Ceuta: Mindestens 75 Flüchtlinge ertrunken – Zahl könnte steigen
Ceuta: 75 Flüchtlinge ertrunken – Zahl könnte steigen

Am Strand von Tarajal vor Ceuta geht die Bergung der Toten weiter. Taucher der spanischen Guardia Civil suchen das Wasser systematisch ab, wie der Reporter Antonio Sempere für den britischen Telegraph (gehört wie BILD zu Axel Springer) beobachtet hat. Die Zahl der bestätigten Todesopfer liegt bei mindestens 75 – und die Behörden rechnen mit weiteren Opfern.

Die meisten Menschen starben nur wenige Meter vor der Küste, als sie am vergangenen Wochenende versuchten, die spanische Exklave Ceuta nach einem beispiellosen Massenansturm aus Marokko zu erreichen. Schätzungen zufolge kamen innerhalb von etwas mehr als einem Tag rund 60.000 Menschen. Es ist eine der tödlichsten Migrationskatastrophen, die jemals an einer Außengrenze der Europäischen Union registriert wurde.

Strand von Tarajal: Habseligkeiten erinnern an die Opfer

Am Ufer treiben noch immer Kleidungsstücke, Schuhe und andere Habseligkeiten. Ein Foto zeigt eine Kindersandale mit der Aufschrift „Stay cool“ – ein Symbol für das Unglück. Das spanische Militär versuchte zunächst, die Menschen zu einer Aufnahmeeinrichtung zu bringen, doch diese war völlig überlastet. Die örtliche Leichenhalle von Ceuta, eine Stadt mit etwas mehr als 85.000 Einwohnern, war rasch an ihrer Kapazitätsgrenze.

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Deshalb entsandte Spaniens militärische Notfalleinheit UME Kühllastwagen vom Festland, um die aus dem Meer geborgenen Leichen zwischenzulagern, während Forensiker deren Identität bestimmen. Jede weitere Bergung verlängert die Ungewissheit für Familien auf beiden Seiten der Straße von Gibraltar, die noch immer auf Nachrichten über ihre vermissten Angehörigen warten.

Rückführung nach Marokko: Minderjährige betroffen

Nach Angaben des spanischen Innenministeriums ist die Mehrheit der Menschen, die Ceuta erreicht hatten, inzwischen nach Marokko zurückgekehrt – entweder freiwillig oder nach einer Absprache der Regierungen in Madrid und Rabat. Städtische Einrichtungen sind wieder zugänglich, die meisten Geschäfte haben geöffnet. Armee, Guardia Civil und Nationalpolizei bleiben in der Stadt präsent.

Unter den Rückgeführten befinden sich nach Beobachtungen von Reporter Sempere auch unbegleitete Minderjährige – darunter mehrere marokkanische Kinder, die an Beamte der Guardia Civil übergeben und anschließend über die Grenze geschickt wurden. Das ist heikel: Laut spanischem Recht müssen unbegleitete ausländische Minderjährige zuerst identifiziert und dem Schutz der zuständigen Jugendbehörden übergeben werden. Erst danach kommt überhaupt eine Rückführung in Frage.

Die Lage in der Stadt ist aus Sicht der Migranten verzweifelt. In einer BILD-Reportage schilderten Betroffene: „Es gibt nichts. Alle Geschäfte sind zu.“

Rechtsextreme Aktivisten treffen auf Widerstand

Während die Rettungsteams weiterhin die Gewässer vor Tarajal absuchen, entwickelt sich die humanitäre Katastrophe zu einem politischen Konflikt. Rechtsextreme Aktivisten versuchen, aus der Krise Kapital zu schlagen. Vertreter britischer Anti-Migrations-Bewegungen und Mitglieder mehrerer spanischer rechtsextremer Organisationen reisten nach Ceuta, um eine härtere Migrationspolitik zu fordern.

Doch sie trafen auf unerwarteten Widerstand: Hunderte Einwohner stellten sich ihnen entgegen. Für viele ging es bei den Demonstrationen nicht nur um die Verteidigung von Migranten, sondern auch um die Verteidigung Ceutas selbst. Die Exklave ist seit Langem durch das Zusammenleben christlicher, muslimischer, jüdischer und hinduistischer Gemeinschaften geprägt – anders als viele Regionen auf dem spanischen Festland.

Offene Fragen zur Katastrophe

Mehrere Fragen, die die politische und juristische Debatte in Spanien in den kommenden Monaten prägen dürften, sind bislang unbeantwortet:

  • Warum starben so viele Menschen in Sichtweite der spanischen Küste?
  • Welchen Schutz erhielten unbegleitete Minderjährige?
  • Entsprachen alle Entscheidungen der Behörden den rechtlichen Verpflichtungen Spaniens?

Die Behörden schließen nicht aus, dass die Zahl der Todesopfer weiter steigt. Jede neue Bergung am Strand von Tarajal erinnert daran, dass die Suche nach Antworten noch lange nicht abgeschlossen ist.

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