Münchner arrangieren sich mit Verdi-Streik: S-Bahn als Rettungsanker im Verkehrschaos
Münchner arrangieren sich mit Verdi-Streik: S-Bahn als Rettung

Münchner Gelassenheit am zweiten Verdi-Streiktag

Am zweiten Warnstreiktag der Gewerkschaft Verdi in München präsentiert sich die Stadt erstaunlich entspannt. Während morgens keine U-Bahnen verkehren und Trambahnen sowie Busse nur äußerst eingeschränkt fahren, haben sich die Münchner Bürger mit den geplanten Ausfällen arrangiert. Die funktionierende S-Bahn erweist sich dabei als wichtiger Rettungsanker für Pendler und Berufstätige.

Geisterbahnhöfe und kreative Lösungen

Am U-Bahnhof Marienplatz säumt rot-weißes Flatterband die Bahngleise in beide Richtungen – ein Bild, das sich an vielen Stationen der Stadt wiederholt. Wer wichtige Termine wie Arztbesuche oder Prüfungen hatte, organisierte sich bereits Tage zuvor Alternativen wie Uber-Fahrten. Doch viele Münchner nutzen einfach die S-Bahn, die normal verkehrt, und gehen dann den letzten Wegabschnitt zu Fuß.

Eine Lehrerin in der S-Bahn-Linie 6, die in der Alten Heide unterrichtet, wird vom Hausmeister ihrer Schule mit dem Auto am Isartorplatz abgeholt – zusammen mit vier weiteren Pädagogen. „So ein Tag hat Vorteile. Ich kann meine Schüler bei Bewerbungen 1:1 betreuen“, erklärt sie. „Diesen Streiktag finde ich nicht chaotisch. Die S-Bahn ist nicht voll, die Gleise auch nicht. Der Verkehr für uns Pendler ist erstaunlich entspannt.“

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Solidarität und Kritik an Sonderbehandlung

Zimmerer-Azubi Julian Dürr (19) kommt zwar zu spät in seinen Maschinenkurs an der Berufsschule in der Elsenheimerstraße, weil er von der S-Bahn-Station Hirschgarten laufen muss, zeigt aber Verständnis für den Arbeitskampf: „Ich finde es gut, dass es die Gewerkschaft gibt, die für gute Arbeitsbedingungen kämpft. Zum Glück lebe ich in einem Land, in dem man streiken kann.“

Kritisch sieht der junge Mann jedoch die Sonderbehandlung des FC Bayern: „Ich wäre mit einem Shuttle-Bus von der Donnersbergerbrücke zum Spiel FC Bayern gegen RB Leipzig hingekommen. Ich finde es krass, dass der FC Bayern jetzt so wichtig ist, dass dafür der Streik gebrochen wird.“ Tatsächlich nimmt die U-Bahn-Linie 6 vom Marienplatz nach Fröttmaning bereits ab 10 Uhr ihren Betrieb auf – ursprünglich war erst ab 17.30 Uhr geplant – um Fans zum Abendspiel in die Allianz Arena zu bringen.

Touristen-Verwirrung und wirtschaftliche Realitäten

Am abgesperrten U-Bahnhof Marienplatz wundern sich Touristen über die Situation. „Crazy“, murmeln einige, während andere verwirrt ihre Handys konsultieren. Durchsagen informieren zwar über den Streik, erwähnen aber nicht die funktionierende S-Bahn-Alternative.

Die wirtschaftliche Notwendigkeit des Streiks unterstreicht die Lehrerin: „Lebensmittel sind so teuer geworden, auch für mich. Ich zahle schon 50 Euro für einen kleinen gefüllten Korb bei Aldi. Ich weiß nicht, wie das Leute machen, bei denen es finanziell vorher schon eng war.“

Kämpferische Gewerkschafter und politische Unterstützung

Bei der Verdi-Kundgebung am Straßenbahndepot Nähe Leuchtenbergring herrscht kämpferische Stimmung. Alfred Köhler, Vertrauensmann der Stadtwerke München und stellvertretender Betriebsratsvorsitzender der MVG, erklärt: „Heute ist kein Arbeitstag. Heute ist Verdi-Streiktag! Denn reden ohne Streik ist kollektives Betteln, finde ich. Wir betteln nicht mehr.“

Verdi-Verhandlungsführerin Katharina Wagner, die sich mit einem pinken Schal gegen die Kälte schützt, betont: „Es ist Druck im Kessel. Wir wissen, wo der Schuh drückt. Die Arbeit in der Werkstatt wird verdichtet. Schichtdienst im Fahrdienst ist hart. Es gibt krasse Krankenstände.“ Sie fügt hinzu: „Wir streiken für bessere Arbeitsbedingungen und mehr Lohn. Aber nicht gegen die Fahrgäste, sondern gegen das, was die Angestellten im ÖPNV kaputtmacht.“

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Politische Solidarität von der Linken

Politische Unterstützung erhält die Streikbewegung von der Partei Die Linke. Nicole Gohlke, Bundestagsabgeordnete für München-West, ergreift auf der Kundgebung das Mikrofon: „Großartig, dass ihr auf der Straße seid. Ihr seid goldrichtig mit euren Forderungen, damit die Stadt weiter funktioniert und die Infrastruktur nicht vor die Hunde geht.“ Sie lobt die Forderung nach der 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich als „Vorbild“ und fordert: „Bei steigenden Mieten, Energie- und Lebensmittelkosten braucht Arbeit eine angemessene Wertschätzung: also her mit der Kohle!“

Unter den Demonstranten finden sich auch Klimaaktivisten wie Michael Jäger (31) mit fünf Gymnasiasten, die ein Transparent mit der Aufschrift „Streiken bis zur Verkehrswende“ halten. Während die Sonne am Mittwochmittag herauskommt, zeigt sich: Der Münchner Alltag kommt trotz Streik erstaunlich gut zurecht – wenn auch mit einigen Umwegen und kreativen Lösungen.