Spanien installiert schwimmende Barriere nach Massenansturm auf Ceuta
Spanien setzt schwimmende Barriere vor Ceuta ein

Die spanischen Behörden haben am Samstag damit begonnen, eine 500 Meter lange schwimmende Barriere zwischen der marokkanischen Küste und dem Strand Tarajal in Ceuta zu errichten. Zusammen mit Bojen der spanischen Marine soll sie die Überwachung der Küste verbessern und weitere irreguläre Übertritte verhindern.

In Ceuta selbst kehrt derweil weitgehend Alltag ein. Nach Angaben der spanischen Regierung sind fast alle der 50.000 bis 60.000 Menschen, die binnen kurzer Zeit aus Marokko in die abgeschottete Exklave gelangt waren, wieder zurückgekehrt. Die Rückkehr erfolgte nach offiziellen Angaben freiwillig, da sich für die Migranten kaum Chancen auf eine Weiterreise boten. In der Stadt, die weniger als 85.000 Einwohner zählt, fehlte es zudem an Unterkünften und Versorgungsmöglichkeiten.

Wadephul: „Absoluter Stresstest für Europa“

Außenminister Johann Wadephul (CDU) forderte die EU-Kommission auf, dem Schutz der Außengrenzen absolute Priorität einzuräumen. „Die Lage in Ceuta in den vergangenen Tagen war ein absoluter Stresstest, den wir bestanden haben“, sagte Wadephul der „Bild am Sonntag“. „Die Situation hat gerade auch die Anfälligkeit Europas gezeigt. Ich erwarte daher, dass die EU-Kommission dem Schutz der Außengrenzen absolute Priorität einräumt, um das Schengen-System offener EU-Binnengrenzen nicht weiter zu gefährden.“

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Wadephul betonte laut der Zeitung außerdem, wie wichtig ein gemeinsames Vorgehen gegen Falschinformationen sei, „die Menschenleben gefährden und die tragischerweise auch Dutzende Menschenleben in und um Ceuta gefordert haben“. In sozialen Netzwerken war zuvor berichtet worden, die spanische Grenze sei „offen“. Nach Angaben der spanischen Behörden kamen mindestens 67 Menschen beim Versuch, Ceuta zu erreichen, ums Leben.

Der CDU-Politiker hob hervor, dass eine effektive Migrationspolitik ohne Partner außerhalb Europas nicht funktioniere. „Um illegale Migration zu kontrollieren, brauchen wir Partner außerhalb Europas, wie in diesem Fall Marokko. Spanien und Marokko haben es gemeinsam geschafft, diese Krise, die auch in Europa logischerweise größte Sorgen ausgelöst hat, schnell zu lösen. Das begrüße ich sehr“, sagte er.

Offener Brief setzt Madrid unter Druck

Mehrere europäische Staats- und Regierungschefs erhöhten am Samstag mit einem offenen Brief den Druck auf Spanien. In dem Schreiben, das auch Bundeskanzler Friedrich Merz unterzeichnete, zeigen sie sich besorgt und werfen Madrid indirekt vor, mit jüngsten Entscheidungen unerwünschte Signale gesendet zu haben. Unterzeichnet wurde der Brief von 22 Staats- und Regierungschefs; initiiert wurde er von Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni und Dänemarks Regierungschefin Mette Frederiksen.

Der Brief prangert unter anderem eine migrationspolitische Entscheidung der spanischen Regierung an, die vor einigen Monaten die Legalisierung von rund 500.000 irregulären Migranten eingeleitet hatte, um dem Arbeitskräftemangel zu begegnen. Darin heißt es wörtlich: „Wir können nicht zulassen, dass unkontrollierte Massenübertritte, die Instrumentalisierung von Migration oder andere hybride Bedrohungen den Eindruck entstehen lassen, dass eine illegale Einreise in die Europäische Union möglich ist.“

Darüber hinaus zieht der Brief eine Verbindung zwischen dem Ansturm und einem Urteil des spanischen Obersten Gerichtshofs. Dieses sei „benutzt worden, um diesen Angriff auszulösen und unser Migrations- und Asylsystem zu missbrauchen“. Das Gericht hatte entschieden, dass die sofortige Zurückweisung von Migranten nur dann zulässig ist, wenn sie einen Zaun oder eine andere Sperre überwunden haben. Migranten, die über einen unbefestigten Abschnitt wie das Meer gelangen, benötigen eine Einzelfallprüfung.

Adressiert ist der Brief an EU-Ratspräsident António Costa, EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Irlands Regierungschef Micheál Martin, dessen Land den EU-Ratsvorsitz innehat. Neben Spanien und Irland haben auch Frankreich, Luxemburg und Portugal nicht unterzeichnet.

