Ceuta-Ansturm: Wie Social Media Tausende ins Meer lockte
Ceuta-Ansturm: Social Media lockt Tausende ins Meer

Social-Media-Posts als Brandbeschleuniger

Ein junger Marokkaner, der es bis in die spanische Exklave Ceuta geschafft hat, sagte dem US-Sender CBS, er habe in sozialen Netzwerken gelesen, dass Spanien seine Grenzen geöffnet habe. „Es hieß, Spanien habe die Tür geöffnet“, berichtete er. Als er vom Reporter erfährt, dass es für ihn und die tausenden anderen Geflüchteten weder Asyl noch eine Lösung geben werde, wirkt er konsterniert. Der junge Mann gab an, in Marokko keine Hoffnung zu sehen.

Auf den Plattformen Facebook, Instagram und TikTok waren Videos und Beiträge kursiert, die eine offene Grenze und schnelle Weiterreise versprachen. Laut CBS bestand ein Großteil der Ankömmlinge aus männlichen Jugendlichen zwischen 14 und 25 Jahren. Viele nannten bessere Arbeitsmöglichkeiten oder das Geld als Motiv; einer hoffte auf eine Fußballkarriere in Europa, ein anderer wollte nur einen Tag lang sehen, wie es in Europa ist. Entscheidend war für viele der Anblick der Schwimmer in den Videos: „Man sah andere, die es taten, und dachte: Das kann ich auch“, erklärte ein weiterer Migrant. Die Bilder entwickelten eine Eigendynamik und verleiteten Tausende zur riskanten Überfahrt.

Ein Gerichtsurteil wird zur Falschmeldung

Auslöser der Fehlinformationen war offenbar ein Urteil des spanischen Obersten Gerichtshofs vom 29. Juni 2026. Dieses hatte unmittelbare Rückführungen ohne Prüfung von Asylgründen für illegal erklärt. In den sozialen Medien wurde daraus schnell die Botschaft, Spanien nehme alle Flüchtlinge auf und verteile Visa für das Festland. „Man hatte uns gesagt, wir bekämen eine Unterkunft und ein Visum für Algeciras. Aber das war alles gelogen“, erzählte der 18-jährige Mohamed der Zeitung El País. Eine junge Mutter klagte: „Ich habe nicht einmal Milch für mein Baby bekommen.“ Die Realität vor Ort sah anders aus: Wohnviertel wurden abgeriegelt, Anwohner verbarrikadierten sich, teilweise attackierten sie die oft halbnackten und orientierungslosen Neuankömmlinge. Die Euphorie wich schnell der Ernüchterung.

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Ceuta in der Krise: Tote und Ernüchterung

Die Bilanz des Ansturms ist dramatisch: Zwischen 50.000 und 60.000 Menschen erreichten Ceuta. Bis Samstagnachmittag kehrten die meisten unter dem Druck der spanischen Sicherheitskräfte nach Marokko zurück. Doch mindestens 67 Menschen starben in dem Chaos, zahlreiche ertranken im Mittelmeer. Viele der jungen Männer irrten ziellos umher, ohne zu wissen, wohin. Die aufwieglerischen Beiträge, die den Ansturm ausgelöst hatten, wurden inzwischen häufig gelöscht und durch neue ersetzt. Wer ursprünglich dahintersteckt, ist weiterhin unklar. Spaniens Innenminister Fernando Grande-Marlaska Gomez machte bei einer Pressekonferenz kriminelle Netzwerke verantwortlich: „Dies ist passiert wegen Mafias und Menschenhändlern.“ Diese hätten das Gerichtsurteil ausgenutzt, um mit der Not junger Marokkaner Profit zu schlagen.

Marokkos Rolle und die politischen Verwicklungen

Doch viele Beobachter zweifeln an dieser Darstellung. Die normalerweise streng bewachte Grenze gilt als so gut kontrollierbar, dass der Ansturm ohne zumindest zeitweiliges Wegschauen der marokkanischen Behörden kaum möglich gewesen wäre. Die Zeitung El País schrieb von einer „Billigung oder Mitwirkung“ der Verantwortlichen in Rabat. Videos, die angeblich marokkanische Sicherheitskräfte in völliger Untätigkeit zeigen, lassen laut El País „keinen Zweifel“ daran. Auch die New York Times berichtet von jungen Marokkanern, die von der Polizei durchgewunken worden sein sollen. „Sie zeigten uns den Weg und sagten nur: ‚Geht da lang, geht da lang‘“, sagte der 26-jährige Youssef Alaoui der US-Zeitung. Ein anderer Migrant behauptete, die Polizei habe ihm gesagt: „Geht nach Spanien“.

