Wie die Polizei am Donnerstag mitteilte, geht die Staatsanwaltschaft Mindelheim nun von einem Tötungsdelikt aus. Die Obduktion der 47 Jahre alten Frau, die am vergangenen Montag leblos in ihrer Wohnung in Kunzach aufgefunden worden war, habe zweifelsfrei ergeben, dass sie an den Folgen mehrerer Stichverletzungen gestorben ist. Zunächst hatten die Einsatzkräfte eine natürliche Todesursache nicht ausschließen können.
Fall 5 bei Aktenzeichen XY
Der Fall hatte überregional für Aufsehen gesorgt, weil er in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY … ungelöst“ am Freitagabend als Fall 5 vorgestellt wurde. Die Ermittler erhofften sich von der Ausstrahlung neue Hinweise aus der Bevölkerung. Diese Hoffnung erfüllte sich: Innerhalb weniger Stunden gingen laut Polizei 37 Hinweise ein, die sämtlich geprüft wurden.
Ein Anrufer machte die Beamten auf einen 52 Jahre alten Mann aus dem Landkreis aufmerksam. Der Mann wohnt dem Opfer zufolge im selben Ort wie die Frau und soll in der Vergangenheit mehrfach durch aggressive Auftritte aufgefallen sein. Die Ermittler nahmen den Tatverdächtigen am Dienstag vorläufig fest. Auf Antrag der Staatsanwaltschaft erließ ein Richter am Amtsgericht Mindelheim inzwischen Haftbefehl wegen Totschlags.
Obduktion bringt Gewissheit
Das Institut für Rechtsmedizin der Universität Ulm hat nach Angaben einer Polizeisprecherin die Obduktion vorgenommen. „Die Frau erlag einer massiven Blutung, die durch einen Stich in den Brustkorb verursacht wurde“, sagte der zuständige Oberstaatsanwalt Dr. Johannes Güntner auf Nachfrage. Das Tatwerkzeug, ein Küchenmesser, wurde den Angaben zufolge in der Wohnung sichergestellt. Wie das Messer dorthin gelangte, ist Teil der laufenden Ermittlungen.
Der Tatverdächtige war zum Zeitpunkt der Festnahme unter dem Einfluss von Alkohol und zeigte sich nach Auskunft der Polizei überrascht. Er habe angegeben, die Frau zu kennen und sich mit ihr am Todestag getroffen zu haben. Zur Sache selbst schweigt er bislang. Die Vernehmungen sollen in den kommenden Tagen fortgesetzt werden.
Ermittlungen laufen auf Hochtouren
Die Kriminalpolizei Mindelheim hat eine Sonderkommission eingerichtet. Die Beamten befragen derzeit Nachbarn und Zeugen, um das Umfeld des Opfers sowie die Vorgeschichte mit dem Beschuldigten zu rekonstruieren. Die Polizei bittet weiterhin um Hinweise: Wer hat am Tatort in der Nacht von Sonntag auf Montag verdächtige Beobachtungen gemacht? Zeugen werden gebeten, sich unter der Telefonnummer 08261 9900-0 zu melden.
Nach Angaben des Bayerischen Landeskriminalamts ist die Aufklärung von Gewaltverbrechen eine der Prioritäten. Die Zusammenarbeit mit Fernsehsendungen wie „Aktenzeichen XY“ habe in der Vergangenheit immer wieder zum Erfolg geführt. „Die Bevölkerung ist ein entscheidender Partner bei der Ermittlungsarbeit“, erklärte eine LKA-Sprecherin.
Kunzach: Ein Ort unter Schock
In Kunzach, einem Ortsteil von Mindelheim, herrscht nach der Nachricht über die Obduktionsergebnisse Fassungslosigkeit. Die 47-jährige Frau war in der Nachbarschaft als freundlich und hilfsbereit bekannt. An ihrem Haus finden sich Kerzen und Blumen als Zeichen der Anteilnahme. Die Anwohner sind verstört: „Hier ist so etwas noch nie passiert“, sagte eine Bewohnerin der Augsburger Allgemeinen. Die Polizei hat ihre Präsenz in dem 700-Einwohner-Ort erhöht, um für Sicherheit zu sorgen.
Der Fall von Kunzach zeigt, wie wichtig forensische Untersuchungen für die Strafverfolgung sind. Erst die Obduktion erbrachte den eindeutigen Nachweis eines Fremdverschuldens. Ohne diesen Befund wäre der Tatverdacht gegen den 52-Jährigen womöglich nicht zu erhärten gewesen. Nun müssen weitere Gutachten und Vernehmungen Klarheit über den genauen Tathergang und das Tatmotiv bringen. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die Anklageerhebung in wenigen Monaten erfolgen kann.
