Die spanische Regierung hat einem Pressebericht zufolge von ihren Geheimdiensten vorab Warnungen vor einer massiven Migrationswelle nach Ceuta erhalten – und diese „systematisch ignoriert“. Das berichten übereinstimmend die Nachrichtenagentur Euronews und das spanische Nachrichtenportal „The Objective“ unter Berufung auf Quellen in den Geheimdiensten.
Nach Angaben dieser Quellen hatten die Dienste erwartet, dass der marokkanische König Mohammed VI. anlässlich des Thronfests eine „Geste der Großzügigkeit“ anweisen könnte. In den Tagen vor dem Ansturm am Donnerstag seien zudem massenhaft Reisebusse aus verschiedenen marokkanischen Städten in die Grenzstadt Fnideq an der Grenze zu Ceuta geströmt. Bereits in den zehn Tagen zuvor hätten mindestens 1000 Menschen die Exklave über das Meer erreicht; die Geheimdienste deuteten diese Vorstöße als Testlauf und alarmierten Madrid erneut – vergeblich.
Fast alle Migranten zurückgekehrt
Ein namentlich nicht genannter hoher Regierungsbeamter hatte der Zeitung „El País“ am Samstag gesagt, die Regierung habe die Krise nicht kommen sehen. Die Behörden installierten daraufhin eine 500 Meter lange schwimmende Barriere vor dem Strand Tarajal und verstärkten die Überwachung mit Bojen der Marine.
Unterdessen normalisiert sich die Lage in Ceuta allmählich. Nach Angaben der spanischen Regierung sind fast alle der 50.000 bis 60.000 Menschen, die binnen kurzer Zeit von Marokko in die abgeschottete Exklave gelangt waren, inzwischen freiwillig zurückgekehrt. Für eine Weiterreise bestand kaum Aussicht, und in der Stadt mit weniger als 85.000 Einwohnern fehlte es an Unterkünften und Versorgung.
Die Behörden suchen weiter vor Ceuta nach Leichen von Migranten. Die Zahl der Toten stieg bis Sonntag auf 72. Nach Informationen der Zeitung „El País“ bereiten die Behörden eine Einrichtung vor, in der bis zu 200 Leichen aufgebahrt werden können.
EU-Streit nach Massenandrang
Außenminister Johann Wadephul (CDU) forderte die EU-Kommission auf, dem Schutz der Außengrenzen „absolute Priorität“ einzuräumen. „Die Lage in Ceuta in den vergangenen Tagen war ein absoluter Stresstest, den wir bestanden haben“, sagte er der „Bild am Sonntag“. Die Krise habe die Anfälligkeit Europas gezeigt; zugleich müsse man gemeinsam gegen Falschinformationen vorgehen, die Menschenleben gefährdeten. Wadephul hob hervor, dass eine effektive Migrationspolitik nicht ohne Drittstaaten funktioniere. „Spanien und Marokko haben es gemeinsam geschafft, diese Krise schnell zu lösen“, sagte er.
Mehrere europäische Staats- und Regierungschefs erhöhten mit einem offenen Brief den Druck auf Spanien. In dem Schreiben, das auch Bundeskanzler Friedrich Merz unterzeichnete, wird Madrid indirekt vorgeworfen, mit der Legalisierung von rund 500.000 irregulären Migranten falsche Signale gesendet zu haben. Der Brief nennt ausdrücklich die „Legalisierung einer sehr großen Zahl irregulärer Migranten“ als migrationspolitische Maßnahme, die Anreize für Migration bieten könnte. Von der Maßnahme profitieren allerdings nur Asylsuchende, deren Antrag vor Ende 2025 gestellt wurde, keine Neuankömmlinge.
Zudem verweisen die Unterzeichner auf ein Urteil des spanischen Obersten Gerichtshofs, dem zufolge die sofortige Zurückweisung von Migranten nur nach Überwindung eines Zauns oder einer Sperre zulässig ist. Für Menschen, die über das Meer kommen, sei eine Einzelfallprüfung nötig – ein Punkt, der laut dem Brief „benutzt worden“ sei, um den Ansturm auszulösen. „Wir können nicht zulassen, dass unkontrollierte Massenübertritte, die Instrumentalisierung von Migration oder andere hybride Bedrohungen den Eindruck entstehen lassen, dass eine illegale Einreise in die Europäische Union möglich ist“, heißt es in dem Schreiben.
Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni und Dänemarks Regierungschefin Mette Frederiksen initiierten den Brief, den 22 europäische Staats- und Regierungschefs unterschrieben. Nicht unterzeichnet haben neben Spanien und Irland auch Frankreich, Luxemburg und Portugal. Der Brief ist an EU-Ratspräsident António Costa, EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und den irischen Regierungschef Micheál Martin gerichtet. Die Unterzeichner bitten den EU-Ratsvorsitz, umgehend eine außerordentliche Videokonferenz der Innenminister einzuberufen; diese ist für Dienstag angesetzt.
Madrid wehrt sich gegen Vorwürfe
Premier Pedro Sánchez hat sich in einem eigenen Brief bei Irlands Regierungschef Micheál Martin über das Verhalten einiger Mitgliedstaaten beschwert. „Eine solche Haltung – motiviert durch Vorurteile, Falschinformationen, Unwissenheit oder politische Interessen – verstößt nicht nur gegen europäisches Recht, humanitäres Recht und die Grundsätze der Solidarität, sondern läuft auch den langfristigen Interessen Europas zuwider“, schrieb Sánchez. Die EU könne sich eine „egoistische, spaltende und rechtswidrige Reaktion“ nicht leisten. Zugleich forderte Sánchez eine digitale Sondersitzung der Innenminister aller 27 EU-Staaten.
Rechtspopulistische und konservative Politiker in Europa und den USA hatten Spanien scharf kritisiert. Meloni bezeichnete die Bilder als „schockierend“ und brachte ein Aussetzen der Schengen-Zusammenarbeit mit Spanien ins Gespräch; Italien führte für zunächst einen Monat wieder Kontrollen im Flug- und Schiffsverkehr ein. Führende Politiker aus Dänemark, Schweden, Finnland, Tschechien und Österreich schlossen sich Italiens Forderung an, das Schengen-Abkommen mit Spanien auszusetzen. Madrid nannte Drohungen mit einem Schengen-Ausschluss „demagogisch“. Außenminister José Manuel Albares betonte, niemand könne unkontrolliert von Ceuta auf das spanische Festland und damit in den übrigen Schengen-Raum gelangen, da für die Exklave die Freizügigkeit nicht gilt. Sánchez hatte die Ereignisse bei einem Besuch in Ceuta als „Angriff“ auf die territoriale Integrität bezeichnet und von der „Schleusermafia“ verbreitete Gerüchte über eine geöffnete Grenze für den Ansturm verantwortlich gemacht.
Chronologie der Krise
Bis Freitagmorgen hatten innerhalb von 24 Stunden Zehntausende Migranten die Grenze zwischen Marokko und Ceuta überquert. Madrid entsandte 60 Soldaten sowie 200 Spezialkräfte der Polizei. Es war der erste Einsatz des Militärs zur Grenzsicherung seit 2021. Auch an der Grenze zu Melilla kam es am Freitagabend zu Auseinandersetzungen: Menschen schleuderten Steine, Sicherheitskräfte setzten Tränengas ein.
Ceuta und Melilla bilden die einzige Landgrenze der EU zu Afrika; immer wieder versuchen Migranten, hier in die Union zu gelangen. Die Ereignisse erinnern an den Mai 2021, als innerhalb weniger Tage rund 10.000 Jugendliche die Exklave erreichten, während Spanien und Marokko im Streit um den Polisario-Chef Brahim Ghali lagen. Der aktuelle Ansturm ist jedoch eine Ausnahme: Laut „La Repubblica“ hatten im gesamten Jahr 2025 nur sechs Migranten Ceuta erreicht, und seit Jahresbeginn bis zum 15. Juli keiner.
Als einen Auslöser nannte „El País“ die in Marokko kursierende Nachricht, die spanische Grenze sei offen. Hinzu kam die offensichtliche Untätigkeit der marokkanischen Sicherheitskräfte. Der Zeitungskorrespondent Juan Carlos Sanz schilderte, wie Grenzpolizisten, Panzerwagen und Gendarmen „standhaft ihre Position“ wahrten, während Tausende am Strand entlangzogen und in der Flut schwammen. Die Migrationsexpertin Ruth Ferrero-Turrión von der Universidad Complutense in Madrid sagte dem Tagesspiegel: „Ohne jeden Zweifel hätte all dies nicht ohne die Untätigkeit der Behörden geschehen können.“



