Größter Grenzübertritt der EU: 60.000 Menschen schwimmen nach Ceuta
Rekord-Ansturm auf Ceuta: 60.000 schwimmen in die EU

Bis zu 60.000 Menschen haben am vergangenen Donnerstag versucht, von Marokko aus in die spanische Exklave Ceuta zu gelangen – die meisten von ihnen schwimmend. Es war der größte irreguläre Grenzübertritt, der jemals an einem einzigen Tag auf dem Gebiet der Europäischen Union registriert wurde. Mindestens 72 Menschen ertranken bei dem Versuch, so die Polizei.

Die Botschaft: Die spanische Grenze ist offen

Die Welle begann nicht spontan. Zwischen Mittwoch und Donnerstag verbreiteten sich in sozialen Netzwerken – vorwiegend auf Arabisch – Kurznachrichten mit einer Kernbotschaft: „Die spanische Grenze ist offen. Man kann ohne Papiere passieren.“ Die Nachrichten stammten von anonymen Benutzerkonten, von denen viele kurz darauf wieder gelöscht wurden. Wer dahintersteckt, ist bislang unklar. Doch die Wirkung war enorm – und sie traf zusammen mit einem auffälligen Verhalten der marokkanischen Grenzbehörden.

Die spanische Zeitung „El País“ berichtete von TikTok-Videos, in denen zu sehen war, wie junge Menschen in Ceuta an Stränden feierten und behaupteten, das Schwimmen um die Mole sei einfach gewesen. Eine Botschaft lautete: „Wenn ihr diese Treppen seht, ist euer Traum wahr geworden.“ Zudem kursierten Behauptungen, ein Gerichtsurteil verbiete die Zurückweisung von Migranten und Spanien gewähre automatische Einreiserechte für alle Menschen von außerhalb der EU.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Mehrere der Benutzerkonten waren erst seit wenigen Wochen aktiv, manche hatten Zehntausende Likes. Das deutet laut Medienberichten auf eine orchestrierte Kampagne hin. Viele Migranten, die später in Ceuta ankamen, sagten, genau diese Nachrichten hätten sie animiert, das Wagnis über das Meer auf sich zu nehmen.

Schwimmkurse, Flossen und Neoprenanzüge

Der Massenandrang kam nicht aus dem Nichts. Bereits in der Woche zuvor hatten etwa 1800 Menschen eine Mole umschwommen, um auf das winzige spanische Territorium zu gelangen, wie die „Financial Times“ berichtete. Ein marokkanischer Schwimmlehrer erklärte der Zeitung, viele potenzielle Migranten hätten in den vergangenen Wochen Schwimmunterricht genommen oder sich das Schwimmen selbst beigebracht.

In Facebook-Gruppen boten Menschen Schwimmflossen und Neoprenanzüge zum Kauf an. Sie tauschten sich über Meeresbedingungen und die Route zum felsigen Tarajal-Strand aus. Empfohlen wurde, keine Rucksäcke mitzunehmen – „Badehose und körperliche Ausdauer“ seien alles, was man brauche. Zudem sollte man Gruppen von mindestens sieben Personen bilden, um die Grenzschützer zu überfordern.

Der Ansturm: Vom Morgennebel zur Massenflucht

Die Stimmung am frühen Donnerstagmorgen beschrieb „El País“ so: „Vier übernächtigte Journalisten beobachten, wie die Migranten mit ihren Schwimmhilfen, Flossen an den Füßen und an die Unterarme geklemmten Flip-Flops, spärlich bekleidet und mit durchnässten Rucksäcken ankommen.“ Die ersten Schwimmer tauchten in kleinen Gruppen auf, während die Sonne gegen den Morgennebel ankämpfte. Die Polizei habe sie bereits erwartet, um sie in die lokale Aufnahmeeinrichtung zu schicken.

Die Jugendlichen, überwiegend Männer und fast alle Marokkaner, saßen zunächst verzweifelt am Grenzübergang. „Die angespannte Stimmung lässt eine Massenflucht ahnen, die einige Stunden später tatsächlich eintritt“, schrieb „El País“. Ab Donnerstagmittag geriet der Ansturm außer Kontrolle: Immer mehr Menschen erreichten „unter Jubel und Geschrei spanischen Boden“. Offiziellen Schätzungen zufolge schwammen oder wateten bis zu 60.000 Menschen in die Enklave.

Die Strecke von Küstenorten wie Fnideq nach Ceuta ist knapp sechs Kilometer lang und wegen Wellenbrechern, Sperren und der Mole deutlich länger. Viele unterschätzten die Gefahr. Bis Sonntagmittag wurden 72 Leichen von Ertrunkenen geborgen.

