Chronische Müdigkeit: Arzt erklärt die leisen SOS-Signale des Körpers
Arzt erklärt leise SOS-Signale bei chronischer Müdigkeit

Chronische Erschöpfung ist nach Einschätzung des Allgemein- und Sportmediziners Dr. Carsten Lekutat zu einer Volkskrankheit geworden. In seinem Buch „Müde?“ zeigt er auf, wie Betroffene die versteckten Botschaften ihres Körpers deuten und wieder zu mehr Energie finden können. Die Ursachen sind vielschichtig und reichen von Stoffwechselstörungen über hormonelle Dysbalancen bis hin zu stillen Entzündungen.

Dauermüdigkeit als alarmierendes Signal des Körpers

„Viele Menschen kommen in meine Praxis und sagen: ‚Ich bin völlig kaputt, ich kann nicht mehr.‘ Nach außen hin läuft bei ihnen alles perfekt, aber innerlich brennen sie leise aus“, berichtet Dr. Lekutat. Dieses Phänomen habe sich in den letzten Jahren verstärkt – vor sechs, sieben Jahren, also vor der Pandemie, sei es noch nicht so ausgeprägt gewesen. Dabei handle es sich nicht um normale Müdigkeit, sondern um einen krankhaften Zustand, der sich nicht durch mehr Schlaf beheben lasse.

Die Gründe für die anhaltende Erschöpfung sind komplex: Permanente Erreichbarkeit, gesellschaftlicher Druck und globale Krisen zehren ständig an den Ressourcen. Der Körper, ein auf Gleichgewicht ausgelegtes System, gerät dadurch immer häufiger aus der Balance. Dr. Lekutat betont, dass chronische Müdigkeit oft auch ein Hinweis auf körperliche Probleme ist, etwa auf Stoffwechselprobleme, hormonelle Störungen oder Nährstoffmangel.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Den persönlichen Müdigkeitstyp finden

Um den Ursachen auf die Spur zu kommen, hat der Mediziner gemeinsam mit seinem Team einen Test entwickelt, den Betroffene selbst durchführen können – entweder im Buch oder online unter muede-trotz-schlaf.de. „Damit findet man seinen persönlichen Müdigkeitstyp und erfährt, wo der Kern der Erschöpfung liegen könnte: ob der Körper Unterstützung braucht, die Psyche oder das Zusammenspiel verschiedener Faktoren das Energielevel drückt“, erklärt er.

Zunächst rät er zur Selbstbeobachtung, um die subtilen Botschaften des Körpers wahrzunehmen – sogenannte Vital-Codes. Diese zeigen an, dass etwas nicht stimmt, und treten besonders im Zusammenhang mit Müdigkeit auf. Dazu gehören etwa Heißhungerattacken oder Hautveränderungen wie Stielwarzen. „Kleine, weiche Stielwarzen, die oft am Hals, im Nacken oder in den Achselhöhlen auftauchen, oder dunklere, samtige Hyperpigmentierungen der Haut können auf eine beginnende Insulinresistenz hindeuten“, warnt Dr. Lekutat. Insulinresistenz führe dazu, dass die Zellen weniger empfindlich auf Insulin reagieren und nicht ausreichend mit Energie versorgt werden, was Müdigkeit verursacht.

Stille Entzündungen und andere Auslöser

Neben Insulinresistenz spielen auch stille Entzündungen eine wichtige Rolle. „Kaum bemerkbare Immunreaktionen des Körpers, die ohne typische Symptome wie Fieber oder Schmerzen ablaufen, verbrauchen Energie und führen zu Erschöpfung“, so der Mediziner. Sie entstehen durch ungesunde Ernährung, chronischen Stress, Bewegungsmangel, eine gestörte Darmflora oder verborgene Entzündungsherde, etwa im Mundbereich.

Ein weiterer Faktor sind Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus. „Es geht nicht darum, sich mal unausgeschlafen zu fühlen, sondern um subtile Abweichungen vom gewohnten Rhythmus“, erklärt Dr. Lekutat. Muster wie eine veränderte Herzfrequenzvariabilität (HRV) oder ein erhöhter nächtlicher Ruhepuls, die mit einer Smartwatch sichtbar werden, könnten auf hormonelle Dysbalancen, chronischen Stress oder eine beginnende Überlastung des Nervensystems hindeuten.

Brain Fog und die Rolle der Wechseljahre

Besonders in den Wechseljahren klagen viele Frauen über „Brain Fog“ – einen Nebel im Kopf und Konzentrationsschwierigkeiten. „Dieser Nebel kann auf unterschwellige Entzündungen im Gehirn, auf Nährstoffmängel oder eine Überlastung des Stresssystems hinweisen – alles Faktoren, die sich in chronischer Müdigkeit äußern“, sagt Dr. Lekutat.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration

Um die genaue Ursache zu ermitteln, empfiehlt er, den Hausarzt aufzusuchen und die Symptome zu schildern. „Wenn man chronisch müde ist, geht es nicht mehr um Vorsorge, sondern um Diagnostik, und die übernimmt zum großen Teil die Krankenkasse“, stellt er klar. Dazu gehören die Bestimmung des Eisenwerts, des Schilddrüsensteuerwerts (TSH), des Blutzuckers und des CRP-Werts, der Entzündungen anzeigt. Auch ein großes Blutbild werde von den gesetzlichen Kassen übernommen, wenn es medizinisch notwendig sei.

Selbsthilfe und Gegenstrategien

Was Betroffene selbst tun können, reicht von einfachen Maßnahmen bis hin zu umfassenden Lebensstiländerungen. „Bei Hitze hilft es, die Füße vor dem Zubettgehen zu kühlen, um die Körperkerntemperatur zu senken und einen Schlafimpuls auszulösen“, rät Dr. Lekutat. Auch die paradoxe Intention könne helfen: Wer bewusst versucht, wach zu bleiben, nehme den Druck raus und finde oft leichter in den Schlaf.

Ernährung spielt eine wichtige Rolle: entzündungshemmend essen mit Fokus auf Gemüse, Beeren, Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, Nüsse und hochwertige Öle. Bewegung, Stressmanagement und gezielte Supplementierung von Nährstoffen sowie medizinische Therapien, etwa mit Hormonen, können ebenfalls helfen.

Dr. Lekutat appelliert an alle, die unter chronischer Müdigkeit leiden: „Wischen Sie die Signale Ihres Körpers nicht beiseite oder tun Sie sie nicht als normalen Verschleiß ab, nur weil ‚das ja alle haben‘. Denn diese kleinen Ungleichgewichte, die heute vielleicht nur Energie rauben, entwickeln sich über Jahre oft zu irreversiblen Problemen.“ Wer lerne, seinen Vital-Code zu entschlüsseln, bekomme nicht nur die Müdigkeit in den Griff, sondern schaffe auch die Basis, um schwere Krankheiten zu vermeiden.

Dieser Artikel basiert auf einem Interview, das in der Zeitschrift „Donna“ erschienen ist, und wurde für die Online-Ausgabe aufbereitet.