Bahnchefin Evelyn Palla hat die mangelnde Leistungsbereitschaft von Führungskräften in ihrem Unternehmen angeprangert. In einem Interview mit der „Welt am Sonntag“ kritisierte sie die bisherige Leistungskultur als unzureichend und forderte einen grundlegenden Wandel. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie die Deutsche Bahn ihre Zuverlässigkeit verbessern kann – und das Management endlich Verantwortung übernimmt.
„Organisierte Verantwortungslosigkeit“
„Die Leistungskultur der Vergangenheit war für die Performance der Bahn nicht ausreichend, das wollen wir ändern“, sagte die Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn. Sie zog eine harte Bilanz: Es sei mehr Energie zum Erklären der Probleme verwendet worden als zu deren Lösung. „Das war am Ende so etwas wie organisierte Verantwortungslosigkeit. Das muss der Vergangenheit angehören.“
Mit diesen Worten stellt Palla die Führungskräfte des Konzerns in die Pflicht. Der Vorwurf wiegt schwer: Statt Lösungen zu erarbeiten, hätten sich die Verantwortlichen in Erklärungen verloren. Nun kündigt die Bahnchefin an, die Leistungskultur im Unternehmen grundlegend zu überarbeiten – von der obersten Führungsebene bis hin zu den dezentralen Einheiten.
Konzernumbau als erster Schritt
Palla hat nach ihrem Amtsantritt im vergangenen Jahr mit einem umfassenden Konzernumbau begonnen. Dieser sieht unter anderem eine Verschlankung der Zentrale und eine Verlagerung von Verantwortung in die Fläche vor. Die strukturellen Reformen seien jedoch nur ein Teil der Lösung. „Wir haben viele Ebenen in der Verwaltung gestrichen. Aber das allein macht noch keine bessere Bahn“, betonte sie.
„Verändern wird sich erst etwas, wenn sich das Management verändert, wenn Verantwortung in den dezentralen Einheiten auch wahrgenommen und gelebt wird“, fügte die Bahnchefin hinzu. Sie stellte klar, dass der Wandel an der Spitze beginnen müsse: „Leistung beginnt ganz oben – zuerst bei mir selbst. Dann beim Konzernvorstand. Wir sind die erste Ebene, die das verkörpern und vorleben muss.“
Pünktlichkeit: 58,7 Prozent im ersten Halbjahr
Das drängendste Problem bleibt die Pünktlichkeit im Fernverkehr. Im ersten Halbjahr waren lediglich 58,7 Prozent der Fernzüge pünktlich unterwegs. „Das ist kein guter Wert. Da müssen wir auch nichts beschönigen“, sagte Palla. Allerdings hätten in drei Viertel der Fälle die Verspätungen unter 15 Minuten gelegen. „Auch wenn wir insgesamt noch nicht zufrieden sind, dürfen wir die Deutsche Bahn nicht immer schlechter reden, als sie ist.“
Die offizielle Definition ist streng: Ein Fernzug zählt bereits ab einer Verzögerung von sechs Minuten als verspätet. Zugausfälle werden in der betrieblichen Pünktlichkeit – also der Messung, wie viele Züge in einem Zeitraum pünktlich am Ziel ankamen – nicht berücksichtigt. Für das laufende Jahr hatte Palla ein Pünktlichkeitsziel von mindestens 60 Prozent ausgegeben. Bisher fährt die Bahn diesem Ziel hinterher.
Schulnoten für die Zuverlässigkeit
Palla scheute auch vor einer klaren Bewertung nicht zurück. Auf die Frage, welche Note sie der Deutschen Bahn geben würde, antwortete die Bahnchefin: bei der Zuverlässigkeit eine 4 minus, insgesamt aber eine 3. „Wir werden oft nur an der Pünktlichkeit im Fernverkehr gemessen, das ist aber nur das halbe Bild“, sagte sie. Die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit sei oft zu einseitig, doch die Zahlen belegten zugleich den erheblichen Handlungsbedarf.
Der Druck auf das Management bleibt damit hoch. Palla hat die Erwartungen deutlich formuliert: Verantwortung übernehmen, Probleme lösen und die Pünktlichkeit verbessern. Ob die eingeleiteten Maßnahmen ausreichen, wird sich in den kommenden Monaten zeigen, wenn die Bilanz des laufenden Jahres genauer beurteilt wird.



