Der in Westfalen geborene und im Westerwald aufgewachsene rechtsextreme AfD-Politiker Björn Höcke hat mit einer provokativen These für Aufsehen gesorgt. In einem Podcast mit Roger Köppel, dem Chefredakteur des rechtskonservativen bis rechtspopulistischen Schweizer Wochenmagazins „Weltwoche“, äußerte Höcke, dass Westdeutsche „Deutsch sprechende Amerikaner“ seien. Im Osten der Republik hingegen wohnten „Deutsch sprechende Deutsche“. Diese Einordnung, die er angeblich irgendwo gelesen habe, halte er für passend.
Höckes These von der Ersatzidentität
Höcke behauptete, die Menschen im Westen hätten sich nach der „von der Geschichte widerlegten Nation“ von sich selbst abgewandt und sich über Jahrzehnte eine Ersatzidentität geschaffen: die europäische Integration und die US-amerikanische Kultur. Von dieser hätten sie sich usurpieren lassen, so der Thüringer AfD-Landeschef. Im Osten seien die Menschen hingegen noch Deutsche. Dies sei eine „wichtige Ursache“ für die Ost-West-Dichotomie. Zugleich betonte er, kein Anti-Amerikaner zu sein.
Kulturverständnis zwischen Hyperkultur und Kulturessenzialismus
Die Äußerungen zeigen, welches Kulturverständnis der rechtsextreme Politiker hat. In der Kulturwissenschaft wird auf einem Spektrum mit unterschiedlichen Ausprägungen gern zwischen der Hyperkultur und dem Kulturessenzialismus unterschieden. Grob zusammengefasst steht in der Hyperkultur das Individuum im Vordergrund, das sich in einer globalisierten Welt selbst verwirklichen, also die zahlreichen Möglichkeiten in den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen nutzen kann. Die Leitbilder der Hyperkultur beschrieb der Soziologe Andreas Reckwitz beim „Deutschlandfunk“ mit Vielfalt und Kosmopolitismus.
Dem gegenüber steht der Kulturessenzialismus, für den die kollektive Identität einer Gemeinschaft zentral ist. Individuen sind nach diesem Verständnis geprägt durch eine gemeinsame Geschichte, Herkunft und Sprache. Das Individuum tritt zurück und gliedert sich ein ins Kollektiv. Die unterschiedlichen Spielarten können von regionalen Identitäten bis zu fundamentalistischem Terror reichen, wie Reckwitz erklärt. Während in der Hyperkultur Kulturen dynamisch und mobil sind, zieht der Kulturessenzialismus Grenzen zwischen der eigenen und den anderen Gruppen, aus denen in extremen Formen Feindbilder werden. Höcke überbetont regelmäßig Kategorien wie Identität, Volk und Familie. In der Forschung wird die Konstruktion angeblich homogener Kulturen und Identitäten als Neorassismus bezeichnet, wie die außeruniversitäre Forschungseinrichtung Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ) auf ihrer Webseite schreibt.
Rechtsextreme Narrative und Untergangsbilder
Wie viele Rechtsextreme zeichnet Höcke zudem Untergangsbilder des Westens. Deutschland sei etwa durch Zuwanderung so stark wie noch nie in seiner Geschichte bedroht, sagte er im Podcast. Diese Äußerungen können als das rechtsextreme Narrativ vom vermeintlichen „Großen Austausch“ gelesen werden. Dieser antimuslimischen und antisemitischen Erzählung nach zielten Eliten darauf ab, die europäische ‚Stammbevölkerung‘ durch kulturell ‚fremde‘ Bevölkerungsgruppen zu ersetzen.
Im Podcast bezeichnet Höcke Deutschland auch als Vasall der USA. Damit schlägt er in dieselbe Kerbe wie diverse AfD-Politiker. Tragfähig ist diese These allerdings genauso wenig. Vasallenstaaten unterstehen den Weisungen eines mächtigeren Staates. Davon kann trotz sicherheitspolitischer Abhängigkeiten bei der Bundesrepublik keine Rede sein. Auffällig ist überdies, dass Höcke die Prägungen von Ostdeutschland ausklammert. Die DDR war als Satellitenstaat der Sowjetunion 40 Jahre Teil des Ostblocks.
Höckes Selbstverständnis und rechtsextreme Vergangenheit
Sich selbst betrachtet Höcke derweil nicht als Westdeutschen, wie er, angesprochen auf sein Aufwachsen in Westdeutschland, ausführte. Er komme aus einer Vertriebenenfamilie und sehe sich als Gesamtdeutschen, sagte er mit Blick auf seine Großeltern väterlicherseits, die nach dem Zweiten Weltkrieg von Ostpreußen nach Westerstede im Ammerland umsiedelten. Höcke führt den AfD-Landesverband in Thüringen seit 2014 an. Der Verfassungsschutz schätzt die Partei in Thüringen als gesichert rechtsextremistisch ein. Höcke selbst wurde wegen des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen verurteilt. Wiederholt nutzte er die verbotene SA-Losung „Alles für Deutschland“.
Vor einigen Wochen hatte Höcke schon einmal in einem Podcast seine Thesen ausbreiten können. Im Podcast „Ungeskriptet“ von Ben Bernd durfte er viereinhalb Stunden reden – unkritisch begleitet vom Host –, was zu massiver Kritik führte.