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Sánchez verteidigt Kurs und attackiert Kritiker

Die Unterzeichner bitten den EU-Ratsvorsitz, umgehend eine außerordentliche Videokonferenz der Innenminister einzuberufen. Diese ist nun für Dienstag angesetzt. Auch Spaniens Premier Pedro Sánchez forderte angesichts der Kritik eine digitale Sondersitzung der Innenminister aller 27 EU-Staaten.

In einem Schreiben an Irlands Regierungschef Micheál Martin beschwerte sich Sánchez über das Verhalten einiger Mitgliedstaaten: „Eine solche Haltung – motiviert durch Vorurteile, Falschinformationen, Unwissenheit oder politische Interessen – verstößt nicht nur gegen europäisches Recht, humanitäres Recht und die Grundsätze der Solidarität, die uns verbinden, sondern läuft auch den langfristigen Interessen Europas zuwider.“ Er fügte hinzu: „Im gegenwärtigen internationalen Kontext kann sich die Europäische Union eine solche egoistische, spaltende und rechtswidrige Reaktion nicht leisten.“

Rechtspopulistische und konservative Politiker in Europa und den USA kritisierten Spanien unterdessen scharf für seine vermeintlich laxe Migrationspolitik. Besonders hart reagierte Italiens Ministerpräsidentin Meloni: Sie nannte die Bilder aus Ceuta „schockierend“ und brachte ein Aussetzen der Schengen-Zusammenarbeit mit Spanien ins Spiel. Italien führte für zunächst einen Monat wieder Kontrollen im Flug- und Schiffsverkehr mit Spanien ein. Führende Politiker aus Dänemark, Schweden, Finnland, Tschechien und Österreich schlossen sich der Forderung an.

Madrid wies die Drohungen als „demagogisch“ zurück. Außenminister José Manuel Albares betonte, niemand könne unkontrolliert von Ceuta auf das spanische Festland gelangen. Für Ceuta gelte die Freizügigkeit des sonstigen Schengen-Raums nicht. Auf der Plattform X schrieb Albares, mittlerweile seien „nahezu alle, die in Ceuta angekommen waren, wieder nach Marokko zurückgekehrt“. EU-Migrationskommissar Magnus Brunner versicherte: „Keine einzige Person hat die Grenze zum EU-Festland überschritten.“

Tote, Sicherheitskräfte und Erinnerungen an 2021

Bis Freitagmorgen hatten innerhalb von 24 Stunden Zehntausende Migranten die Grenze zur spanischen Exklave überquert. Mindestens 67 Migranten kamen den Angaben zufolge ums Leben, die meisten ertranken beim Schwimmen nach Ceuta. Zur Kontrolle der Lage entsandte die Regierung 60 Soldaten sowie 200 Spezialkräfte der Polizei. Seit 2021 wird in Ceuta damit erstmals wieder Militär zur Grenzsicherung eingesetzt.

An der Grenze zu Melilla kam es laut dem staatlichen Fernsehsender RTVE am Freitagabend zu Auseinandersetzungen: Migranten warfen Steine auf Sicherheitskräfte, die mit Tränengas reagierten. Ob einige der Menschen nach Melilla gelangten, blieb zunächst unklar.

Ceuta und Melilla bilden die einzige Landgrenze der EU zu Afrika. Immer wieder versuchen Migranten, auf diesem Weg in die EU zu gelangen. Der aktuelle Massenansturm ist allerdings außergewöhnlich: Die italienische Zeitung „La Repubblica“ schreibt, im gesamten Jahr 2025 hätten nur sechs illegale Migranten Ceuta erreicht, und seit Jahresbeginn bis zum 15. Juli keiner.

Als einen Grund für den plötzlichen Zulauf nannte die spanische Zeitung „El País“, die Nachricht von einer einfachen Einreise nach Spanien habe sich in Marokko verbreitet. Zudem sei die marokkanische Polizei untätig geblieben. Der Marokko-Korrespondent Juan Carlos Sanz beschrieb ein großes Aufgebot an Grenzpolizisten, Panzerwägen und Gendarmen, die „standhaft ihre Position hielten, während Tausende Menschen schweigend am Strand entlangzogen und in der Flut schwammen“. Migrationsexpertin Ruth Ferrero-Turrión von der Universidad Complutense in Madrid sagte dem Tagesspiegel: „Ohne jeden Zweifel hätte all dies nicht ohne die Untätigkeit der Behörden geschehen können.“

Die Ereignisse erinnern an Mai 2021, als innerhalb weniger Tage rund 10.000 Menschen die Exklave erreichten. Damals steckten Spanien und Marokko in einer diplomatischen Krise, nachdem Madrid den Polisario-Chef Brahim Ghali zur medizinischen Behandlung aufgenommen hatte und Marokko daraufhin die Grenzkontrollen aussetzte.