Die Rolle von Aktenzeichen XY
Die Sendung „Aktenzeichen XY … ungelöst“ existiert seit 1967 und wird im ZDF ausgestrahlt. Sie gilt als eines der erfolgreichsten Formate zur Fahndung nach Straftätern. In vielen Fällen gingen nach der Ausstrahlung entscheidende Hinweise ein. So auch im Fall Kunzach. Die Kriminalpolizei hatte den Fall eigens für die Sendung aufbereitet. Auch ein Phantombild wurde gezeigt.
Die Resonanz in der Bevölkerung war enorm. Die Telefonhotlines liefen kurzzeitig heiß. Die Redaktion der Sendung verwies die Anrufer an die zuständigen Polizeidienststellen. Innerhalb von 24 Stunden waren alle Hinweise gesichtet und gefiltert. Der entscheidende Anruf kam laut Staatsanwaltschaft aus einem Nachbarort. Dieser führte die Ermittler direkt zu dem Beschuldigten.
Am Wohnhaus des 52-Jährigen vollstreckten die Einsatzkräfte einen Durchsuchungsbeschluss. Dabei fanden sie neben dem Messer weitere Beweisstücke, unter anderem Kleidung mit Blutspuren. Der Mann wurde danach dem Haftrichter vorgeführt, der Untersuchungshaft anordnete. Der Verteidiger des Beschuldigten kündigte an, sich in den nächsten Tagen zu den Vorwürfen zu äußern.
Das Opfer: Ein Leben in Zurückgezogenheit
Nach Informationen der Augsburger Allgemeinen soll die 47-Jährige erst vor einem Jahr nach Kunzach gezogen sein. Sie lebte zurückgezogen und arbeitete in einem nahegelegenen Altenheim. Kollegen beschreiben sie als ruhige und gewissenhafte Mitarbeiterin. Ihr gewaltsamer Tod hat in der Region Bestürzung ausgelöst. Auch der Bürgermeister von Mindelheim zeigte sich betroffen und sprach den Angehörigen sein Beileid aus.
Rechtliche Einordnung
Im Falle einer Verurteilung drohen dem 52-Jährigen eine langjährige Haftstrafe. Der Tatbestand des Totschlags sieht eine Freiheitsstrafe von nicht unter fünf Jahren vor. Sollte die Staatsanwaltschaft Heimtücke oder niedrige Beweggründe feststellen, könnte eine Anklage wegen Mordes in Betracht kommen. Derzeit deutet jedoch nichts auf eine solche Einstufung hin.
Die rechtsmedizinischen Untersuchungen sind noch nicht abgeschlossen. Weitere Gutachten, etwa zur DNA-Analyse der Blutspuren, sollen in den nächsten Wochen vorliegen. Die Ermittler gehen davon aus, dass die Ergebnisse die bisherigen Annahmen bestätigen werden. Zeugen, die sich bisher noch nicht gemeldet haben, werden erneut gebeten, sich zu melden, auch Hinweise auf die Beziehung zwischen Opfer und Tatverdächtigem sind gefragt.
Ein Fall, der die Region bewegt
Der Mordfall von Kunzach wird noch länger für Gesprächsstoff sorgen. Er zeigt zum einen die Brutalität zwischenmenschlicher Konflikte, zum anderen allerdings auch die Effizienz der deutschen Strafverfolgungsbehörden. Durch die Kombination von moderner Forensik, akribischer Ermittlungsarbeit und der Unterstützung der Öffentlichkeit konnte der Tatverdächtige identifiziert und vorläufig festgenommen werden. Nun liegt es an der Justiz, den Fall umfassend aufzuklären. Die Bevölkerung hofft, dass bald vollständige Gewissheit über die Hintergründe des Gewaltverbrechens bestehen wird.
Die Polizei hat unterdessen angekündigt, die Öffentlichkeit weiterhin auf dem Laufenden zu halten. Eine neue Pressemitteilung sei für Freitag geplant, hieß es. Bis dahin werde es wohl keine weiteren Angaben zu den Ermittlungen geben. Die Beamten konzentrieren sich auf die Auswertung der gesammelten Spuren und die Zeugenbefragungen. Jeder einzelne Hinweis werde genau geprüft, so die Polizei.



