Die extrem niedrigen Wasserstände der Donau in Südosteuropa haben ein Relikt aus dem Zweiten Weltkrieg an die Oberfläche gebracht: In der Nähe der serbischen Hafenstadt Prahovo sind die Überreste einer deutschen Kriegsflotte sichtbar geworden. Eisenteile, Rümpfe und Aufbauten ragen aus dem schrumpfenden Fluss hervor, der infolge der anhaltenden Hitze und Trockenheit deutlich weniger Wasser führt. Die Schiffe wurden dort im Herbst 1944 absichtlich versenkt, als sich die deutsche Wehrmacht vor der anrückenden Roten Armee zurückzog.
Admiral gab Versenkungsbefehl
Der Rückzug der Wehrmacht aus Südosteuropa war von einem rigorosen Befehl begleitet: Keine brauchbare militärische Ausrüstung sollte in feindliche Hände fallen. Ein deutscher Admiral ordnete deshalb an, die auf der Donau stationierten Kriegsschiffe zu versenken – mit dem Ziel, die Fahrrinne flussaufwärts zu blockieren und so den sowjetischen Vormarsch zu verlangsamen. Dieser Plan hat bis heute ungewollte Folgen, denn die Wracks behindern die Schifffahrt in der Region erheblich.
Flaschenhals für Frachtschiffe
Schon bei normalen Wasserständen stellen die Wracks ein permanentes Hindernis dar. Nach Angaben der Europäischen Investitionsbank (EIB) verursachen die Überreste regelmäßig erhebliche Verzögerungen im Güterverkehr auf der Donau. Die Fahrrinne verengt sich an der betroffenen Stelle von 180 Metern auf knapp 90 Meter – ein kritisches Nadelöhr für Lastkähne und Transportschiffe. Die serbische Wirtschaft verliert dadurch nach Schätzungen jährlich rund fünf Millionen Euro.
Insgesamt wurden in der Nähe von Prahovo während des Zweiten Weltkriegs etwa 200 Schiffe versenkt. Darunter befinden sich bewaffnete Boote, mit Munition beladene Schiffe, Landungs- und Transportschiffe sowie Schlepper. Viele dieser Wracks liegen dicht unter der Wasseroberfläche und sind sowohl für die Schifffahrt als auch für die Umwelt ein Risiko.
EU-Projekt mit 16 Millionen Euro Zuschuss
Um die Engstelle zu beseitigen, unterstützt die Europäische Union ein ehrgeiziges Projekt: 21 besonders hinderliche Wracks sollen aus der Donau geborgen werden. Strategischer Partner und Geldgeber ist die EIB, die einen EU-Zuschuss in Höhe von 16 Millionen Euro bereitstellt. Bereits im Sommer 2024 gelang es den Experten, zwei Schiffsrümpfe mit Seilen anzuheben und abzutransportieren. Die EIB hofft, dass alle Arbeiten bis zum Jahr 2028 abgeschlossen sein werden.
Die Bergung ist allerdings komplex. Einige Wracks könnten noch Munition enthalten, warnt die Investitionsbank. „Aufgrund der schlechten Sichtverhältnisse im Fluss müssen Taucher die Schiffe von Hand untersuchen“, heißt es auf einer Projektwebseite. „Je nach Größe und Zustand können manche Schiffe möglicherweise nicht mehr geborgen werden.“ Für solche Fälle gibt es nach Angaben des Projekts drei Alternativen: Die Wracks können unter Wasser zerschnitten, ausgegraben oder im Flussbett vergraben werden. Diese Maßnahmen wurden bei zwei Wracks bereits durchgeführt.
Mahnmal und Touristenattraktion
Die freigelegten Wracks ziehen mittlerweile viele Schaulustige an. Für die Anwohner von Prahovo sind die rostigen Überreste der einstigen Kriegsflotte mehr als nur ein ungewöhnliches Fotomotiv – sie sind ein sichtbares Mahnmal für die Zerstörung des Krieges und zugleich ein ständiges Hindernis, das die Region jedes Jahr teuer zu stehen kommt. Während die EU die Bergung vorantreibt, bleibt die Donau bei Prahovo ein Ort, an dem Geschichte unmittelbar erfahrbar wird.



