Zehn Jahre Putschversuch: Türkei ist eine andere – Can Dündar im Interview
Zehn Jahre Putschversuch: Türkei ist eine andere

In der Nacht des 15. Juli 2016 versuchen Teile des türkischen Militärs, Präsident Recep Tayyip Erdogan gewaltsam zu stürzen. Panzer rollen auf die Bosporus-Brücke in Istanbul, Kampfjets fliegen über die Stadt. Der Putsch scheitert, doch mehr als 200 Menschen kommen ums Leben, rund 2000 werden verletzt. Der Journalist Can Dündar, damals Chefredakteur der Zeitung "Cumhuriyet", erinnert sich im Interview mit ntv.de an die Ereignisse und ihre Folgen. Dündar saß von November 2015 bis Februar 2016 in der Türkei in Untersuchungshaft und wurde 2020 in Abwesenheit zu mehr als 27 Jahren Haft verurteilt. Heute lebt er im deutschen Exil.

Die Nacht des Putsches und ihre unmittelbaren Folgen

Dündar befand sich im Februar 2016 nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis in Barcelona, um ein Buch zu schreiben, als er von Kollegen über die Geschehnisse auf der Bosporus-Brücke informiert wurde. "Ich wollte sofort zurück. Ich rief meine Frau an; sie hatte sich im Haus versteckt, weil draußen Kämpfe tobten. Unser Viertel war einer der Brennpunkte des Putschversuchs. Sie konnte Schüsse hören", berichtet Dündar. Er buchte ein Flugticket für den nächsten Morgen, doch seine Anwälte rieten ihm, in Europa zu bleiben. Aus einer Weile wurden zehn Jahre Exil.

Nach dem gescheiterten Putsch begann eine massive Verhaftungswelle. "Am nächsten Morgen ging die Hexenjagd los, und sie war blutig", sagt Dündar. Zuerst traf es die Soldaten und Generäle, dann ihre Unterstützer. Erdogan nutzte die Gelegenheit, um seine Macht auszubauen: Gegner wurden als Putschisten gebrandmarkt, Richter und Staatsanwälte entlassen und durch Anhänger ersetzt. Der Ausnahmezustand wurde ausgerufen. "Der Putschversuch war ein Wendepunkt für die türkische Demokratie", betont Dündar. Nach einem Referendum 2017 führte Erdogan ein Präsidialsystem ein.

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Folgen für Journalisten und die Rolle der Gülen-Bewegung

Mehr als 100 Journalisten saßen im Gefängnis, darunter auch Kollegen Dündars bei der "Cumhuriyet". Sie wurden meist wegen angeblicher Unterstützung einer Terrororganisation verurteilt. Erdogan machte den Prediger Fethullah Gülen für den Putschversuch verantwortlich, der bis zu seinem Tod 2024 in den USA lebte. Dündar erklärt: "Gülen war ein bekannter Imam mit Millionen von Anhängern. Erdogan verbündete sich mit ihm, um an die Macht zu kommen, und vergab wichtige Posten in der Verwaltung, Polizei und Armee. Ab 2013 begann der Machtkampf."

Die Theorien zum Putschversuch sind vielfältig. Eine besagt, dass die Gülen-Bewegung innerhalb des Militärs putschte, um ihre Macht zu sichern. Eine andere, dass Erdogan den Putsch wissentlich zuließ, um ihn als Vorwand zu nutzen. Dündar vermutet: "Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Die Gülenisten waren mächtig genug, um den Putsch zu organisieren, aber Erdogan hat ihn auch ausgenutzt." Nach Gülens Tod versuchten einige Anhänger, die Bewegung neu zu formieren, scheiterten jedoch. In Deutschland beobachtet Dündar ein Missverständnis: "Wenn sie gegen Erdogan kämpfen, müssen sie zu den Guten gehören. Aber die Anführer unterscheiden sich kaum von Erdogan."

Erdogans Macht heute und die Rolle Europas

Zehn Jahre später werden immer noch Menschen wegen angeblicher Gülen-Verbindungen verfolgt. Im Mai 2026 ordnete ein Gericht die Absetzung des CHP-Vorsitzenden Özgür Özel an, um den ehemaligen Vorsitzenden Kemal Kılıçdaroğlu wieder einzusetzen. Dündar sieht darin einen Versuch Erdogans, die Opposition auszuschalten, nachdem er 2024 die Kommunalwahlen verloren hatte. "Erdogan kann mittels der Justiz die Politik gestalten. Das ist dem Putschversuch zu verdanken."

Die Reaktion Europas auf das Vorgehen gegen die Opposition ist verhalten. Dündar kritisiert: "Demokratie hat keine Priorität, Menschenrechte und Pressefreiheit haben keine Priorität. Sicherheitsbedürfnisse, eine starke Armee und die Rolle der Türkei als NATO-Mitglied sind wichtiger." Seit der Flüchtlingskrise 2016 und den Kriegen in der Ukraine und im Iran sei Erdogan für Europa noch wichtiger geworden. Innerhalb der Türkei hat Erdogan jedoch an Unterstützung verloren: "Die Meinungsumfragen von damals zeigten, dass er etwa 60 Prozent der Stimmen erhalten könnte. Heute liegen sie bei 30 Prozent, vor allem aus wirtschaftlichen Gründen."

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Hoffnung auf Demokratie und das Exil in Deutschland

Trotz der Rückschläge gibt Dündar die Hoffnung nicht auf: "Es stehen immer noch Wahlen an, und alle Meinungsumfragen zeigen, dass Erdogan verlieren würde." Er verweist auf das Beispiel Ungarn, wo ein mächtiger Autokrat an Einfluss verloren habe. Die Exilgemeinde in Deutschland wächst: "Wissenschaftler, Journalisten, Ärzte und Anwälte fliehen vor dem Regime – ein enormer Braindrain. Jetzt gibt es neue Buchhandlungen, Kulturzentren und Restaurants. Das gleicht die Bedrohungen aus, denen wir ausgesetzt sind." Dündar selbst sieht sich trotz Drohungen des türkischen Geheimdienstes gestärkt: "Jetzt fühlen wir uns stärker. Das ist eine weitere Folge des Putschversuchs: eine wachsende Exilgemeinde in Deutschland."