Marokkanische Polizei wies den Weg

Berichte legen nahe, dass die Migranten von marokkanischen Sicherheitskräften nicht nur nicht aufgehalten, sondern sogar ermutigt wurden. Der 37-jährige Mohammed Ahmidho sagte der „New York Times“, als er sich der Grenze genähert habe, hätten ihm Polizisten gesagt: „Willkommen in Spanien.“ Der 25-jährige Youssef Alaoui berichtete Ähnliches: Die Grenzpolizisten hätten den Migranten den Weg gewiesen und gerufen: „Geht in dieser Richtung weiter, geht in dieser Richtung weiter!“

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration

Offiziell machte die marokkanische Regierung „kriminelle Organisationen“ für den Ansturm verantwortlich, ohne dies zu konkretisieren.

Jugend ohne Perspektiven

Dass die Botschaften eine so große Wirkung entfalten konnten, führen Beobachter auf die verzweifelte wirtschaftliche Lage und fehlende Zukunftsperspektiven zurück – insbesondere bei jungen Menschen in Marokko. „Uns geht es darum, unser Leben zu verbessern“, zitierte die Nachrichtenagentur Reuters den 16-jährigen Ayoub El Abyad, der sich mit seinem Cousin auf den Weg gemacht hatte.

Diplomatischer Streit und interner Machtkampf

Hinter dem Ansturm könnte weit mehr stecken als eine spontane Massenbewegung. Die spanische Onlinezeitung „The Objective“ berichtete unter Berufung auf Geheimdienstquellen, der spanische Geheimdienst habe die Regierung schon Tage vor der Eskalation gewarnt – doch die Hinweise seien ignoriert worden. Weiteren Recherchen zufolge könnte die Untätigkeit der marokkanischen Behörden mit einem internen Machtkampf zusammenhängen. Demnach gilt Fouad Ali El Himma, Berater und persönlicher Freund von König Mohammed VI., als Drahtzieher. Sein Ziel könnte es sein, die Regierung von Premierminister Aziz Akhannouch zu schwächen und die eigene Position zu stärken – knapp zwei Monate vor den Parlamentswahlen, bei denen El Himma mit einer eigenen Partei antritt.

Eine andere Theorie verweist auf die regionale Rivalität mit Algerien. Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez hatte am 20. Juli Algier besucht, was als Annäherung an Marokkos Rivalen gewertet wurde. Matteo Villa, Migrationsforscher am Italienischen Institut für Internationale Politische Studien, sagte dem „Guardian“: „Dass Sánchez nach Algerien gereist ist, hat Marokko nicht wirklich gefallen.“ Der letzte Massengrenzübertritt im Mai 2021 war ebenfalls eine Reaktion auf einen diplomatischen Streit gewesen, bei dem Marokko die Grenzkontrollen gelockert hatte. Villa: „50.000 Menschen kommen nicht über Nacht, wenn es normalerweise nur Hunderte pro Monat sind.“ Er vermutet, Marokko wolle zeigen, dass es „die Oberhand“ habe – und wisse, dass dies in Europa eine Überreaktion auslösen würde: „Sie lieben es, all die Streitigkeiten zwischen den europäischen Ländern zu beobachten.“

Wer profitiert von der Krise?

Die BBC fragte, ob die Migranten als politische Waffe eingesetzt worden seien. Der Journalist Andrea Rizzi schrieb in „El País“, die weltweite Rechte „hyperventiliert vor Freude“. US-Präsident Donald Trump, wütend auf Spanien wegen dessen Haltung im Konflikt mit dem Iran, sprach von einer „Katastrophe“ und einer „Invasion“. Auch Russland habe sich hämisch gefreut, so Rizzi: „Es liebt Chaos und Spaltung in Europa – alles, was die Verbündeten der Ukraine schwächt.“

Rückkehr und neue Barrieren

Bereits am Wochenende hatte sich die Lage in Ceuta weitgehend normalisiert. Fast alle Migranten seien freiwillig nach Marokko zurückgekehrt, weil sie keine Aussichten auf eine Weiterreise in die Europäische Union hatten, meldeten die spanischen Behörden. Fernsehbilder zeigten eine ruhige Küste; Versuche, über das Meer in die Exklave zu gelangen, seien laut RTVE nicht mehr beobachtet worden.

Gleichzeitig arbeitet Spanien daran, die Lücke im Grenzregime zu schließen. Am Freitag wurde eine 500 Meter lange aufblasbare orangefarbene Barriere im Meer befestigt. Nun installieren Arbeiter eine Bojenkette als physische Grenze. Hintergrund ist ein Urteil des spanischen Obersten Gerichtshofs, wonach eine sofortige Zurückweisung von Migranten nur dann zulässig ist, „wenn ein Zaun oder eine andere Sperre überwunden werden muss“. Mit den neuen Barrieren will Spanien genau diese Voraussetzung schaffen.