Die Innenstadt von Schlüchtern präsentierte sich am Samstag in ungewohnten Farben – oder besser: ohne Farben. Rund 300 Menschen kamen zum Christopher Street Day, der in diesem Jahr nicht unter Regenbogenflaggen, sondern unter schwarzen Fahnen stattfand. „Keine Toleranz für Intoleranz“ lautete das Motto, das die Organisatoren als zentrale Botschaft ausgaben.
Statt bunter Kostüme und lauter Musik gab es einen stillen Protestzug. Auf dem Weg durch die Fußgängerzone und die Bahnhofstraße trugen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer schwarze Kleidung, viele hielten Schilder mit Aufschriften wie „Liebe kennt keine Gender“ oder „Respekt für alle“. Das Organisationsteam, ein Bündnis queerer Gruppen, hatte im Vorfeld dazu aufgerufen, auf Farbakzente zu verzichten.
Dunkle Farben als Symbol des Protests
Die Entscheidung für Schwarz fiel nicht zufällig. Die Veranstalter erklärten, sie wollten ein Zeichen setzen, das nicht zu übersehen ist. Schwarz stehe für Ernsthaftigkeit und für das Ende der Partymetapher. Viele Teilnehmer empfanden den Verzicht auf Bunt als dringend nötig. In Gesprächen untereinander wurde immer wieder die Sorge über die zunehmende Aggressivität im gesellschaftlichen Ton laut. Der Protestzug sollte keine Spaßveranstaltung sein, sondern eine politische Mahnung.
Der Protestzug, der gegen 14 Uhr startete, führte vom Stadtkern bis zum alten Amtshof. Dort fand eine Abschlusskundgebung statt. Neben Redebeiträgen wurden auch Namen von Menschen verlesen, die Ziel queer-feindlicher Gewalt wurden. Die Teilnehmer hielten dafür eine Schweigeminute ab. Auch schwarze Ballons wurden in den Himmel geschickt, um an die Opfer von Hassverbrechen zu erinnern.
Polizei meldet friedlichen Ablauf
Nach Angaben der Polizei verlief der CSD ohne Zwischenfälle. Ein Sprecher der Einsatzleitung bestätigte, dass es weder zu aggressiven Aktionen noch zu Störungen durch Gegendemonstranten gekommen sei. Die Polizei war mit einem größeren Aufgebot vor Ort, da es vor der Veranstaltung anonyme Anfeindungen gegeben hatte. Diese seien aber folgenlos geblieben.
Die Zahl der Teilnehmer war für die Größe der Stadt beachtlich. Schlüchtern hat rund 16.000 Einwohner, dennoch folgten rund 300 Menschen dem Aufruf. Das Organisationsteam zeigte sich im Nachhinein zufrieden und betonte, man habe ein sichtbares Zeichen für Toleranz und Demokratie gesetzt.
Schlüchtern und der schwarze CSD
Der CSD in Schlüchtern ist ein relativ junges Phänomen. In den vergangenen Jahren hat sich ein lokales Netzwerk gebildet, das regelmäßig Aktionen zum Christopher Street Day anbietet. Der diesjährige schwarze CSD sticht dabei heraus: Er ist der erste in Hessen in dieser Form. Andere Städte wie Berlin oder Köln planen ähnliche Aktionen, um auf die zunehmende Diskriminierung hinzuweisen.
Die Resonanz in der Bevölkerung war zwiespältig. Während viele Anwohner die Aktion unterstützten und mit Transparenten grüßten, gab es vereinzelt Pfiffe. Die Polizei verzeichnete keine Festnahmen. Das Ordnungsamt der Stadt Schlüchtern beschrieb den Verlauf als würdevoll.
Der CSD als politisches Signal
Der Christopher Street Day erinnert an die Ereignisse in der New Yorker Christopher Street im Jahr 1969, als sich Menschen gegen eine Polizeirazzia in einer Bar zur Wehr setzten. Dies gilt als Beginn der modernen Lesben-, Schwulen- und Transgender-Bewegung. In vielen deutschen Städten ist der CSD heute eine bunte, gesellschaftliche Großveranstaltung. Der schwarze CSD von Schlüchtern zeigt eine alternative Ausdrucksform.
Die Organisatoren kündigten bereits an, den Gedanken weiterzutragen. Ein nächstes Treffen ist im Rahmen des „Queer-Aktionsmonats“ geplant. Ob der nächste CSD wieder in Schwarz stattfindet, ließen sie offen. Man werde nicht nachlassen, auf Diskriminierung und Gewalt gegen LSBTI*-Menschen hinzuweisen.