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Marokkos Regierung schweigt zu den Vorfällen. Dabei ist der Kontext brisant: Erst in der Woche zuvor hatte Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez bei einem Besuch in Algier die Beziehungen zu Marokkos Erzrivalen Algerien gestärkt. Der Streit um die Westsahara belastet das Verhältnis seit Jahren. Bereits 2021 hatte Madrid Marokko vorgeworfen, Migration als Druckmittel einzusetzen: Nach der Aufnahme des Polisario-Chefs in einem spanischen Krankenhaus gelangten mehr als 8000 Menschen nach Ceuta. Madrid sprach damals von „Erpressung“, aus Rabat hieß es: „Handlungen haben Konsequenzen.“ Nun spekulieren einige, Marokko könnte im Interesse seiner engen Verbündeten USA und Israel gehandelt haben, um die linke Regierung in Madrid zu schwächen. Spanien hatte sowohl Israels Vorgehen im Gazastreifen als auch die US-Angriffe auf den Iran kritisiert und sich geweigert, die Verteidigungsausgaben so schnell wie von US-Präsident Donald Trump gefordert zu erhöhen. Trump hatte nach einer Schimpftirade beim Nato-Gipfel angekündigt, alle Handelsbeziehungen mit Spanien abzubrechen – ein mögliches Motiv für Rabat, den Druck auf Madrid zu erhöhen.

Russische Desinformationskampagne?

Unterdessen meldet sich die Ukraine zu Wort. Außenminister Andrij Sybiha schrieb auf der Plattform X von einer „intensiven russischen Propaganda-Kampagne in ganz Europa, die Bilder aus Ceuta nutzt, um Destabilisierung zu säen“. Er bezifferte die Zahl der Beiträge auf „mehr als 1500 Veröffentlichungen auf Plattformen“, die Analysten einem pro-russischen Netzwerk zuordnen. Fast 300 davon seien auf Spanisch veröffentlicht worden, auch deutsche Beiträge seien darunter. Sybiha wies darauf hin, dass Russland seit Jahren Migration und andere sensible Themen ausnutze, um Angst zu schüren und europäische Länder zu destabilisieren. Er forderte ein vollständiges Verbot russischer Propaganda-Ressourcen, um die Öffentlichkeit vor dieser Einmischung zu schützen.

Jugend ohne Perspektive in Marokko

Der Ansturm ist auch Ausdruck einer tiefen sozialen Krise. Marokkos Wirtschaft wächst zwar so schnell wie lange nicht, doch die Arbeitslosigkeit unter jungen Menschen bleibt dramatisch hoch. Laut einer Studie der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) hat jeder Dritte zwischen 15 und 29 Jahren weder Arbeit noch Schul- oder Ausbildungsplatz. Besonders betroffen sind Frauen. In den Städten Casablanca, Rabat und Fès sowie im ländlichen Raum fehlt es an Perspektiven, viele träumen von einem Leben in Europa – vor allem in Spanien und Frankreich, wo große marokkanische Gemeinden leben. Der Schriftsteller Abdelhamid Bajouki schrieb, für viele sei „das Meer weniger furchteinflößend als das Zuhause“. Aus einer königsnahen Partei hieß es, ein nationaler Dialog über die Jugendprobleme sei nötig.

Die Lage nutzen Schmugglerbanden aus. Die Regierung versucht zwar, Menschenhandel einzudämmen, doch die Netzwerke operieren weiter. Offiziellen Angaben zufolge meldeten Marokkos Behörden im Jahr 2025 insgesamt 73.000 irreguläre Einreisen ins Land, vor allem aus der Sub-Sahara. Für viele bleibt die gefährliche Überfahrt nach Europa die einzige Hoffnung – auch wenn sie, wie in Ceuta, oft tödlich endet.