere Beratungsstellen vermittelt. „Ziel ist es, einer chronischen Belastungsstörung möglichst früh zu begegnen“, erklärt Weber. Falls eine mittel- oder langfristige psychotherapeutische Versorgung nötig ist, helfe seine Behörde ebenfalls bei der Vermittlung. Die Beratungsstellen hätten von Anfang an die Weitervermittlung im Blick.
Blick auf den Täter: Reue? Fehlanzeige
Wie erleben Opfer eines Terroranschlags den Täter? „Das kann man pauschal nicht sagen. Alle Betroffenen haben eine individuelle Perspektive auf den Täter und die Tat – das erlebe ich in meiner Arbeit immer wieder“, sagt Weber. Viele stellten sich Fragen wie: „Warum hat der Täter das gemacht? Warum ich? Warum ist es ausgerechnet in dem Moment passiert, als ich dort stand oder langlief?“ Diese Fragen beschäftigten die Betroffenen oft erst nach einiger Zeit.
Besonders schwer zu verkraften sei es, wenn Täter vor Gericht keine Reue zeigen. Weber verweist auf den Prozess gegen den Attentäter der Münchner Verdi-Demonstration vom Februar 2025: „Der Angeklagte hat zwar geschwiegen, aber gleich zu Beginn den ISIS-Finger gezeigt und sich damit klar bekannt. Betroffene haben mir danach gesagt, dass sie das völlig umgehauen hat. Sie dachten vorher, dass der da klein und reumütig sitzt. Aber genau das Gegenteil war der Fall. Das kann sehr belastend sein.“
Politische Debatte: „Demokratische Normalität“
Die öffentliche Diskussion über die Radikalisierung des Täters und mögliche Behördenfehler verfolgt Weber aufmerksam, bewertet sie aber gelassen: „Ich erlebe diese Debatte als eine demokratische Normalität. Wie konnte es zu einer Tat kommen? Und was kann der Staat tun, um Vergleichbares in Zukunft zu verhindern? Diese Fragen werden nach jedem Anschlag diskutiert – und das ist auch richtig so. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass es darauf manchmal keine einfachen oder eindeutigen Antworten gibt.“
Roland Weber: Opferanwalt mit langer Erfahrung
Der 1966 in Stuttgart geborene Jurist ist seit 1999 als Rechtsanwalt zugelassen und seit 2009 Fachanwalt für Strafrecht. In dieser Funktion vertritt er regelmäßig Opfer von Straftaten als Nebenkläger, meist vor dem Berliner Landgericht. Seit 2012 ist Weber Opferbeauftragter des Landes Berlin; in seine Amtszeit fiel unter anderem der Anschlag auf dem Breitscheidplatz im Dezember 2016. Seit 2024 ist er auch Bundesopferbeauftragter und damit zuständig für die Opfer extremistischer Terroranschläge im Inland. In dieser Zeit hat er bereits die Anschläge von Magdeburg (Dezember 2024), auf die Verdi-Demo in München und am Holocaust-Mahnmal in Berlin (beide Februar 2025), die Messerattacken von Bielefeld (Mai 2025) und Essen (September 2025) sowie den aktuellen CSD-Anschlag betreut.
Das Hilfetelefon des Bundes und des Landes Berlin zur psychosozialen Beratung ist unter 0800 0009546 erreichbar – kostenfrei und rund um die Uhr. Aus dem Ausland lautet die Nummer +49 30 185808050.



