Berlin – Evelyn Palla, Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn AG, hat die Führungskräfte des Konzerns in einem Interview mit der „Welt am Sonntag" scharf kritisiert. Die bisherige Leistungskultur habe den Anforderungen an eine moderne Bahn nicht genügt, sagte Palla. Zugleich machte sie deutlich, dass sich das Management grundlegend ändern müsse, um die anhaltenden Probleme wie Zugverspätungen in den Griff zu bekommen. „Die Leistungskultur der Vergangenheit war für die Performance der Bahn nicht ausreichend, das wollen wir ändern", wird die Chefin des Staatskonzerns von der Zeitung zitiert.
Sie monierte, es sei „mehr Energie zum Erklären der Probleme verwendet worden als zu deren Lösung". Diese Praxis bezeichnete sie als „organisierte Verantwortungslosigkeit", die der Vergangenheit angehören müsse. Die Formulierung unterstreicht ihre Überzeugung, dass in dem Unternehmen zu viele Zuständigkeiten derart zergliedert sind, dass am Ende niemand für das Gesamtergebnis verantwortlich zeichnet. Die Folgen sind im Alltag vieler Fahrgäste spürbar: häufige Verspätungen, kurzfristige Zugausfälle und überfüllte Züge gehören aus Sicht von Reisenden seit Jahren zum Bahnfahren dazu.
Konzernumbau: Weniger Hierarchie, mehr Verantwortung
Seit ihrem Amtsantritt im vergangenen Jahr hat Palla einen Konzernumbau angestoßen, der unter anderem eine Verschlankung der Zentrale und eine Verlagerung von Verantwortung in die Fläche vorsieht. Das Ziel: Entscheidungen sollen dort fallen, wo der unmittelbare Kontakt zur Betriebsrealität besteht. „Wir haben viele Ebenen in der Verwaltung gestrichen", erklärte Palla. Aber allein dieser Schritt reiche nicht aus. „Verändern wird sich erst etwas, wenn sich das Management verändert, wenn Verantwortung in den dezentralen Einheiten auch wahrgenommen und gelebt wird", fügte die Konzernchefin hinzu.
Die Bahn hat in den vergangenen Jahren mit einer komplizierten Konzernstruktur zu kämpfen, die immer wieder als ein Grund für die schleppenden Entscheidungsprozesse galt. Palla will diese Strukturen vereinfachen und den einzelnen Geschäftsbereichen größere Handlungsspielräume eröffnen. Zugleich betonte sie, dass strukturelle Anpassungen nur dann Wirkung entfalten, wenn die Führungskräfte ihre neue Rolle aktiv ausfüllen. Es gehe nicht um bloße Umorganisation, sondern um eine gelebte Veränderung der Unternehmenskultur.
Leistung beginnt ganz oben
Die Bahn-Chefin machte keinen Hehl daraus, dass sie zuerst sich selbst und den Konzernvorstand in der Pflicht sieht. „Leistung beginnt ganz oben – zuerst bei mir selbst. Dann beim Konzernvorstand. Wir sind die erste Ebene, die das verkörpern und vorleben muss", stellte sie heraus. Mit dieser Aussage sandte sie ein klares Signal an die mittlere Führungsebene, die bisher häufig als Bremsklotz für Reformen wahrgenommen wurde. Palla fordert von den Führungskräften nicht weniger als einen Perspektivwechsel: weg vom Erklären von Problemen, hin zum Lösen.
Die „organisierte Verantwortungslosigkeit", die sie anprangert, äußere sich nach Pallaz Worten darin, dass eine Vielzahl von Ebenen existiere, auf denen Verantwortung weitergegeben statt übernommen werde. Die Verschlankung der Verwaltung sei daher ein notwendiger, aber nicht hinreichender Schritt. Erst wenn Führungskräfte sich mit ihren Entscheidungen identifizierten und die Konsequenzen trügen, werde sich die Performance der Bahn verbessern.
Herausforderungen für den Schienenverkehr
Die Kritik an der Leistungskultur fällt in eine Zeit, in der die Deutsche Bahn vor großen verkehrspolitischen Herausforderungen steht. Der Schienenverkehr soll in Deutschland ausgebaut und attraktiver werden, um die Klimaziele zu erreichen. Gleichzeitig kämpft der Konzern mit einer überlasteten Infrastruktur und einem wachsenden Fahrgastaufkommen. Für die Bahn-Chefin ist klar, dass diese Aufgaben nur mit einer funktionierenden Unternehmensführung zu bewältigen sind.
Ob die von Palla angemahnte Kulturänderung gelingt, dürfte sich in den kommenden Monaten zeigen. Die dezentralen Einheiten sollen mehr Entscheidungsbefugnisse erhalten, und die Zentrale wird schlanker. Entscheidend wird sein, ob das Management die neuen Freiheiten nutzt und Verantwortung tatsächlich übernimmt. Die Bahn-Chefin hat mit ihren Aussagen die Messlatte hoch gelegt. Fahrgäste und Politik werden aufmerksam beobachten, ob die Worte in Taten umgesetzt werden.



